«Es ist extrem ärgerlich»: Bei der Neugestaltung des Broderbrunnens  kommt es zur Blockade

Nur den Brunnen neu zu gestalten, sei nicht sinnvoll, sagt der Stadtrat. Für diese Antwort brauchte er elf Jahre.

Daniel Wirth
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Um den monumentalen Brunnen hat es fast nichts als Asphalt. Daran stört sich Thomas Schwager: «Der Platz ist öde.» (Bild: Ralph Ribi)

Um den monumentalen Brunnen hat es fast nichts als Asphalt. Daran stört sich Thomas Schwager: «Der Platz ist öde.» (Bild: Ralph Ribi)

«Das ist nicht zu glauben!», sagt Thomas Schwager. Der Kantonsrat und Präsident der Grünen des Kantons St.Gallen politisiert schon seit fünf Jahren nicht mehr im Stadtparlament. Dennoch regt er sich über den stadträtlichen Postulatsbericht auf, der am Dienstag im Stadtparlament behandelt wird – über elf Jahre, nachdem Thomas Schwager und Christine Bölsterli-Wickart (CVP) ihren Vorstoss zum Broderbrunnen eingereicht haben.

Darin postulieren sie einen würdigen Platz mit Grünflächen für den Broderbrunnen, der seit über 120 Jahren beim Multertor am Oberen Graben steht.

Einweihung anno 1896

Der Broderbrunnen wurde 1896 eingeweiht. Geschaffen wurde er vom Toggenburger Bildhauer August Bösch. Das extravagante Werk ist eine Hommage an die Ingenieure, welche die erste Bodenseewasserleitung hinauf in die Stadt gebaut hatten; am 1. Mai 1895 floss zum ersten Mal Bodenseewasser in die St.Galler Haushalte. Ermöglicht wurde der Bau durch ein Legat des Sarganser Kantonsrichters Hans Broder (1845–1891), der dem Brunnen seinen Namen gab. Der Broderbrunnen gehört zum Schweizerischen Inventar der Kulturgüter von nationaler Bedeutung.

In seinem fünfseitigen Bericht schreibt der Stadtrat, der Broderbrunnen und sein Vorplatz befänden sich in einem städtebaulich neuralgischen Gebiet. Dieser Raum sei gegenwärtig Gegenstand verschiedener stadtplanerischer Anstrengungen. Für Thomas Schwager ist der Fall klar:

«Immer wird der Strasse der Vorrang gegeben.»
Thomas Schwager, 2008 Postulant im Stadtparlament, heute Kantonsrat

Thomas Schwager, 2008 Postulant im Stadtparlament, heute Kantonsrat

Abgestützt auf ein Betriebs- und Gestaltungskonzept für den Oberen Graben und die St.-Leonhard-Strasse bezeichnet der Stadtrat das Gebiet stadträumlich und verkehrstechnisch als eine «Lebensader». In städtebaulicher Hinsicht gehe es dabei um weit mehr als lediglich um die Abwicklung der erforderlichen Verkehrskapazitäten. Die Achse bildet ein Scharnier zwischen Altstadt und westlicher Vorstadt.

In einen grösseren Zusammenhang stellen

Rund um den Brunnen auf dem ehemaligen Lindenplatz überlagern sich raumbildende Bauten unterschiedlicher Epochen, wie das «Multertor» (UBS) aus der Neurenaissance oder das in den 1960er Jahren erbaute Haus, in dem die Grossbank Credit Suisse ist. Sie bilden gemäss Stadtrat einen gewachsenen Komplex. Im Wissen, dass Sanierungsbedarf bei den Bodenbelägen besteht, haben die Dienststellen Stadtplanung und Tiefbau eine Vorstudie zu diesem Gebiet in Auftrag gegeben.

Betrachtet wird dabei ein Perimeter, der nordwärts bis zum Schibenertor reicht, wo dereinst in der «Union» die neue Publikumsbibliothek von Stadt und Kanton St.Gallen hineinkommt. Nicht zuletzt deshalb seien Spezialisten der Meinung, dass eine Neugestaltung des Broderbrunnens nur einem grösseren städtebaulichen Kontext Sinn ergibt. Von einer voreiligen, isolierten Planung der Neugestaltung sei deswegen Abstand zu nehmen, argumentiert der Stadtrat. Dass der Broderbrunnen und seine Umgebung in den kommenden Jahren eine Neugestaltung erfahren würden, stehe ausser Frage. Offen sei lediglich der genaue Zeitpunkt der Sanierung.

Der Postulant ist mit dem Bericht gar nicht zufrieden

Dass der Stadtrat das Postulat nun abschreiben möchte, ist für Schwager «extrem ärgerlich». Mehrmals habe der Stadtrat das Stadtparlament um eine Verlängerung ersucht, um das Postulat zu beantworten. In der Tat machte er das jüngst am 2.Juli dieses Jahres. Dabei geht das Anliegen, den Platz neu zu gestalten, zurück bis in die 1990er Jahre. Thomas Schwager fordert eine baldige sanfte Neugestaltung des Broderbrunnens. Sonst bleibe der heutige Zustand auf Jahre hinaus blockiert.

Ein würdiger Rahmen für den St.Galler Broderbrunnen: Diskussionen seit 1998

Einmal im Jahr berichtet der Stadtrat dem Parlament über hängige Vorstösse. Die Vorlage ist immer ein Rundgang über die politischen Baustellen der Gallusstadt. Diesmal stechen zwei "ewige" Themen heraus: der Wildnispark Goldachtobel und der lieblos gestaltete Platz rund um den Broderbrunnen.
Reto Voneschen