«Er kann sich erstaunlich unbemerkt in der Kulturlandschaft bewegen»: Der Wolf, der in der Potersalp mehrere Nutztiere riss, konnte identifiziert werden

Gemäss Untersuchungen des Naturschutz-Biologielabors der Universität Lausanne handelt es sich beim Exemplar um das Wolfsmännchen M 135. Es stammt aus Italien und wurde bereits Mitte Mai im Zusammenhang mit Nutztierrissen im Kanton Aargau erfasst. Auf der Abschussliste soll der Wolf aber nicht stehen.

Miguel Lo Bartolo
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Der aus Italien stammende Wolf mit der Bezeichnung M 135 schlich zwischen Mai und Juli unbemerkt von Aargau nach Appenzell Innerrhoden.

Der aus Italien stammende Wolf mit der Bezeichnung M 135 schlich zwischen Mai und Juli unbemerkt von Aargau nach Appenzell Innerrhoden.

Symbolbild: Benjamin Manser

«Wir wissen nicht, wo er sich jetzt aufhält», sagt der Innerrhoder Jagd- und Fischereiverwalter Ueli Nef. Er spricht vom Wolf, der im Juli mehrere Nutztiere auf der Potersalp gerissen hatte. Aber immerhin wisse man jetzt, woher das Raubtier kommt und wo es Zwischenhalt gemacht hat. Dies dank einer ausführlichen DNS-Analyse des Laboratoire de Biologie de la Conservation de l'Université de Lausanne.

Bei allen gerissenen wie auch bei verletzten Nutztieren seien aus der Bisswunde DNS-Spuren für eine Analyse entnommen worden. Dadurch konnten die genetischen Merkmale des Wolfs eruiert werden. Das Laborergebnis kommunizierte die Jagd- und Fischereiverwaltung am Donnerstag in einer Medienmitteilung.

Die Analyse des Laboratoire de Biologie de la Conservation de l'Université de Lausanne war erfolgreich und ist laut Nef das Ergebnis einer professionellen Arbeit. Denn: «Im Sommer ist die Gefahr gross, dass die DNS degeneriert und die Sätze nicht mehr vollständig sind.». Das liege am schnellen Verwesungsprozess des Kadavers.

Ueli Nef, Jagd- und Fischereiverwalter, Appenzell Innerrhoden.

Ueli Nef, Jagd- und Fischereiverwalter, Appenzell Innerrhoden.

Bild: PD

Identifiziert wurde das Wolfsmännchen M 135. Gemäss Mitteilung stammt das Exemplar aus Italien. Es ist zuvor schon einmal in der Schweiz genetisch nachgewiesen worden. Das war Mitte Mai 2020 im Kanton Aargau – auch damals im Zusammenhang mit Nutztierrissen. Nef sagt:

«Das zeigt, wie gut sich der Wolf fast unbemerkt in der Kulturlandschaft bewegen kann.»

Neues Jagdgesetz erleichtert Regulierung der Wolfbestände

Auf der Abschussliste seht der Wolf nicht. «Es gibt klare gesetzliche Vorlagen», sagt Nef. «Daran halten wir uns. Auch wenn der Druck, das Tier zu erlegen, hoch ist: Wir handeln nach rechtsstaatlichen Prinzipien.» Daran soll auch das revidierte Jagdgesetz, das am 27. September zur Abstimmung steht, nichts ändern.

Dieses soll zwar die Regulierung der Wolfbestände für die Kantone erleichtern. Und zwar insofern, als Wölfe präventiv erschossen werden dürfen, wenn sie eine unmittelbare Gefahr für Nutztiere darstellen – also auch dann, bevor Schaden angerichtet wurde (siehe Kasten).
Dennoch hält Nef fest:

«Das neue Jagdgesetz ist kein Freipass, Wölfe zu erschiessen.»

Wer dies befürchte, würde die Revision falsch interpretieren.

Neu auch präventive Abschüsse

Nach heute geltendem Recht dürfen Wölfe nur dann geschossen werden, wenn sie die Scheu vor den Menschen verloren oder zu viele Nutztiere gerissen haben. In letzterem Fall gilt eine Grenze von 25 getöteten Nutztieren innerhalb eines Monats. Dies würde sich aber mit einem Ja zum neuen Jagdgesetz ändern: Die Kantone hätten dann die Möglichkeit, Wölfe präventiv abzuschiessen. So beispielsweise, wenn sie sich in der Nähe von Siedlungen oder Schafherden aufhalten. Die Kantone müssten gegenüber dem Bund auch weiterhin begründen, weshalb ein Abschuss notwendig ist. Dabei gilt das Prinzip der Verhältnismässigkeit.

Das zurzeit geltende Jagdgesetz stammt aus dem Jahre 1986, als es in der Schweiz keine Wölfe mehr gab. Gemäss der Stiftung Kora, die schweizweit die Entwicklung von Raubtierpopulationen überwacht, haben sich die Wölfe seit 1995 wieder hierzulande angesiedelt. Die Population wächst seit 25 Jahren beständig – eine Entwicklung, die die aktuelle Debatte befeuert.

Für mehr Informationen zur Geschichte des Wolfs in der Schweiz:
Hier geht's zur Webseite von Kora.

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