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«Unwürdige Jahre unter Papst Benedikt»: Der kritische Pfarrer von Abtwil tritt ab

Er ist ein Skeptiker, Kritiker und Kulturpessimist. Und löste damit schon manche Kontroverse aus, in und ausserhalb der Kirche. Nun tritt der katholische Pfarrer Heinz Angehrn in den Ruhestand. Ruhigstellen lässt er sich damit dennoch nicht.
Noemi Heule
Pfarrer Heinz Angehrn versuchte stets, Predigt und Politik zu trennen. Während 26 Jahren in Abtwil gelang ihm das nicht immer. (Bild: Urs Bucher)

Pfarrer Heinz Angehrn versuchte stets, Predigt und Politik zu trennen. Während 26 Jahren in Abtwil gelang ihm das nicht immer. (Bild: Urs Bucher)

Blasse Haut, helle Hosen, dunkle Pantoffeln. Allein in der Kirche steht Pfarrer Heinz Angehrn im Kontrast zur üppigen Umgebung. In satten Farben strotzen hinter ihm die Heiligenfiguren, goldig glitzern die Stuckaturen, blumige Ornamente ranken sich entlang der Spitzbögen. Vieles an ihm möchte nicht so richtig zum stattlichen Kirchenschiff passen, dessen Kapitän er für 26 Jahre war.

Auch seine Worte wollen nicht passen. Nicht zu ihm und nicht zur Kirche. Sie sind kühn und angriffig. Und sie haben schon manche Kontroverse ausgelöst. Mit der Kirche, mit ihren Anhängern oder mit der Politik. Auch heute, kurz vor der Pension, nimmt sich Angehrn nicht zurück. Im Gegenteil.

Ginge es der Welt besser, wenn es keine Religion gäbe? Diese Frage stellte er vor drei Jahren in einem Interview. Sie habe noch heute ihre Berechtigung, sagt er. Wird Religion zur Ideologie, mache sie intolerant, Fundamentalismus begründe Konflikte. Ob orthodoxe Juden, salafistische Muslime, evangelikale Christen oder erzkonservative Katholiken spielt für ihn keine Rolle.

Rom leitete zwei Verfahren gegen ihn ein

Angehrn sitzt an einem hölzernen Sitzungstisch, über ihm hängt ein Kruzifix. Dass er als Pfarrer die Religion, die ihn trägt, in Frage stellt, das ist für ihn kein Widerspruch. Sondern konsequent. Vor 42 Jahren begann er mit dem Theologie-Studium, so lange schon führt er eine stetige Auseinandersetzung mit seinem Tun und jenem der Kirche. Zweimal beschäftigte sich die Kirche mit ihm, zweimal wurde in Rom ein Verfahren gegen ihn eingeleitet. Beide Male setzte sich Bischof Markus Büchel für ihn ein. Einmal, vor 20 Jahren, überlegte er selbst ernsthaft aufzuhören. Damals war es Bischof Ivo Fürer, der ihn zum Bleiben drängte. Und ihm zu verstehen gab: «Wir ertragen dich so, wie du bist.»

Heute unterscheidet Angehrn zwischen Religion und Ritual, zwischen Glaube und Frömmigkeit. Er sagt:

«Ich bin religiös. Aber ich bin nicht fromm.»

Die Religion bietet für ihn Halt im Alltag, weil sie Rituale zur Verfügung stellt, Gebete, Gottesdienste, Zeremonien. Rituale, wie sie die Mehrheit der Menschen brauche. Die einen finden sie in der Kirche, andere – immer mehr – in Ersatzreligionen.

Ein stetiges Schrumpfen der Kirche erlebte Angehrn während 37 Jahren in ihrem Dienst, davon 26 in Abtwil. Und einen Abschied auf Raten vom Glauben daran, dass es vorwärts geht mit der Institution Kirche. «Rückschrittsjahre» nennt er denn auch die Zeit seit seinem Studium in den späten 1970er-Jahren, als Optimismus und Aufbruchsstimmung herrschten. «Damals hatten wir das Gefühl, etwas Grosses zu erleben.»

«Der Titel Pfarrer entspricht mir nicht»

Theologie, Journalismus oder Theaterwissenschaften, zwischen diesen drei Studien musste sich der 19-jährige Angehrn entscheiden. Er wählte Theologie, wenn auch nicht allein aus eigenem Antrieb. «Der Druck kam auch von aussen.» Heute, sagt er, würde er wohl anders, frecher, entscheiden. Denn: «Der Titel Pfarrer entspricht mir nicht.»

Er habe nicht alle Erwartungen erfüllen können, die an diesen Titel geknüpft seien, wird er an seinem Abschiedsgottesdienst sagen. «Allen alles sein», wie es in der Bibel heisst, das könne er nicht. Von einem Pfarrer werde erwartet, dass er sich in die Gesellschaft einbringe, er aber fühle sich unwohl in Menschenmengen. Auch seinem Abschied, dem Rummel drumherum, sieht er deshalb nicht nur freudig entgegen.

Ruhestand in einem Tessiner Bergtal

Da erstaunt es nicht, dass er den Ruhestand ruhig angehen will. Statt in Abtwil zwischen Friedhof und Kirche, zieht er an seinem 63. Geburtstag in ein Tessiner Bergtal, wo Obstbäume, Reben, ein Stück Wald und ein Bergamasker-Welpe auf ihn warten. Ganz zurück lässt er aber die Arbeit nicht.

Ganz zurück liess er auch das Theater und den Journalismus nie. Das eine wurde sein grosses Hobby, 630 Mal war er in seinem Leben im Theater. Das andere ein Nebenamt. Jeden Mittwochmorgen, Punkt 6 Uhr, erscheint sein Blog-Eintrag auf der Internetseite kath.ch. Diese Arbeit behält er bei. Zudem wurde er zum Präsidenten der Redaktionskommission der Schweizer Kirchenzeitung gewählt. Die Bischöfe der Deutschschweiz, sogar jener in Chur, haben dafür ihren Segen gegeben, seinem Ruf als Kritiker zum Trotz.

Keine Kirche auf Kuschelkurs

Ein Kritiker will er bleiben, ein Kulturpessimist, ein Kämpfer. In dieser Rolle fühlt er sich wohl. Das Mitglied der Grünliberalen sagt:

«Ich erwarte von einem Seelsorger, dass er sich auch politisch engagiert.»

Nur in der Predigt, da habe das politische Tagesgeschehen nichts verloren, schon gar keine Parolen. Auch wenn er es hie und da nicht lassen kann, gegen die SVP und ihren Stil zu schimpfen. Er selber nimmt Kritik gelassen, er liebe sie gar, sagt er, solange sie gut sei – intellektuell und argumentativ.

Drei Päpste hat Heinz Angehrn als Pfarrer miterlebt und drei Bischöfe. Der jetzige Papst Franziskus, mit ihm sei alles möglich. «Unwürdige Jahre» seien ihm unter Papst Benedikt voraus gegangen, mit seinen Samtpantoffeln, Prunk und Pomp.

Dass die katholische Kirche immer mehr an den Rand der Gesellschaft gedrängt werde, das lasse sich nicht ändern. Aber sie dürfe es sich nicht erneut in dieser «Kuschelecke» gemütlich machen. Vielmehr will Heinz Angehrn sie in der Rolle sehen, die er selber Jahrzehnte eingenommen hat: «Als Salz in den Wunden der Gesellschaft».

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