Interview

«Es gibt eine Notbetreuung»: Der Gossauer Schulpräsident sagt, wie es nach den Schulschliessungen weitergeht

Im Interview erklärt Urs Blaser, wie die Kinder weiterhin unterrichtet werden und was passieren würde, wenn die Schulen noch länger geschlossen bleiben müssten.

Interview: Michel Burtscher
Drucken
Teilen
 In den Gossauer Schulen findet ab heute kein Unterricht mehr statt. Im Bild das OZ Rosenau.

In den Gossauer Schulen findet ab heute kein Unterricht mehr statt. Im Bild das OZ Rosenau.

Beat Belser

Ab heute findet in den Gossauer Schulen, wie auch in allen anderen im ganzen Land, kein Unterricht mehr statt. Am Freitag hat teder Bundesrat entschieden, die Schulen wegen der Ausbreitung des Corona-Virus bis zum 4. April zu schliessen. Über das Wochenende haben die Klassenlehrer die 1600 Gossauer Schülerinnen und Schüler sowie ihre Eltern telefonisch über die nächsten Schritte informiert. Schulpräsident Urs Blaser erklärt im Interview, wie diese aussehen.

Schulpräsident Urs Blaser

Schulpräsident Urs Blaser

Ralph Ribi

Die Schule Gossau hat bereits vor über zwei Wochen ein Pandemieteam eingesetzt. Haben Sie sich auf das Szenario Schulschliessung vorbereiten können?

Urs Blaser: Das Pandemieteam hatte vor allem die Aufgabe, die Situation zu beobachten und die Lehrerschaft zu informieren. Diese wurde zwar auf die Möglichkeit einer Schulschliessung hingewiesen, in der Tiefe hatten wir uns aber noch nicht damit befasst. Zwar sagten Experten ab Mitte vergangener Woche, dass Schulschliessungen wahrscheinlicher würden. Wir waren dann aber doch überrascht, wie schnell der Entscheid kam.

Der Bund hatte zuvor immer wieder betont, die Schliessung von Schulen sei wenig zielführend oder sogar kontraproduktiv.

Ja, diese Argumentation habe auch ich übernommen. Ich hatte den Eindruck, dass es das Beste sei, wenn die Kinder normal in die Schule gehen. Sie zählen ja nicht zur Risikogruppe und würden sonst möglicherweise von den Grosseltern gehütet, die als gefährdet gelten. Aber nun hat der Bundesrat aufgrund neuer Studien so entschieden und wir hinterfragen das nicht.

Was passiert nun mit Kindern, die nicht von ihren Eltern betreut werden können, weil diese etwa berufstätig und wenig flexibel sind?

Das war meine grösste Sorge. Eines ist mittlerweile klar: Die Kindertagesstätten müssen offen bleiben und funktionieren wie bisher, wobei neue Kinder nicht mehr zugelassen werden. Es gibt jedoch eine Notbetreuung während der Schulzeiten, in die ab Mittwoch einerseits Kinder kommen können, die bisher in den Tagesstrukturen waren, und andererseits auch solche, deren Eltern eine anderweitige Betreuung noch nicht organisieren konnten.

Wie gross wird die Nachfrage danach überhaupt sein?

Abklärungen haben gezeigt, dass rund ein Viertel der Eltern, deren Kinder bisher in den Tagesstrukturen waren, zumindest zu Beginn dieser Woche dringend ein Betreuungsangebot braucht. Mir ist wichtig, dass kein Kind auf sich alleine gestellt ist. Gleichzeitig müssen wir aber aufpassen, dass wir die Massnahme des Bundesrates nicht unterlaufen.

Wie meinen Sie das?

Es ist nicht das Ziel, dass wir die Schulen schliessen und alle Kinder dann in dieser Notbetreuung sind. Viele Eltern haben sich aber schon organisiert.

Die Schulen haben weiterhin einen Bildungsauftrag. Wie werden die Kinder in der nächsten Zeit unterrichtet?

Bei der Oberstufe sind wir bereit. Dort machen wir schon heute vieles über die digitalen Kanäle. Gewisse Lehrerinnen und Lehrer haben am Wochenende bereits Aufträge erarbeitet, die sie per E-Mail an die Schüler verschicken. Schwieriger wird es bei der Primarstufe und vor allem beim Kindergarten.

Wieso?

Wir hoffen ja nicht, dass die Kinder in diesem Alter schon die ganze Zeit vor dem Bildschirm sitzen. Wir müssen nun schauen, ob und wie wir den Fernunterricht auf diesen Stufen organisieren.

Wäre Fernunterricht via Skype auch eine Option?

Nein, das wird es nicht geben. Wir sind in Gossau gar nicht ausgerüstet dafür.

Das heisst, dass in den nächsten Wochen grundsätzlich die Eltern für den Unterricht verantwortlich sind?

Genau, es ist wichtig, dass das alle verstehen: Mit seinem Entscheid hat der Bundesrat den Schulen die Verantwortung über die Kinder entzogen. Wir können die Eltern in den nächsten Wochen unterstützen, aber nicht mehr.

Wie werden die Kinder den verpassten Stoff nachholen?

Es gibt viele Fragen, die noch offen sind, und wir können zurzeit auch noch nicht alle beantworten. Diese gehört dazu. Im Moment konzentrieren wir uns auf die nächsten drei Wochen bis zu den Frühlingsferien, in denen die Schulen sicher geschlossen sind.

Was passiert, wenn die Schulen auch nach den Frühlingsferien geschlossen bleiben müssen?

Im Vordergrund stehen jetzt die Sofortmassnahmen für die nächsten Tage. Als Nächstes planen wir die Zeit bis zu den Frühlingsferien. Dann wissen wir, wie es nach den Frühlingsferien weitergeht. Sollte die Schliessung länger dauern, erhoffe ich mir die klare Führung durch den Kanton, damit die 77 Gemeinden und ihre Schulen eine solche Notsituation über eine längere Zeit nicht alleine managen müssen.