St.Galler Brockenstuben verzeichnen steigende Umsätze

Gebrauchte statt neue Ware für Haushalt und Kleiderschrank: Vintage ist in. Brockenstuben in Stadt und Region profitieren von diesem Umstand – auch, weil sie sich vom Schmuddel-Image verabschiedet haben.

Seraina Hess
Drucken
Teilen
Kunst ist bei Kunden beliebt, auch in der Blaukreuz-Brockenstube an der Turnerstrasse. (Bild: Michel Canonica)

Kunst ist bei Kunden beliebt, auch in der Blaukreuz-Brockenstube an der Turnerstrasse. (Bild: Michel Canonica)

Weihnachtskugeln, Lichterketten und Pelzmäntel: Das Entree der Blaukreuz-Brockenstube hat sich der Jahreszeit angepasst. Obschon der Eingang mit Ladentheke, hohen Fensterfronten und vielen Freiräumen eher den Eindruck einer Boutique vermittelt, ist das Sortiment weit umfangreicher als auf den ersten Blick ersichtlich. Von Büchern über Bilder bis hin zu Betten umfasst die zweistöckige Brockenstube alles, was passionierte Secondhand-Shopper interessieren könnte. Gebraucht, aber ihren Zweck noch immer erfüllend. «Was hierher gelangt, durch Räumungen oder Spenden, prüfen wir immer, bevor es in den Verkauf geht», sagt Ladenleiter René Nacht. «Ein kaputter Plattenspieler kommt gar nicht erst ins Sortiment.»

Die Artikel sind nach Farben, Formen oder Grösse sortiert, ganz gleich, ob es sich um Teetassen, Teigknetmaschinen oder T-Shirts handelt. Wühlkisten mit allerhand Ramsch findet man hier kaum, dafür Auslagen wie im Schaufenster eines Modehauses. Offenbar kommt dieses Konzept bei den jährlich über 29000 zahlenden Kunden an: Die Brockenstube im Vonwil-Quartier hat seit ihrer Eröffnung vor bald zehn Jahren den Umsatz um fast einen Drittel gesteigert.

Jedes Jahr ein Plus verzeichnet

2010 gilt als erstes vollständiges Geschäftsjahr. Damals betrug der Umsatz 467000 Franken. Bis 2017 verzeichnete die Blaukreuz-Brockenstube jedes Jahr ein Plus und setzte schliesslich 677000 Franken um. Abzüglich Personalkosten, Miete und Sachaufwand ergibt sich daraus einen Gewinn von 120000 Franken, der in die Suchtprävention und Alkoholberatung investiert wird.

Die Zahlen des laufenden Geschäftsjahres sind Ende November identisch mit jenen des Vorjahres – auf ein Umsatzwachstum muss die Brockenstube heuer voraussichtlich erstmals verzichten. Grund dafür ist nicht etwa der Rückgang der Nachfrage nach gebrauchter Ware. Vielmehr hätten Umbauarbeiten am Gebäude im zweiten Semester zu Einbussen geführt, da es zu Parkplatzengpässen gekommen sei, erklärt Werner Lieberherr.

Der Bereichsleiter Brockenstube beim Blauen Kreuz St. Gallen-Appenzell führt den Erfolg im vergangenen Jahrzehnt auf zwei Faktoren zurück: Einerseits auf den steigenden Bekanntheitsgrad des Ladens in St. Gallen und Umgebung, andererseits auf die Etablierung der Brockenstube in der Gesellschaft: «Die Tendenz zur Wiederverwertung zeichnet sich deutlich ab.»

Das beobachtet auch die Heilsarmee, die in der Schweiz mit 20 Brockenstuben vertreten ist. Alle zusammen blicken sie auf ein Rekordjahr mit 23 Millionen Umsatz und zwei Millionen Gewinn zurück. Massgeblich daran beteiligt war auch die Brockifiliale Gossau-St. Gallen.

Zwischen Januar und November 2018 ist der Umsatz der Filiale gegenüber Vorjahr um fünf Prozent gewachsen und übertraf Ende November 1,3 Millionen Franken. Die Kundenzahl hat sich von 59000 auf 64900 erhöht. Ziel der Brockis ist es, jeweils zehn Prozent des Umsatzes in soziale Projekte zu investieren.

Gossauer Brocki gehört zu den Top 5

Der Laden, der bis vor drei Jahren an der Zürcherstrasse beheimatet war und in eine Halle an der Industriestrasse gezogen ist, gehört zu den Top 5 der Heilsarmee-Brockis. Das sagt der Marketingverantwortliche Markus Baumann: «Der Brockenstuben-Groove ist in dieser Filiale verschwunden. Sie ist dekoriert und ähnelt in der Struktur eher dem Aufbau eines Warenhauses.»

Im Gegensatz zur Heilsarmee und zum Blauen Kreuz hält sich das Brockenhaus der Gemeinnützigen und Hilfs-Gesellschaft St. Gallen bedeckt, was Umsatzzahlen angeht. Geschäftsführer Roberto Sessolo spricht aber von einer Steigerung um 15 Prozent in den vergangenen fünf Jahren. Spannend sei die Entwicklung der Kundenstruktur. Wie die anderen beiden Läden zieht das Brockenhaus an der Goliathgasse längst nicht mehr nur Menschen an, die knapp bei Kasse sind. «Der Einkauf im Brocki gilt heute als chic», sagt Sessolo. «Viele junge Kunden stöbern bei uns.» Beliebt seien Küchenmöbel aus den 1950er-Jahren, die dann in Eigenregie restauriert würden.

Hohe Betriebskosten, viel Know-how

Neben den gemeinnützigen Organisationen mischen inzwischen auch andere Unternehmer im Secondhand-Geschäft mit, weiss Sessolo. Womit niemand rechne, seien die hohen Betriebskosten, die entsehen – vor allem durch Miete grosser Ladenflächen und Personal. Um erfolgreich zu wirtschaften, brauche es vor allem Fachkenntnis: «Es kann gut sein, dass wir einmal länger nachforschen, um den Wert eines Artikels zu ermitteln.» Denn eine Trouvaille findet sich in der Brockenstube rasch – aber auch diese hat manchmal ihren Preis.