«Es war fast gespenstisch»: Die Schulzimmer in der Stadt St.Gallen blieben am Montag verwaist

Überraschung am ersten Tag, an dem die Schulen geschlossen bleiben: Kaum ein Kind nutzt die «Notfallbetreuung» in den Schulhäusern.

Christina Weder
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Ausnahmezustand an der Schule: Am Montagmittag waren im Schulhaus Spelterini, wo sonst 190 Kinder unterrichtet werden, nur gerade zwei Mädchen anzutreffen.

Ausnahmezustand an der Schule: Am Montagmittag waren im Schulhaus Spelterini, wo sonst 190 Kinder unterrichtet werden, nur gerade zwei Mädchen anzutreffen.

Bild: Benjamin Manser (St. Gallen, 16.März 2020)

Sie wussten nicht, was sie erwartete: Trotz Schulschliessung waren die Kindergärtnerinnen am Montagmorgen in den Kindergärten anwesend; und die Lehrerinnen und Lehrer erschienen ganz normal zur Arbeit. Um 7.50 Uhr standen sie mit Schulleiterin Romana Müller vor dem Eingang des Schulhauses Boppartshof, wo normalerweise rund 380 Schüler ein- und ausgehen. Hinzu kommen 160 Kindergärtler.

Doch es tauchte kein einziges Kind auf. «Es war fast gespenstisch», sagt Romana Müller. Sie hatte mit mehr Kindern gerechnet und erwartet, dass einzelne zumindest ihren Thek, die Hefte oder Bücher abholen. Doch auf dem Schulareal blieb es ruhig. Ein seltsames Gefühl für die Schulleiterin.

Das Schulhaus Boppartshof ist keine Ausnahme. Am ersten Tag, an dem die Primarschulen in der Stadt wegen des Corona-Virus geschlossen blieben, zeigte sich in allen Quartieren dasselbe Bild. Kaum ein Schulhaus zählte mehr als eine Handvoll Kinder. Leer blieben etwa die Schulhäuser Feldli und Schoren; sechs bis acht Kinder kamen ins Oberzil, je vier in die Schulhäuser Spelterini und Schönenwegen.

Im Schulhaus Boppartshof blieben die Stühle am Montag auf den Tischen.

Im Schulhaus Boppartshof blieben die Stühle am Montag auf den Tischen.

Bild: Benjamin Manser (St. Gallen, 16.März 2020)

Grosse Solidarität: Eltern haben sich untereinander organisiert

Der Entscheid des Bundesrats, die Schulen zu schliessen, sei unerwartet gekommen. «Wir sind davon überrumpelt worden», sagt Florian Sauer von der städtischen Dienststelle Schule und Musik. Über das Wochenende wurden Eltern aufgefordert, die Betreuung ihrer Kinder selber sicherzustellen – allerdings ohne Personen über 65 Jahre damit zu beauftragen.

Wer keine Lösung fand, konnte die Kinder am Montagmorgen zur üblichen Zeit in die Schule, den Kindergarten oder die Tagesbetreuung schicken. Die Schulen mussten – so hatte es die Kantonsregierung entschieden – ein Betreuungsangebot vor Ort auf die Beine stellen.

In einem E-Mail, das die Eltern am Sonntag erreichte, war von einem «Notfallbetrieb» die Rede. Sie wurden gebeten, ihre Kinder nur dann zur Schule zu schicken, wenn sie wirklich keine andere Wahl hätten.

Die Eltern sind dieser Bitte offensichtlich nachgekommen und haben sich übers Wochenende organisiert. Das sei erfreulich, sagt Florian Sauer. Die Solidarität untereinander sei gross, beobachtet auch Schulleiterin Romana Müller. Nun müsse man von Tag zu Tag schauen, wie viele Kinder kämen.

Auch die Garderoben blieben leer.

Auch die Garderoben blieben leer.

Bild: Benjamin Manser (St. Gallen, 16.März 2020)

Müller hat ein intensives Wochenende hinter sich. Sie hat eine Krisensitzung abgehalten, Eltern informiert, Betreuungspläne erstellt und sich Gedanken darüber gemacht, wie die Kinder in der Schule gehütet werden sollen, welche Regeln gelten, wie der nötige Abstand gewahrt werden könne. Bastelsachen wurden vorbereitet.

Und dann die groteske Situation: Sämtliche Lehrpersonen sind am Montag gemäss Stundenplan anwesend. Doch die Kinder fehlen. Ihre Kleiderhaken bleiben leer, die Finken stehen aufgereiht in der Garderobe, in den Schulzimmern ist aufgestuhlt.

Und der Pausenplatz ist verwaist. Auf der Spielwiese kicken zwei Kinder Bälle ins Goal. Und vor dem Kindergarten dreht ein Mädchen auf einem Spielzeugtraktor ein paar Runden. Die Kleine sagt:

«Ich wäre heute lieber in den Kindergarten gegangen und hätte mit dem Schloss gespielt.»

Ihre Mutter sagt, im Moment fühle sich das ein bisschen wie Ferien an. Doch die Frage sei, wie lange diese «Ferien» andauerten.

Aber was machen die Lehrerinnen und Lehrer in diesen Tagen in den leeren Schulhäusern? Gemäss Florian Sauer gilt für sie die normale Arbeitszeit. Sie seien nun damit beschäftigt, den Unterricht aus der Ferne aufzugleisen und Aufträge für die Schülerinnen und Schüler vorzubereiten (siehe Zweittext).

Spätestens ab Donnerstag soll es solche geben. Schulleiterin Romana Müller sieht das als Chance: nun habe man die Möglichkeit, den Unterricht weiterzuentwickeln und das eigenständige Lernen zu fördern. «Wir müssen positiv bleiben.»

Statt Schule: Rätsel lösen und mit den Lehrern Znüni essen

Auch im Schulhaus Spelterini wusste Schulleiter Michael Werner gestern nicht, was ihn erwartete, als er zur Arbeit erschien. Von insgesamt 190 Kindern, die hier unterrichtet werden, traf er gerade einmal vier Kinder an. Drei Mädchen aus der fünften Klasse wurden vom Medienpädagogen des Schulhauses betreut. Sie lösten ein Rätselspiel, probierten ein Video-Schnittprogramm aus. Und assen ausnahmsweise im Teamzimmer der Lehrer Znüni. Das sei cool und lustig gewesen, finden sie.

Schulleiter Michael Werner ist überrascht, wie wenig Kinder betreut werden mussten, und gleichzeitig erfreut, dass die Eltern die Situation ernstgenommen hätten. Nun müsse man sehen, wie es weitergehe. Es sei gut möglich, dass plötzlich doch noch Bedürfnisse angemeldet würden oder den Eltern die Decke auf den Kopf falle. Denn der Ausnahmezustand hat gerade erst begonnen.

Das sagt der Leiter der Dienststelle Schule und Musik: «Eltern müssen nicht Hilfslehrer sein»

Seit Montag sind die Schulen geschlossen, der Unterricht fällt aus. Auch in der Stadt St.Gallen müssen die Kinder zu Hause bleiben. Florian Sauer von der städtischen Dienststelle Schule und Musik sagt, was sie nun erwartet.

Florian Sauer, Abteilungsleiter, Dienststelle Schule und Musik.

Florian Sauer, Abteilungsleiter, Dienststelle Schule und Musik. 

Bild: PD

Was passiert nun mit den Kindern, die zu Hause betreut werden? Haben sie jetzt schulfrei?

Florian Sauer: Nein, aber sie haben keine Präsenzverpflichtung. Die Lehrerinnen und Lehrer überlegen sich nun, wie der Unterricht aus der Ferne stattfinden kann und welche Aufträge sie den Kindern geben können.

Liegt das Lernen denn jetzt in der Verantwortung der Eltern?

Nein, die Eltern sind keine Hilfslehrer und müssen auch nicht den Lehrplan abarbeiten. Die Kinder sollen die Aufgaben, die sie erhalten, selbstständig lösen können. Es ist klar, dass nicht alle auf die Unterstützung der Eltern zählen können. Wir sind in einer Ausnahmesituation.

In welchem Umfang müssen die Kinder zu Hause Aufgaben lösen und sich ans Pult setzen?

Dazu gibt es von der Dienststelle keine Weisungen. Es gelten die kantonalen Vorgaben: Für die Primarschule sind es zwei bis drei Stunden pro Tag, für die Oberstufe drei bis vier Stunden. Die Klassenlehrpersonen müssen die Si­tuation einschätzen und die Aufträge erteilen. Je kleiner die Kinder sind, desto schwieriger ist das. So stellt sich etwa die Frage, was wir mit Erstklässlern machen. Sie sind es nicht gewohnt, am Computer zu arbeiten. Aber es bietet sich für uns die Chance, den Unterricht nun weiterzuentwickeln.

Wie schätzen Sie die Situation für die Eltern ein?

Für sie ist es eine Herausforderung. Das Sozialleben ist eingeschränkt wie auch das Freizeitangebot. Es stellt sich die Frage, wie es ihnen geht und wie sich die Kinder entwickeln, wenn der Zustand über längere Zeit anhält. Wir müssen davon ausgehen, dass die Schulen auch nach den Frühlingsferien noch geschlossen bleiben. (cw)