«Es bleibt alles beim Alten», «es lohnt sich nicht»: Läden in der St.Galler Innenstadt dürfen neu zwar länger öffnen, aber nur die Grossen machen mit

Am Abend eine Stunde länger einkaufen: Viele Geschäfte in der St.Galler Innenstadt begrüssen zwar die erweiterten Ladenöffnungszeiten, sie setzen sie aber dennoch nicht um. Es lohnt sich nicht für sie.

Christina Weder / David Gadze
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Trotz der Möglichkeit, länger zu öffnen: In vielen Geschäften in der Innenstadt bleibt vorerst alles beim Alten.

Trotz der Möglichkeit, länger zu öffnen: In vielen Geschäften in der Innenstadt bleibt vorerst alles beim Alten.

Bild: Michel Canonica

Geschäfte in der St.Galler Innenstadt dürfen neu von Montag bis Samstag bis 20 Uhr offen haben. Am Sonntag ist neu eine Öffnung von 10 bis 17 Uhr erlaubt. Was der Stadtrat beschlossen hat, treibt Gewerkschaftsbund und Unia auf die Barrikaden. Eine Umfrage unter Geschäftsinhabern und Detailhändlern zeigt allerdings: Vieles bleibt beim Alten. Die Mehrheit der Geschäfte begrüsst zwar die Liberalisierung der Öffnungszeiten, schöpft sie aber nicht aus, weil sie sich nicht rechnet. Auch die Ladenöffnung am Sonntag ist für die meisten kein Thema.

Migros

Die Migros passt ab kommender Woche die Öffnungszeiten der Filiale im Neumarkt an. Diese ist neu montags bis freitags von 8 bis 20 Uhr und am Samstag von 8 bis 18 Uhr geöffnet. Ob auch die Öffnungszeiten der Filiale im Spisermarkt angepasst werden, entscheidet die Migros heute.

Die zusätzliche Stunde am Samstag entspreche klar einem Kundenbedürfnis, sagt Andreas Bühler, Leiter Kommunikation bei der Migros Ostschweiz. Das hätten Erfahrungen aus anderen Teilen der Schweiz gezeigt, etwa dem Appenzellerland oder dem Bündnerland, die ebenfalls zur Genossenschaft Migros Ostschweiz gehören.

Eine Verlängerung am Samstag bis 20 Uhr stehe im Moment nicht zur Diskussion. Die Läden am Sonntag zu öffnen, sei ebenfalls kein Thema. Gerade im Neumarkt handle es sich um eine riesige Fläche. Um diese rentabel betreiben zu können, müssten die Frequenzen sehr hoch sein. Davon gehe man derzeit nicht aus. Und jeden Sonntag Teile des Ladens abzusperren, komme nicht in Frage.

Unklar ist auch, wie die M-Electronics-Filiale im ersten Obergeschoss im Neumarkt künftig geöffnet sein wird. Man strebe eine einheitliche Lösung für alle dort eingemieteten Läden an, sagt Bühler.

Die Arbeitsbelastung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter steige durch die vier Stunden, welche die Migros pro Woche länger geöffnet sein wird, nicht an, versichert Bühler. An der Höchstarbeitszeit von 41 Stunden pro Woche ändere sich nichts.

Coop

Der Coop City am Bohl schliesst ab sofort donnerstags eine Stunde früher, also um 20 Uhr. Dafür ist das Warenhaus samstags neu bis 18 Uhr geöffnet. An den übrigen Werktagen schliesst es wie bisher um 19 Uhr. Dasselbe gilt für die Filiale an der Neugasse. Dort bleibt der Abendverkauf am Donnerstag bis 21 Uhr jedoch bestehen.

Zollibolli

Marcel Amsler, Inhaber von Amsler Spielwaren, begrüsst zwar, dass es künftig «keine sturen Öffnungszeiten» mehr gibt. Er vermisst aber auch eine gewisse Einheitlichkeit. Aus diesem Grund will er für die beiden Zollibolli-Filialen beim Neumarkt und in der Marktgasse abwarten, was die umliegenden Geschäfte machen. «Je einheitlicher, desto besser», findet er.

Die Schwierigkeit sei, wenn Kunden nicht mehr wüssten, bis wann welches Geschäft geöffnet sei. Er überlegt sich, die Öffnungszeiten für die Filiale beim Neumarkt am Donnerstag und Freitag bis 20 Uhr und am Samstag bis 18 Uhr zu verlängern.

Kein Thema ist der Sonntagsverkauf. Amsler glaubt nicht daran, dass die Kunden dann einkaufen, wenn sowieso der Grossteil der Geschäfte geschlossen ist.

Mode Weber

Erich Weber, Inhaber von Mode Weber, hat bereits gehandelt und die Öffnungszeiten in seinen Geschäften in der Innenstadt per sofort angepasst. Allerdings in kleinem Rahmen. «Wir haben einen Tausch gemacht», sagt er: Am Donnerstagabend schliessen seine Läden eine Stunde früher, dafür sind sie am Samstag eine Stunde länger – bis 18 Uhr – geöffnet. «Das ist ein Bedürfnis», ist Weber überzeugt. Die Erfahrung habe gezeigt, dass man die Kundinnen und Kunden am Samstag bei Ladenschluss fast aus dem Geschäft treiben müsse.

Jeden Abend bis 20 Uhr zu öffnen, sei aber unrealistisch. «Das lohnt sich nicht», sagt Weber. Er müsse nicht nur auf die Nachfrage, sondern auch auf die Bedürfnisse seiner Mitarbeiter achten. Weber hofft zudem, dass die städtische Detailhandelsorganisation Pro City «Kernöffnungszeiten» für die Geschäfte der Innenstadt vorschlägt.

Manor

Manor passt die Öffnungszeiten ebenfalls an: Donnerstags ist das Warenhaus neu bis 20 statt bis 21 Uhr geöffnet, dafür am Samstag eine Stunde länger bis 18 Uhr. An den übrigen Werktagen schliesst Manor wie gewohnt um 19 Uhr. Für längere Öffnungszeiten – also täglich bis 20 Uhr – fehle das Kundenbedürfnis, sagt Filialleiterin Marion Heinzle. Schon der Abendverkauf habe sich bisher nicht gelohnt.

Orell Füssli/Rösslitor

Im «Rösslitor» bleibt alles beim Alten. Ausser am Donnerstag schliesst die Buchhandlung werktags um 18.30 Uhr. Alfredo Schilirò, Kommunikationsbeauftragter von Orell Füssli, sagt: «Wir sehen keinen Bedarf, die Öffnungszeiten zu verlängern.» Allerdings werde man beobachten, wie sich der Markt entwickle, und stehe in Kontakt mit der städtischen Detailhandelsorganisation Pro City.

Papeterie Schiff

Bei der «Bürowelt Schiff AG» sind gemäss Inhaberin Regi Weigelt keine Anpassungen der Öffnungszeiten geplant. Diese seien in den vergangenen zwei Jahren sowieso eher reduziert als ausgeweitet worden, teilt Weigelt mit. So sei etwa der Abendverkauf gestrichen worden, weil es zu wenig Kundinnen und Kunden in der Stadt habe. Papeterie und «Schiffschuchi» werden auch künftig wochentags um 18.30 Uhr schliessen.

Schuhe Schneider

Bei Schuhe Schneider wird sich voraussichtlich unter der Woche nichts ändern, wie Ueli Schneider aus der Inhaberfamilie sagt. Er denkt aber darüber nach, das Geschäft am Samstag bis 18 Uhr zu öffnen – eine Stunde länger als bisher. Definitiv entschieden sei aber noch nichts. Die neue Regelung bietet laut Schneider einen weiteren Vorteil: Für Kundenanlässe, die abends stattfinden, brauche es künftig keine Bewilligung mehr.

Alpstein-Drogerie

Roland Wagner, Inhaber der Alpstein Drogerie und Parfümerie in der Neugasse, begrüsst zwar die Liberalisierung der Öffnungszeiten. Doch für ihn ist vor allem wichtig, dass die Läden in der Innenstadt am gleichen Strang ziehen. Erst wenn 80 Prozent der Geschäfte ihre Öffnungszeiten in den Abend hinein ausdehnten, sei auch er mit von der Partie. Bis dahin will Wagner nicht an seinen Öffnungszeiten rütteln. «Es bleibt alles beim Alten», sagt er.

Baumgartner Kaffee

Kathrin Baumgartner, Geschäftsleiterin von «Baumgartner Kaffee», versteht die Aufregung um die erweiterten Ladenöffnungszeiten nicht. Sie ist überzeugt: «Es wird sich nicht viel ändern.» Die älteste Kaffeerösterei in der Altstadt schliesst werktags weiterhin um 18.30 Uhr. Den Abendverkauf hat Baumgartner längst abgeschafft. Die Kundenfrequenzen und die Umsätze waren zu gering. «Die neue Regelung ist gut und recht, aber sie nützt mir nichts», sagt sie. Mehr zu denken als die erweiterten Öffnungszeiten gibt ihr das Verhalten von Konsumenten, die ennet der Grenze billig einkaufen.

Boutique Notabene

Jris Frei von der Boutique Notbene in der Metzgergasse hält an den bisherigen Öffnungszeiten fest. Sie sagt: «Längere Öffungszeiten bedeuten für die kleinen Geschäfte mehr Präsenzzeit, aber nicht unbedingt mehr Umsatz.» Sie bedauert, dass es in der Innenstadt keine einheitlichen Öffnungszeiten mehr gibt. «Für die Kunden ist es einfacher, wenn sie wissen, wann die Geschäfte geöffnet sind.»

Späti’s Boutique

Für Laura Jäckli, Inhaberin der Späti’s Boutique an der Spisergasse, ist klar: «Wir machen nicht mit.» Im Geschäft an der Spisergasse führt sie ein Sortiment mit Postkarten, Taschen, Rucksäcken und Geschenkartikeln. Für die grossen Läden sei die neue Regelung vielleicht interessant, die kleinen dagegen seien bereits ausgelastet. Kein Verständnis hat sie für die neu erlaubten Ladenöffnungszeiten am Sonntag. «Ich fand es gut, dass man bisher am Sonntag gezwungen war, still zu sitzen.»

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David Gadze