Nach Töffunfall: Ruedi Eberhard gibt Hirnverletzten eine Stimme

Auch wenn er sein Gehirn nach einem Unfall neu programmieren musste, ist Ruedi Eberhard überzeugt: Er hatte Glück. Jetzt erhielt eine Selbsthilfegruppe für Hirnverletzte, die der Arnegger moderiert, einen Förderpreis.

Corinne Allenspach
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Ruedi Eberhard daheim in seiner Stube in Arnegg. Nach seinem Unfall sieht er seine Aufgabe darin, zwischen Hirnverletzten, Spezialisten und der Öffentlichkeit zu vermitteln. (Bild: Urs Bucher)

Ruedi Eberhard daheim in seiner Stube in Arnegg. Nach seinem Unfall sieht er seine Aufgabe darin, zwischen Hirnverletzten, Spezialisten und der Öffentlichkeit zu vermitteln. (Bild: Urs Bucher)

Töfffahren war seine Leidenschaft. Dann die Vollbremsung, der Sturz auf den Hinterkopf, Filmriss, drei Monate Koma. Was genau geschehen ist an diesem verhängnisvollen 16. August 1997 auf einer Passstrasse in den französischen Alpen, konnte nie genau rekonstruiert werden. Tatsache ist: Seit diesem Tag ist Ruedi Eberhard hirnverletzt. Reifenspuren am Helm liessen darauf schliessen, dass ein Auto über seinen Kopf gefahren war. Für den Arnegger begann der lange und bis heute dauernde Kampf zurück ins Leben. Mehr als ein Jahr verbrachte der damals 28-Jährige in einer Rehaklinik, musste alles von Grund auf wieder lernen oder wie er es ausdrückt: Die Schaltzentrale neu programmieren. Allein wieder richtig schlucken zu lernen habe Wochen gedauert.

Mit Hirnverletzung ändert sich oft Persönlichkeit

Jetzt sitzt der 49-Jährige daheim am Esstisch und sagt: «Mir geht es gut bis sehr gut.» Er sei 100 Prozent selbstständig, schmerzfrei trotz linksseitiger Lähmung, er hat wieder Autofahren gelernt und arbeitet seit zehn Jahren halbtags in der Qualitätskontrolle beim Technologiekonzern Bühler in Uzwil. Wann immer das Wetter es zulässt, fährt er mit dem Velo zur Arbeit. Ruedi Eberhard hat drei Töchter im Alter von 17 bis 23 Jahren und seine Ehe hat alle Stürme überstanden. Das sei nicht selbstverständlich. Er sagt:

«Oft geht eine Persönlichkeitsveränderung Hand in Hand mit einer Hirnverletzung»

Auch diesbezüglich habe er Glück gehabt. Zwar sei er im Kopf nach einem Jahr Reha um 20 Jahre gealtert, aber seine Charakterzüge seien geblieben. Sagt’s und lacht: «Wenn mir ein Kollege sagt, ich sei noch der gleiche Laferi, dann ist das für mich ein Kompliment.»

Nach seinem Unfall hat Ruedi Eberhard in vielerlei Hinsicht lernen müssen, loszulassen. So kann er, der früher begeistertes Mitglied im Jodlerklub Stadtjodler im Fürstenland Gossau war, heute beispielsweise nicht mehr singen. Auf dem Weg zurück ins Leben hat ihm der Austausch in Selbsthilfegruppen von Fragile Ostschweiz geholfen. Eberhard engagiert sich in zwei Gruppen als Moderator, jene in Weinfelden hat kürzlich erstmals einen Förderpreis erhalten (siehe Kasten). Ziel der Selbsthilfegruppen sei es, den Betroffenen ein Stück Lebensqualität zurückzugeben. Dabei gehe es nicht darum, zu belehren oder Lösungen zu präsentieren, sondern einfach Erfahrungen auszutauschen. Eberhard weiss: «Schritt Nummer eins zur Verarbeitung ist, das Problem auszusprechen.» Damit bekomme es einen ganz anderen Stellenwert.

Wie wenn man Festplatte auf Computer löscht

Die Gruppen treffen sich einmal pro Monat, das Jahresprogramm wird gemeinsam bestimmt. Genauso wie die Verwendung der 2000 Franken aus dem Förderpreis. Eberhard kann sich vorstellen, dass das Geld für einen Ausflug oder einen Workshop mit einem Musiktherapeuten verwendet wird. Bei den Treffen legt Eberhard Wert darauf, dass man spontan entscheiden kann, zu kommen und sich weder an- noch abmelden muss. Denn: «Als Hirnverletzter ist man stark schwankenden Tagesformen unterworfen.» Die schwierigste Zeit sei in der Regel die unmittelbar nach der Reha, wenn man vom behüteten Raum in die Realität komme.

«Daheim sieht man dann, was man alles nicht mehr kann. Das ist ganz brutal.»

Ruedi Eberhard selber hat sich nie versteckt. Im Gegenteil. «Wenn ich etwas für andere hirnverletzte Menschen tun kann, dann hat mein Unfall auch einen Sinn gehabt», sagte er in einem der vielen Interviews, die er in den vergangenen 21 Jahren in fast jedem Deutschschweizer Printmedium und bei SRF gab. Heute sieht er sich als Sprachrohr für Menschen mit Hirnverletzungen. In seinem früheren Beruf als Polizist hat er gelernt, sich abzugrenzen. Trotzdem gehen ihm manche Schicksale besonders nahe. Beispielsweise jenes einer jungen Mutter, die von einem Auto angefahren wurde. Dabei wurde ihr Stammhirn verletzt, die Frau hatte von einer Sekunde auf die andere keine Vergangenheit mehr, erkannte weder Kind noch Eltern. Eberhard:

«Das ist wie, wenn man bei einem Computer die Festplatte löscht.»