«Zeit für Bobby und die Modelleisenbahn» – Rorschachs Stadtpräsident Thomas Müller wird nach 16 Jahren im Amt feierlich verabschiedet

In seiner 16-jährigen Amtszeit hat der ehemalige Nationalrat und Stadtpräsident polarisiert. Zum Abschied gab’s nebst Seitenhieben vor allem wohlwollende Worte.

Jolanda Riedener
Drucken
Teilen
7 Bilder

Urs Bucher

16 Jahre, 3 Monate: so lange ist Thomas Müller Stadtpräsident von Rorschach. In seiner Karriere war er nicht unumstritten und nicht immer leicht im Umgang, wie Präsidenten der Nachbargemeinden in ihrer Würdigung beim Abschiedsapéro vom Donnerstag erwähnten. «Thomas Müller hat die Stadt geleitet und massgebend mitgeprägt», sagte Stadtrat Ronnie Ambauen in seiner Laudatio. Er sei angetreten, um den Turnaround zu schaffen. Ambauen sagte:

«Baustellen eröffnen, das tat der Stadtpräsident am liebsten.»

Sein Parteiwechsel von der CVP zur SVP sei etwas, das in den Köpfen hängen geblieben sei. Seine Handschlagqualität habe er etwa beim Landverkauf an Würth bewiesen. Müller sei seiner Arbeit mit Leib und Seele nachgegangen. Die Stadtapéros habe er stets mit Gelassenheit gemeistert. «Die freie Rede kann er am besten: Er wiederholt die gleiche Botschaft immer wieder, bis sie jeder kapiert.» Am wohlsten sei es ihm unter den Menschen und er sei einer, für den das Glas immer halb voll und nicht halb leer sei. Als Abschiedsgeschenk erhält Müller eine Mittelmeerreise.

Über 300 Gäste feierten mit Thomas Müller im Stadthofsaal. Darunter Rorschacherinnen und Rorschacher, Stadträtinnen, Gemeindepräsidenten, Kantonsräte, Wirtschaftsvertreter sowie die Familie. Nach Müllers Pensionierung bleibt mit seiner Tochter Claudia – die als Sachbearbeiterin bei der Stadtkanzlei eingestellt wurde – weiterhin jemand aus der Familie Müller im Rorschacher Rathaus.

Kein einfacher Verhandlungspartner

«Die Zusammenarbeit war nicht immer so einfach. Thomas Müllers Devise lautet ‹Rorschach First›, er liebt den Widerstand, und streitet gerne lustvoll», sagte Beat Hirs, Gemeindepräsident von Rorschacherberg. Doch eigentlich sei er ein herzensguter «Kerli». In drei Wochen sei er eine Privatperson und habe endlich Zeit für seine Modelleisenbahn, fuhr Hirs fort. Folglich erhält er zum Abschied unter anderem den Roten Pfeil, eine HEV-Loki, mehrere Postanhänger und natürlich Gleise «für den Doppelspurausbau» und Barrieren, «die gehören einfach zu Rorschach». Man habe beim Aussuchen des Geschenks Hilfe vom Kommunikationsberater Sven Bradke erhalten, ebenfalls begeisterter Modelleisenbähnler, der recht neidisch auf Müllers riesige Anlage im Estrich geworden sei.

Auch Goldachs Gemeindepräsident Dominik Gemperli erwähnte Müllers «freche Schnauze». Manche gemeinsame Sitzung habe kurz vor dem Abbruch gestanden. Der Stadtpräsident zeigte laut Gemperli aber auch seine weiche Seite, etwa wenn er von Hund Bobby redete.

Als «fair und offen», beschrieb ihn ein Gast. Müsste er Müller für seine Amtszeit eine Schulnote geben, wäre es eine 5,5. Viele im Publikum schlossen sich dem an oder geben Müller eine 5 «für das, was er für Rorschach geleistet hat». Was hätte er besser machen können? Die Kommunikation, manchmal sei er etwas zu diktatorisch aufgetreten. Oder Termine habe er nicht eingehalten, namentlich die Unterführung beim Stadtbahnhof: «Dafür gibt es nur eine 4,5.» Für die Abschaffung des Stadtparlaments erhält Müller Lob. Die wenigsten wollen sich beim Apéro kritisch über den abtretenden Präsidenten äussern: «In der Schule hiess es doch, wer anwesend ist, erhält eine 2. Und das war Müller meistens.»

Erfolg sollte rasch sichtbar werden

Nach seiner Wahl zum Stadtpräsidenten habe er sich gefühlt wie der Trainer, der mit seiner Fussballmannschaft Meister werden soll. «Ich habe gewusst, was die Rorschacher von mir erwarten», sagt Müller. Der Einwohnerrückgang in Rorschach habe die Finanzen aus dem Gleichgewicht gebracht, die Stadt sollte deshalb rasch wieder wachsen und Erfolg sollte rasch sichtbar werden: «Wir hatten keine Zeit für Hochglanzprojekte.» Weiter sagt Müller:

«Ich habe mich gerne für Rorschach eingesetzt, es war Leidenschaft, kein Bürojob.»

Im Rahmen des Agglomerationsprogramms habe die Region viel Geld abholen können, das sei auf seine Bemühungen im Nationalrat zurückzuführen. Er hoffe deshalb, dass bald wieder jemand aus der Region Rorschach in Bern vertreten sei. «Das, was Rorschach heute ist, ist das Resultat von Teamarbeit», sagt Müller und richtet seinen Dank an die Stadtverwaltung, den Stadtrat und seine Familie. «Danke für diese 16 Jahre.»

Letzter Glockenschlag für Thomas Müller

Rorschachs Stadtpräsident Thomas Müller darf sich an seiner letzten Bürgerversammlung über eine positive Rechnung und eine Steuerfusssenkung freuen. Die Gründung eines regionalen Investitionsfonds wird am Dienstagabend im Stadthofsaal abgelehnt.
Rudolf Hirtl