Mörschwiler Gymnasiast zum öffentlichen Verkehr: «Es geht noch umweltschonender»

Nichts bezahlen für den öV in der Agglomeration: Das hat Diego Müggler für seine Maturaarbeit untersucht.

Marion Loher
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Diego Müggler beim Busbahnhof St.Gallen: «Ich finde es spannend, wie gut vernetzt und effektiv unser öffentliches Verkehrssystem ist.»

Diego Müggler beim Busbahnhof St.Gallen: «Ich finde es spannend, wie gut vernetzt und effektiv unser öffentliches Verkehrssystem ist.»

Bild: Urs Bucher

Mit dem Zug oder dem Bus durch die Schweiz reisen und neue Gegenden kennenlernen, das hat Diego Müggler schon als Kind gerne gemacht, und er tut es heute noch. «Ich finde es spannend, wie gut vernetzt und effektiv unser öffentliches Verkehrssystem ist», sagt der bald 17jährige Steinacher. «Aber gerade in Zeiten des Klimawandels könnte es noch nachhaltiger und umweltschonender sein.»

Der motorisierte Individualverkehr verursacht einen grossen Teil der CO2-Emissionen, der öffentliche Verkehr (öV) als dessen grössten Konkurrenten deutlich weniger. «Würden mehr Menschen auf den öV umsteigen, könnten grosse Mengen an Treibhausgasen gespart werden.» Um diesen Umstieg zu fördern, muss entweder der motorisierte Individualverkehr an Attraktivität verlieren oder der öV interessanter werden.

Die Förderung des öffentlichen Verkehrs hat der Schüler des Gymnasiums Untere Waid in Mörschwil zum Thema seiner Maturaarbeit gemacht. Dafür untersuchte er die möglichen Auswirkungen der beiden öV-Tiefpreismodellen «Vorarlberg» und «Kostenloser öV» bei einer Anwendung in der Agglomeration St.Gallen, der Ostwind-Zonen 210 und 211.

Das Ergebnis hat überrascht

Beim kostenlosen Modell wählte Diego Müggler als Beispiel die belgische Stadt Hasselt. Diese hat 1997 die Ticketpreise für den öV abgeschafft und gleichzeitig die Zahl der Parkplätze reduziert, die Parkgebühren erhöht und Tiefgeschwindigkeitszonen eingeführt. Mit Erfolg. «In den ersten vier Jahren verzehnfachte sich die Zahl der Fahrgäste, bis 2006 stieg sie sogar um den Faktor 13», sagt Müggler. Durch die stetige Zunahme der Fahrgäste und den damit verbundenen Ausbau des Angebotes stiegen die öV-Kosten allerdings derart stark an, dass vor rund fünf Jahren wieder Ticketpreise eingeführt wurden.

Beim «Preismodell Vorarlberg» handelt es sich um ein Tarifsystem, bei dem die Jahreskarte für das gesamte Bundesland zu einem günstigeren Preis – für 365 statt 600 Euro – angeboten wird. «Seit dieser Tarifreform 2014 stieg die Anzahl Jahreskarten um über 40 Prozent», sagt der Schüler. Eine aussergewöhnliche Veränderung am Kostendeckungsgrad sei dabei nicht festgestellt worden. «Das bedeutet, dass das Preismodell Vorarlberg eine selbstständige Wirtschaftlichkeit besitzt.»

Nebst dem, dass Müggler intensive Internetrecherchen machte, befragte er auch Patrick Ruggli, Leiter des Amtes für öffentlichen Verkehr des Kantons St.Gallen, und Felix Gemperle, Vizepräsident IGöV Ostschweiz und Regionalleiter der SBB, zur Verkehrssituation in der Agglomeration St.Gallen sowie zu den beiden Preismodellen. «Alles zusammen gab mir einen sehr guten Überblick für meinen Vergleich», sagt Müggler.

Welches Modell schnitt schliesslich besser ab? «Keines, da die Kosten bei beiden bei einer Umsetzung in den Zonen 210 und 211 zu hoch wären und zumindest teilweise vom Steuerzahler bezahlt werden müssten.» Grundsätzlich sieht er aber das Modell «Vorarlberg» als realistischer an, da es keine zusätzlichen Kosten verursachen und stärkere Veränderungen bewirken würde.

«Ich hoffe, ich kann zum Nachdenken anregen»

Obwohl seine Untersuchung zu keinem positiven Fazit für beide Modelle oder eines der beiden geführt hat, ist Müggler nicht enttäuscht. «Ich hoffe, ich kann zum Nachdenken über die aktuelle Verkehrssituation, die Verkehrspolitik und das persönliche Mobilitätsverhalten anregen.» Ihn hat seine Arbeit darin bestärkt, nach dem Gymnasium etwas mit Geografie oder Politikwissenschaften zu studieren. Zunächst legt er, wenn er im Sommer die Schule beendet hat, ein Zwischenjahr ein. «Ich möchte arbeiten und reisen, neue Ortschaften und Gegenden kennenlernen. Natürlich im Zug. Das ist umweltschonend.»