Interview

«Es tut im Herzen weh, keine Besucher empfangen zu können»: Wie das St.Galler Pflegeheim Bürgerspital Videotelefonie mit Angehörigen ermöglicht

Im Alterszentrum des Bürgerspitals in St.Gallen gilt wie vielerorts ein Besuchsverbot. Kerstin Bilinski, Leiterin des Pflegeheims, erzählt, wie sie den Kontakt zu den Angehörigen per Videotelefonie ermöglicht.

Dinah Hauser
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Derzeit wegen dem grassierenden Coronavirus nicht möglich: Nahes Beisammensein im Altersheim.

Derzeit wegen dem grassierenden Coronavirus nicht möglich: Nahes Beisammensein im Altersheim.

Bild: Christian Beutler / KEYSTONE

Im Alterszentrum des Bürgerspitals gilt seit rund drei Wochen ein Besuchsverbot. Das betrifft rund 130 Bewohner auf vier Abteilungen, darunter auch zwei geschlossene Demenzabteilungen. Kerstin Bilinski, Leiterin des Pflegeheims, erzählt, wie sie den Kontakt zu den Angehörigen per Videotelefonie ermöglicht.

Wie hat sich der Alltag seit dem Besuchsverbot im Bürgerspital verändert?

Kerstin Bilinski: Besonders die Atmosphäre hat sich verändert. Es ist nun ruhiger und leer geworden. Dafür haben wir nun mehr Zeit, auf die Bewohnerinnen und Bewohner einzugehen. Manchmal vermisse auch ich die Besucher aber schon.

Wie sieht es mit der Arbeitsbelastung aus?

Da etwa die Tagesklinik und andere Abteilungen geschlossen wurden, steht uns nun viel mehr Personal zur Verfügung. Sogar Mitarbeiter in den Ferien wollen helfen, falls sie gebraucht werden. Zum Glück haben wir bisher keine Ausfälle – und wir setzen alles daran, dass es so bleibt.

Wo wird das zusätzliche Personal eingesetzt?

Die Mitarbeiter helfen in der Pflege mit. Auch das Beschäftigungsangebot ist intensiver: Auf den Demenzabteilungen betreut nun eine Pflegeperson einen Bewohner. Auf der Normalstation sind Kleingruppen möglich, natürlich mit genügend Abstand. Die Bewohner geniessen es, dass wir mehr auf sie eingehen können.

Zeigen die Angehörigen Verständnis für das Besuchsverbot?

Einige wenige finden die Massnahmen übertrieben. Viele hingegen reagieren verständnisvoll. Sie sprechen uns Mut zu und bringen uns Vertrauen entgegen, dass wir gut für die Bewohner sorgen. Das ist ein sehr schönes Gefühl, denn wir wollen schliesslich nur das Beste für alle. Uns selbst tut es im Herzen weh, dass wir keine Besucher empfangen können.

Dürfen die Bewohner noch nach draussen?

Wir haben einen grossen Park. Diesen nutzen wir auch rege, die Bewohner sollen sich bei gutem Wetter auch draussen bewegen können. Jeder, der gerade nichts zu tun hat, begleitet einen Bewohner.

Kerstin Bilinski, Leiterin Pflegeheim Alterswohnsitz Bürgerspital.

Kerstin Bilinski, Leiterin Pflegeheim Alterswohnsitz Bürgerspital.

Bild: PD

Wie kommunizieren die Bewohner mit den Angehörigen?

Wir haben auf jeder Abteilung ein Tablet mit grossem Bildschirm angeschafft. Mit den Angehörigen machen wir dann Termine aus und unterstützen die Bewohner beim Einrichten des Videochats. Mittlerweile gehören sie zum Alltag und die Leute haben Freude das Gesicht des Gegenübers zu sehen. Das ist doch schon etwas ganz anderes, als nur zu telefonieren.

Wie sind die Erfahrungen mit der Videotelefonie?

Einige Angehörige haben keine geeigneten Geräte. Da wird auf das normale Telefon zurückgegriffen. Jenen Angehörigen, die es zum ersten Mal versucht haben, sagten wir, sie müssten nur den Anruf entgegennehmen. Bei den Demenzkranken gibt es auch immer wieder schöne und amüsante Erlebnisse. Eine Dame sagte etwa zum Ehemann: Was machst du denn hier?

Welches Erlebnis ist ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Ich war beim allerersten Videogespräch dabei. Eine Frau mit schwerer Demenz und ihr Ehemann hatten sich über eine Woche nicht mehr gesehen. Er hatte Angst, dass sie ihn nicht wieder erkennt. Als dann das Videogespräch zu Stande kam, fragte er immer wieder: Erkennst du mich noch? Und sie erwiderte jedes Mal: Ja, natürlich erkenne ich dich. Das hat mein Herz berührt und ich wusste, wir machen das Richtige und bringen den Menschen etwas Freude in dieser schwierigen Zeit.