«Es kämpfen momentan alle ums Überleben»: St.Galler Beizer und Geschäftsbesitzer sind auf sich alleine gestellt

Restaurants und Geschäfte bleiben geschlossen. Viele Besitzer können kaum mehr die Miete bezahlen.

Christoph Renn
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Aufgestuhlt statt Stelldichein: Die St.Galler Gastronomie erlebt wegen der Coronakrise schwierige Zeiten.

Aufgestuhlt statt Stelldichein: Die St.Galler Gastronomie erlebt wegen der Coronakrise schwierige Zeiten.

Bild: Urs Bucher

Der Lockdown ist in der ganzen Stadt spürbar, die Strassen sind leer. Samuel Zuberbühler, Leiter der Standortförderung, spricht von einer extrem krassen Situation für das lokale Gewerbe. Die Coronakrise trifft die Restaurants, Bars und Geschäfte der Innenstadt stark. Von einem Tag auf den anderen mussten sie die Türen schliessen. Die Rechnung ist einfach: Die Fixkosten bleiben, während der Umsatz ausfällt. Die Mieten machen einen grossen Teil der Ausgaben aus. Genau bei diesem Punkt sind die Unternehmer und Gastronomen aber auf sich alleine gestellt.

René Rechsteiner, Präsident von Gastro Stadt St.Gallen

René Rechsteiner, Präsident von Gastro Stadt St.Gallen

Bild: PD

Dabei geht es allen gleich. «Einige Restaurants versuchen sich mit Take-Aways oder Hauslieferungen über Wasser zu halten», sagt René Rechsteiner, Präsident von Gastro St.Gallen. Doch nicht alle könnten ein solches Angebot von Null aufbauen. Zudem sei die Konkurrenz durch die bereits bestehenden Lieferservices gross.

Am Anfang des Lockdown hätten neue Angebote zwar noch einen leichten Boom erfahren, dieser habe sich aber inzwischen gelegt. «Ich weiss nicht, ob sich der Aufwand für einen Take-Away finanziell überhaupt rechnet», sagt Rechsteiner. Denn die Stadt sei wie ausgestorben. Viele Kundinnen und Kunden gebe es im Moment nicht.

Viele Läden bleiben auf der Frühlingsmode sitzen

Neben den Restaurants durchleben auch die Geschäfte eine schwierige Zeit. Er könne zwar nur Vermutungen anstellen, sagt Ralph Bleuer, Präsident von Pro City St.Gallen. Doch denke er, dass im Moment alle ums Überleben kämpfen. Hart sei vor allem, dass der Umsatz vor den Ostern fehlt und die Kleiderläden auf ihrer Frühlingsmode sitzen bleiben. Ähnlich wie die Gastronomen würden viele versuchen, doch noch irgendwie Geld zu verdienen. So bieten nun viele Geschäfte ihr Angebot online an. Bleuer sagt: 

«Viele Sanktgallerinnen und Sanktgaller wissen aber nicht, dass das lokale Gewerbe weiter Waren anbietet.»

Deshalb sei es umso wichtiger, mit seinen Kunden auch während der Coronakrise in Kontakt zu bleiben.

In Kontakt müssen die Unternehmer wie auch die Gastronomen auch mit ihren Vermietern bleiben. Denn die monatliche Miete reisst ein grosses Loch ins Portemonnaie. Eine gesetzliche Regelung fehlt. «Jeder muss das Gespräch mit seinem Vermieter suchen», sagt René Rechsteiner. Er habe von Vermietern gehört, die beispielsweise ihren Mietzins reduzieren oder gar erlassen. Doch gebe es auch solche, die auf den vollen Betrag bestehen. Rechsteiner hofft nun, dass der Bund eine klare Vorgabe gibt, an der sich sowohl die Mieter als auch die Vermieter halten können.

Pro-City-Chef Ralph Bleuer.

Pro-City-Chef Ralph Bleuer.

Bild: Michel Canonica

Auch Ralph Bleuer hat von verschiedenen Lösungen gehört. «Regelmässige Gespräche mit den Vermietern sind im Moment das Wichtigste. Es gibt für jeden eine unterschiedliche Lösung.» Dabei sei es meist einfacher mit kleinen, privaten Vermietern zu verhandeln. «Ich habe aber auch gehört, dass einige institutionelle Vermietern auf Anfragen keine Antwort gegeben hätten.»

Für die Stadt ist der Fall klar: «Wir müssen dem lokalen Gewerbe unter die Arme greifen», sagt Standortförderer Zuberbühler. Deshalb gebe es bei allen städtischen Liegenschaften eine Stundung für Mieter mit Liquiditätsengpass. Eine Kontaktaufnahme mit der Verwaltung sei aber wichtig. Dies ist für Rechsteiner zwar ein guter Ansatz, doch sei es nur ein Verschieben der Problematik. Denn: «Wer zahlt die Zeche danach?», fragt er. Das Geld sei ja nicht geschenkt.

Die Gesundheit geht vor

Was den Restaurants und Geschäften der Stadt zudem zu schaffen macht, ist, dass sie nicht planen können. «Wir wissen nicht, wie lange der Lockdown noch dauert», sagt Rechsteiner. Natürlich gehe die Gesundheit vor, doch wirtschaftlich sei die Situation schon sehr schwierig. Zudem bräuchten die Geschäfte laut Ralph Bleuer Vorlaufzeit, bevor sie wieder eröffnen können.

Ein früher Entscheid und gute Kommunikation durch den Bundesrat seien deshalb essenziell. Doch auch wenn das Geschäft wieder starten könne, ob mit einer teilweisen Lockerung oder einer vollständigen Öffnung, laufe die Wirtschaft nicht sofort wieder auf Hochtouren, ist sich Rechsteiner sicher.

«Es wird seine Zeit brauchen, denn die Leute werden noch immer Berührungsängste haben.»

Doch sowohl Bleuer als auch Rechsteiner geben die Hoffnung noch nicht auf. «Es nützt nichts, den Kopf in den Sand zu stecken», sind sie sich einig. Nun sei Kreativität gefragt. Der Faktor Zeit sei jedoch entscheidend. Viele können nur eine gewisse Zeit die Konsequenzen zu tragen.

«Doch die Lage wird bereits jetzt gravierende Auswirkungen haben», sagt Bleuer. Ob und wie viele Geschäfte und Restaurants ihre Türen nach der Krise ganz schliessen müssen, können beide nicht sagen. «Es wird sicher einige treffen», sagt Rechsteiner. Denn die Situation sei vor allem deshalb schwierig, weil die nahe Zukunft unklar sei. Wichtig sei zudem, wie die Versicherungen mit Corona umgehen. Werden sie Entschädigungen zahlen oder nicht?

Stadt unterstütz lokales Gewerbe

Bei der Stadt versucht man derweil, die lokalen Unternehmen zu unterstützen. Im Bereich der Mieten seien ihr zwar die Hände gebunden, sagt Samuel Zuberbühler. Sie versuchen jedoch, die Bevölkerung darauf aufmerksam zu machen, dass viel lokale Gewerbebetriebe weiterhin Produkte online anbieten würden. Dabei hoffe er auf die Solidarität der St.Galler Stadtbevölkerung.

«Wer etwas bestellt, soll sich doch überlegen, dass man das bei einem lokalen Anbieter macht, statt bei einem internationalen Onlineriesen.»

Aus eigener Erfahrung wisse er, dass dies sehr gut funktioniere. «Die Geschäfte sind sehr zuvorkommend und die Lieferzeit meist viel kürzer als bei den international tätigen Unternehmen.» Deshalb arbeite die Standortförderung zur Zeit an einem Überblick, welche Geschäfte über welchen Kanal auch in der Krise ihre Ware anbieten.

Hinweis: www.stadtsg.ch/jetzterstrecht

Wegen Virus geschlossen: Die Miete bleibt eine Bürde

Der Bundesrat will die Nachfristen für säumige Mieter verlängern. Auch viele Vermieter von Geschäftslokalen bieten Stundung an. Wirte und andere Gewerbler fordern aber eine Reduktion der Lokalmieten. Ein Mietaufschub verschiebe nur das Problem.
Kaspar Enz