«Es geht um die Existenz»: Wie vier Kleingewerbler aus der Ostschweiz mit der Corona-Krise umgehen

Der Corona-Lockdown trifft nicht nur Grossunternehmen, sondern insbesondere auch das Kleingewerbe äusserst hart. Eine Floristin, eine Coiffeursalon-Inhaberin, ein Musikladen-Inhaber und eine Masseurin aus der Ostschweiz erzählen.

Linda Müntener, Daniel Walt
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Cornelia Hirzel-Hug, Blumengeschäft «Vergiss mein nicht», Rorschacherberg: Für sie geht es um die Existenz

Floristin Cornelia Hirzel-Hug weiss nicht, wie es weitergehen soll.

Floristin Cornelia Hirzel-Hug weiss nicht, wie es weitergehen soll.

Bild: pd

Als der Lockdown verkündet wurde, war das für mich ein Schock. Klar, diese Massnahme war gewissermassen zu erwarten gewesen – und ich hatte auch versucht, mich irgendwie mental darauf vorzubereiten. Aber die Nachrichtenlage änderte sich ja beinahe stündlich, wie sollte man sich da vorbereiten? Als es soweit war, schien es immer noch realitätsfern.

Ich betreibe das Blumengeschäft «Vergiss mein nicht» in Rorschacherberg, erst kürzlich feierten wir das 20-jährige Bestehen. Ich mache das aus Leidenschaft. Jetzt musste ich meine Angestellten nach Hause schicken, Kurzarbeit ist beantragt. Für meine Lernenden und mich gilt diese Regelung allerdings nicht – diese Ausfälle werde ich selber tragen müssen. Wie es weitergehen soll, ist ungewiss.

Unser Selbstbedienungsverkauf vor dem Geschäft läuft weiterhin. Wer ein Gesteck kaufen will, legt das Geld ins Kässeli oder bezahlt via Twint. Per Telefon und E-Mail bin ich nach wie vor erreichbar. Wir liefern die Blumen auch aus. Gratis! Doch seit Tagen kommen Abbestellungen rein. Geschäfte verzichten auf Dekorationen, Hochzeiten werden verschoben oder nur zivil abgehalten, Anlässe abgesagt. Hie und da feiert noch jemand einen Geburtstag im kleinen Rahmen. Aber das reicht nicht.

Die kommenden Tage und Wochen werden für mich, mein Geschäft und meine Mitarbeitenden mehr als schwierig. Es geht um die Existenz. Spätestens dann, wenn die Läden noch länger geschlossen bleiben müssen.

Jacqueline Bundi, Coiffeursalon Wunschhaar, St.Gallen: Eine Belastungsprobe – auch für die Beziehung

Jacqueline Bundi muss ungezählte Coiffeurtermine auf die Zeit nach dem Lockdown verschieben.

Jacqueline Bundi muss ungezählte Coiffeurtermine auf die Zeit nach dem Lockdown verschieben.

Bild: pd

Das Coiffeurgeschäft ist meine Leidenschaft und neben der Familie das Grösste, was ich habe. Ich werde alles daran setzen, weitermachen zu können, auch wenn die wirtschaftliche Situation wegen des Lockdowns sehr schwierig ist. Denn ich habe harte Aufbauarbeit für dieses Geschäft, das ich seit zwölf Jahren führe, geleistet. Viele Kunden kommen schon seit Jahren einmal pro Monat. Es geht nicht einfach um einen Haarschnitt, das Ganze ist eine Herzensangelegenheit für mich.

Als die Schliessung der Geschäfte verkündet wurde, war mein erster Gedanke: Hoffentlich gehen wir nicht pleite, hoffentlich geht das Ganze schnell vorbei. Nachher habe ich einfach funktioniert. Die Ohnmacht dauert bis heute an, wir wissen ja nicht, ob wir ab dem 20. April wieder arbeiten können. Im Moment bin ich immer noch daran, alle Kunden, die einen Termin haben, zu kontaktieren und sie auf die Zeit nach dem 19. April umzubuchen. Dies in der Hoffnung, dass ich dann wieder öffnen kann. Am Mittwoch brauchte ich sechs Stunden, um alle Termine in einer komplett ausgebuchten Woche zu verschieben! Man spricht in diesen Telefonaten ja auch noch ein paar Worte mit den Kunden...

Für unseren Betrieb habe ich Kurzarbeit beantragt. Wird sie bewilligt, kann ich zwei Monate durchhalten. Sollte der Lockdown länger andauern, müsste ich mit meinen zwei Angestellten schauen, wie es weitergeht. Etwas Gutes gibt es in unserem Fall: Ab dem ersten Tag, wo wir wieder öffnen können, kommt Geld herein.

Mein Mann ist gleichzeitig mein Buchhalter. Zudem ist er als Veranstalter im Party-, Konzert- und Eventbereich tätig. Auch da steht im Moment natürlich alles still. Ob das Ganze eine Belastungsprobe für unsere Beziehung ist? Ja – aber auch eine Chance. Wir versuchen, das Beste daraus zu machen.

Andy Leumann, Musik Leumann, Rorschach: Die Nachfrage ist da

Andy Leumann berät die Kundschaft telefonisch.

Andy Leumann berät die Kundschaft telefonisch.

Bild: pd

Mit 67 Jahren gehöre ich selber zur Risikogruppe. Den Entscheid des Bundesrates habe ich mit vollstem Verständnis akzeptiert. Er ist nötig, um uns alle zu schützen. Deshalb hüte ich mich auch davor, unter Leute zu gehen. In meinem Geschäft Musik Leumann in Rorschach können trotzdem weiterhin Instrumente bestellt werden. Ich berate Kundinnen und Kunden telefonisch.

Meine Mitarbeitenden, alle jünger als ich, sind derzeit zu Hause. Wenn Bestellungen eintreffen, wickeln sie diese ab und bringen die Pakete zur Post. Einen Online-Shop haben wir nicht. Für uns geht es daher vor allem um die Organisation. Denn: Die Nachfrage ist da. Viele Leute haben jetzt plötzlich viel mehr Zeit zu Hause – Zeit, um zu spielen. Meine Mitarbeitenden versuchen, den Verkauf anzukurbeln, über die Sozialen Medien oder andere Verkaufsplattformen im Internet.

Ich bin auch als Musiker unterwegs und weiss, wie schwierig es derzeit für selbständige Künstlerinnen und Künstler ist. Ihnen fehlen die Events, die Einnahmen, auf die sie angewiesen sind. Ich hoffe, dass sie zu den ersten gehören, die Gelder des Bundes erhalten. Ich habe glücklicherweise noch ein zweites Standbein als Lehrer an der Musikschule.

Sandra Burgermeister, diplomierte Berufsmasseurin mit medizinischer Ausbildung, Romanshorn: «Mir sind die Hände gebunden»

Sandra Burgermeister wusste zunächst nicht, ob sie schliessen muss.

Sandra Burgermeister wusste zunächst nicht, ob sie schliessen muss.

Bild: pd

Von einem Tag auf den anderen ohne Arbeit, kein Verdienst mehr: Ich wollte das Ganze zunächst gar nicht wahrhaben. Viele Kunden würden nach wie vor gerne zu mir kommen, und ich würde sie auch gerne behandeln. Mir sind aber die Hände gebunden. Das ist ein seltsames Gefühl.

Zunächst wusste ich gar nicht, ob ich meine Massagepraxis schliessen muss oder weiterarbeiten darf. Der Berufsverband sagte, Notfall-Behandlungen seien weiterhin erlaubt, und ich müsse entscheiden, was darunter falle. Der Kanton sagte dann aber klar, dass ich mein Geschäft schliessen muss.

Einen Monat kann ich irgendwie überbrücken. Sollte sich das Ganze aber hinziehen, hätte ich Existenzängste. Denn auch in meinem ursprünglich erlernten Beruf – ich bin Servicefachangestellte – steht alles still. Dabei war ich immer der Meinung, dass ich in der Gastronomie ein sicheres Standbein hätte, falls es mit der Praxis nicht funktionieren sollte...

Gemäss meiner Buchhalterin könnte ich bei der Bank ein zinsloses Darlehen beantragen. Falls der Lockout länger als bis zum 19. April dauert, werde ich mir Gedanken machen müssen, ob ich das in Anspruch nehme. Ehrlich gesagt hoffe ich immer noch, dass in einem Monat alles vorbei ist. Aber das Ganze ist sehr schwierig einzuschätzen.

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