Erste Hilfe

Auch Berg hat nun bald First Responder: Andere Gemeinde machen mit diesen Ersthelfern bereits positive Erfahrungen

Wenn ein Herz stehen bleibt, zählt jede Minute. Personen, die in der gleichen Ortschaft wohnen, können schneller vor Ort sein als der Rettungsdienst. Deshalb gibt es First Responder, welche die Zeit bis zu Ankunft der Profis überbrücken und Erste Hilfe leisten. Nach anderen Gemeinden in der Region baut nun auch Berg eine solche Einheit auf.

Perrine Woodtli
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Bei einem medizinischen Notfall muss es schnell gehen.

Bei einem medizinischen Notfall muss es schnell gehen.

Getty

Bei einem Herzstillstand muss es schnell gehen. Jede Minute zählt. Denn mit jeder, die ohne Reanimation verstreicht, sinkt die Überlebenschance um zehn Prozent. In der Schweiz hat der Rettungsdienst im Schnitt aber acht bis zwölf Minuten, bis er vor Ort ist. Deshalb gibt es sogenannte First Responder, also «Erstantwortende».

Bei First Respondern handelt es sich um Laienhelfer oder um Angehörige der Feuerwehr. Sie sollen die Zeit bis zur Ankunft des Rettungsdienstes überbrücken, reanimieren und so die Überlebenschance erhöhen. Sobald ein Notruf mit Verdacht auf Herzstillstand eingeht, werden nebst der Ambulanz auch die First Responder in der Nähe alarmiert.

Im Kanton St.Gallen werden aktuell 39 Gemeinden – teilweise schon seit vielen Jahren – mit First-Responder-Einheiten abgedeckt, unter anderem Gossau, Gaiserwald, Goldach und Muolen. Nun zieht auch Berg nach.

Auch der Gemeindepräsident wird ein First Responder

Dazu werden in diesem Jahr in einer ersten Phase acht Mitglieder der Feuerwehr Berg entsprechend ausgebildet. Mit dabei ist auch Sandro Parissenti, der nicht nur Bergs Gemeindepräsident, sondern auch Feuerwehroffizier ist.

Sandro Parissenti, Gemeindepräsident Berg.

Sandro Parissenti, Gemeindepräsident Berg.

Michel Canonica

Er begrüsse es, sagt Parissenti, dass nun auch Berg bald eine First-Responder-Einheit habe. Zahlreiche positive Rückmeldungen aus anderen Gemeinden hätten die Gemeinde und die Feuerwehr bestärkt.

«Es ist schön, dass wir gleich mehrere Freiwillige gefunden haben. Das ist nicht selbstverständlich.»

Er freue sich sowohl als Gemeindepräsident als auch als Feuerwehroffizier und Einwohner von Berg darüber, dass die medizinische Erstversorgung im Dorf so erheblich gesteigert werde, sagt Parissenti.

Berger Stimmbevölkerung muss zunächst das Budget absegnen

Die acht Feuerwehrleute verfügen bereits über Kenntnisse im Basic Life Support (BLS). BLS bezeichnet alle Massnahmen einer Wiederbelebung im Rahmen der Ersten Hilfe, die das Ziel haben, die Atmung und den Kreislauf einer Person aufrechtzuerhalten. Trotzdem müssen sie noch eine Schulung bei der Rettung St.Gallen absolvieren.

Dabei lernen die künftigen First Responder unter anderem, wie man einen Defibrillator benutzt. Zudem wird besprochen, wie sich die Einheit künftig organisiert und wie ein Einsatz abläuft.

Bevor die Schulungen stattfinden können, müssen die Bergerinnen und Berger zunächst noch das Budget 2021 an der Bürgerversammlung genehmigen. In diesem sind 11'000 Franken für die benötigten Einsatzmittel wie Defibrillatoren und für die Ausbildung vorgesehen. Wird das Budget genehmigt, sollen die Schulungen im April oder Mai stattfinden.

Nach 5,58 Minuten vor Ort

Wie in Berg sind auch in vielen anderen Gemeinden im Kanton St.Gallen die First-Responder-Einheiten der Feuerwehr angeschlossen. Die Rettung St.Gallen schult und betreut sie. In St.Gallen werden die First Responder durch die Kantonale Notrufzentrale aufgeboten. In anderen Kantonen werden sie teilweise über eine App alarmiert. In vielen Regionen sind zudem nicht Feuerwehrleute, sondern zivile Laienhelfer im Einsatz.

Günter Bildstein, Leiter Rettung St.Gallen

Günter Bildstein, Leiter Rettung St.Gallen

PD

Aktuell gibt es im Kanton St.Gallen 31 First-Responder-Einheiten. 2020 kamen diese 186-mal zum Einsatz, 2019 waren es 221 Einsätze. «Aufgrund von Corona haben wir 2020 First Responder restriktiver aufgeboten, also ausschliesslich zu bestätigten Reanimationssituationen», sagt Günter Bildstein, Leiter der Rettung St.Gallen.

Die First Responder waren 2020 im Durchschnitt 5,58 Minuten nach Alarmierung am Einsatzort. In wie vielen Fällen die Patienten ohne diese nicht überlebt hätten, lasse sich nicht sagen, sagt Bildstein.

«Der Erfolg von Reanimationen hängt von vielen unterschiedlichen Faktoren ab. Die rasche Erste Hilfe durch die First Responder ist einer davon.»

Bis zu 70 Einsätze jährlich in der Region Gossau

In der Region Gossau stehen bereits seit vielen Jahren First Responder im Einsatz. Der Sicherheitsverbund Region Gossau (SVRG) hat bei seiner Gründung vor acht Jahren die zum Teil bereits seit 15 Jahren bestehenden First-Responder-Einheiten der vorherigen Feuerwehren übernommen. Heute betreibt der SVRG in Degersheim, Flawil, Gossau und Waldkirch je eine Einheit mit je 10 bis 15 Feuerwehrangehörigen.

Stefan Kramer, Geschäftsführer Sicherheitsverbund Region Gossau.

Stefan Kramer, Geschäftsführer Sicherheitsverbund Region Gossau.

PD

Der SVRG leiste jährlich 50 bis 70 solche Einsätze, sagt Geschäftsführer Stefan Kramer – Tendenz steigend. Die Einsätze seien unterschiedlich. «In einigen Fällen hat sich die Situation der Person bis zum Eintreffen des First Responders bereits wieder verbessert.»

In einigen Fällen müsse die Person reanimiert, defibrilliert und beatmet werden, bis sie dem Rettungsdienst übergeben werden könne.

«Einige Menschen können gerettet werden, einige nicht.»

Lücke in der Rettungskette schliessen

Mit den First Respondern könne eine Lücke in der Rettungskette geschlossen werden, sagt Kramer. Deren Einsatz sei also sehr sinnvoll. Sie müssten aber gut ausgebildet, geschützt und begleitet werden. Schliesslich begeben sich die Einheiten in schwierige Situationen. Zu jedem Einsatz gehöre ein anschliessendes Debriefing, sagt Kramer.

«Es gibt dramatische und traurige, aber auch schöne Momente. Zum Beispiel, wenn sich ein Patient nach einer schwierigen Reanimation Tage später für die Rettung bedankt.»

Gleich am ersten Tag ein Einsatz

In Gaiserwald gibt es seit 2018 eine First-Responder-Einheit. 16 Feuerwehrleute engagieren sich in dieser. Sie rücken jährlich acht- bis zehnmal zu einem Einsatz aus. In den letzten Jahren habe man einige positive Erfahrungen machen dürfen, sagt Sam Waldburger, stellvertretender Kommandant. Zwei davon sind ihm in besonderer Erinnerung geblieben.

Sam Waldburger, stellvertretender Kommandant Feuerwehr Gaiserwald.

Sam Waldburger, stellvertretender Kommandant Feuerwehr Gaiserwald.

PD

Die neuen First Responder mussten sich gleich an ihrem ersten Tag Anfang Februar 2018 beweisen. «Der Guide eines blinden Joggers war vor einem Haus in Abtwil zusammengebrochen», erzählt Waldburger.

«Der Jogger rief um Hilfe und begann mit der Wiederbelebung.»

Die First Responder waren schnell vor Ort und übernahmen. Wenige Minuten später kamen die Rettung und der Notarzt. «Rund eine Woche später traf auf der Gemeindeverwaltung eine Postkarte ein. Der Patient schrieb uns, dass er seine Retter persönlich kennen lernen möchte, um sich zu bedanken», sagt Waldburger.

Er betont, dass es nicht die First Responder alleine waren, die sein Leben gerettet hatten.

«Wir waren ein Teil einer perfekt funktionierenden Rettungskette.»

Ohne den Jogger, der um Hilfe gerufen und reanimiert habe, die Anwohner, die den Notruf alarmierten, sowie die Rettung und den Notarzt, hätte es diese «Erfolgsgeschichte» so nicht gegeben.

Wenn der Nachbar der Lebensretter ist

Ein anderes Mal rückten in Gaiserwald die First Responder zu einem siebenjährigen, bewusstlosen Mädchen aus. Da einer der Helfer zufälligerweise ihr Nachbar war, traf er nur wenige Momente nach dem Notruf der Mutter ein. Dieses Beispiel zeige die Stärke der erfolgreichen Zusammenarbeit zwischen Rettung und den First Respondern auf, sagt Waldburger.

Die Einsätze in der eigenen Gemeinde können aber auch schwierig sein: Regelmässig komme es vor, dass man einen Patienten reanimieren müsse, den man persönlich kenne. Und es sei leider so, dass nicht alle überleben.