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Japanische Tradition in St.Gallen: Er hat den Bogen raus

Der kaiserliche japanische Bogenbauer Kanjuro Shibata XXI ist dieses Wochenende in St.Gallen zu Gast. Er bringt Kyudo-Schülern den Umgang mit dem Bogen bei – und trägt so eine jahrhundertealte Tradition weiter.
Luca Ghiselli
Vom Meister lernen: Kanjuro Shibata XXI hält heute und morgen in St.Gallen ein Seminar. (Bild: Ralph Ribi)

Vom Meister lernen: Kanjuro Shibata XXI hält heute und morgen in St.Gallen ein Seminar. (Bild: Ralph Ribi)

Kanjuro Shibata XXI zückt sein Smartphone. Er zeigt Fotos von Lastwagen, die bis oben mit Bambus beladen sind. Geerntet hat er ihn selbst. «Zusammen mit meinem Sohn und meinem Lehrling. Die sind jung und packen an.» Der 66-Jährige sitzt in einem Café im St.Galler Klosterviertel und trinkt Schwarztee.

Am Vorabend ist Shibata aus Japan angereist. Dieses Wochenende lehrt er auf Einladung von Kyudojo St.Gallen im Athletik-Zentrum den Umgang mit dem Yumi, dem traditionellen japanischen Bambusbogen. Denn Shibata ist als kaiserlicher Bogenbaumeister nicht nur ein Experte im Herstellen der langen Bambusbögen, sondern auch im Schiessen geübt. In 21. Generation bekleidet der Sensei seine würdevolle Position, seit sein Schwiegervater, Kanjuro Shibata XX, sich vor knapp 25 Jahren zurückzuziehen begann und ihn adoptierte.

Weltoffen, direkt und klar

Jedes Jahr reist Shibata im Sommer nach Europa, um sein Wissen an Kyudo-Schüler in Österreich, Frankreich, Deutschland und der Schweiz weiterzugeben. Es ist das erste Mal, dass er in St.Gallen zu Gast ist. «Von der Stadt habe ich allerdings noch nicht viel gesehen», sagt er.

Was treibt ihn an, um die halbe Welt zu reisen, um die Kunst des Bogenschiessens zu lehren? «In erster Linie bin ich Bogenbauer und arbeite gerne mit meinen Händen», sagt der Sensei (Meister). Er schätze die Tradition, in vielerlei Hinsicht sei er ein «typischer Japaner», sagt Shibata und lacht.

Es gebe aber auch Aspekte, in denen er sich von seinen Landsleuten unterscheide. So sei er weltoffen, bereise gerne fremde Länder. Und:

«Ich bin direkt und habe gerne Klarheit. Viele Japaner sind hingegen sehr diplomatisch.»

Der Meister übt gar nicht so gern

Kyudo sei mehr als nur ein Sport, betont Shibata. Es gehe nicht nur darum, das Ziel zu treffen, sondern um geistiges Üben zur Entwicklung der Persönlichkeit, das Fördern der Konzentrationskraft und Gelassenheit, die innere Wahrnehmung. «Es ist eine Leistung des menschlichen Geistes.»

Und diese Leistung erbringt Shibata seit über 40 Jahren und damit gleich lang, wie er Bögen baut. «Ich übe eigentlich gar nicht besonders gerne», sagt er. Warum nicht? «Im Sommer ist’s zu warm und im Winter zu kalt», scherzt Shibata. Lieber baut er in seiner Werkstatt in Kyoto Bögen, bis zu 30 Stück pro Monat.

Rund 1000 Franken für den traditionellen Bogen

In aufwendiger Handarbeit werden mehrere Bambusschichten verleimt – ohne Kunstleim oder künstliche Materialien wie Karbon. «Wir verwenden Leim aus Tierhaut.» Und auch sonst ist die Produktion der Bögen von A bis Z reine Handarbeit. «Wir haben zwar Hilfsmittel wie Tischsägen. Wenn es aber einmal einen Stromausfall geben würde, könnten wir die Bögen genau gleich herstellen.»

Wer einen Yumi beim Meister bestellt, zahlt rund 110'000 Yen – umgerechnet rund 1000 Franken. Es gebe technisch leistungsfähigere Bögen, sagt Shibata. «Aber sobald Kunststoffe eingesetzt werden, muss sich der Bogenbauer nicht mehr so viel Mühe geben.»

Wenn er gesund bleibt, macht er lange weiter

Irgendwann wird der Sohn von Kanjuro Shibata in seine Fussstapfen treten. Sein Schwiegervater war 73, als er als kaiserlicher Bogenbauer zurücktrat. Das Amt als Vorsitzender von Zenko International, dem internationalen Kyudo-Verband, gab er erst im Alter von 90 Jahren an seinen Adoptivsohn weiter. Plant der aktuelle Sensei, auch so lange weiter zu machen? «Ja, wenn ich gesund bleibe», sagt er.

Kanjuro Shibata XXI ist nicht zum ersten Mal in der Schweiz – in den vergangenen Jahren hat er unter anderem immer wieder Kurse in Bern gegeben. «Und ich hatte in Kyoto auch schon Schweizer Besuch», sagt er und zückt wieder das Smartphone, um Bilder der Schweizer Delegation zu zeigen, die ihn in seiner Heimat besucht hat.

Welchen Rat hat er für die St. Galler Kyudo-Praktizierenden? «Sie sollen Spass haben am gemeinsamen Üben.» Ziel sei, sich über das Kyudo ausdrücken und entdecken zu können: «Sieh dich selbst im Yumi.»

Eine fast 500 Jahre alte Familiengeschichte

Der erste Kanjuro Shibata lebte Mitte des 16. Jahrhunderts auf der südjapanischen Insel Tanegashima und diente dort dem Shimazu-Samurai-Clan. Danach arbeiteten seine Nachfolger in Kyoto für andere Clans, bevor ihm der Shogun den Ehrentitel Onyumishi, zu Deutsch «Grosser Bogenbaumeister», verlieh. Seither wird der Name von Generation zu Generation übertragen – bis heute.

Die Shibatas fertigen Yumis, japanische Bambusbögen, und praktizieren Kyudo, eine ebenfalls seit dem 16. Jahrhundert ausgeübte Kunst des japanischen Bogenschiessens. Im Zentrum stehen dabei die Werte Shin (Wahrheit), Zen (Güte) und Bi (Schönheit). In St.Gallen gibt es eine Kerngruppe von sechs bis acht Personen, die regelmässig Kyudo praktizieren – und dieses Wochenende im Athletik-Zentrum von Kanjuro Shibata XXI unterrichtet werden. Besucher sind willkommen. (ghi)

www.kyudostgallen.ch

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