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Engpässe, Wartelisten und kürzere Behandlungen: In St.Gallen fehlen die Physiotherapeuten

Schweizweit mangelt es an Spezialisten. Besonders prekär ist die Situation in St.Gallen, denn hier fehlen Ausbildungsplätze gänzlich.
Sandro Büchler
Ein Physiotherapeut behandelt in der Praxis das Knie einer Patientin. (Bild: Christin Klose/DPA)

Ein Physiotherapeut behandelt in der Praxis das Knie einer Patientin. (Bild: Christin Klose/DPA)

Pro Jahr gebe es in der Schweiz einen Bedarf von 746 neu ausgebildeten Physiotherapeutinnen und -therapeuten, antwortete die St.Galler Regierung im April auf einen Vorstoss. Derzeit würden aber lediglich 350 Abschlüsse pro Jahr gezählt. Im Kanton St.Gallen sei der Mangel gar noch grösser. In der vergangenen Woche doppelten zwei SP-Politiker im Thurgauer Grossen Rat nach. Sie forderten eine Physiotherapeuten-Ausbildung an der neuen Ostschweizer Fachhochschule.

Denn Studierende aus den Kantonen Thurgau und St.Gallen müssen nach Zürich oder Landquart, wo entsprechende Ausbildungsangebote bestehen. Eine Umfrage zeigte zuletzt, dass die Studierenden in der Regel in der Region bleiben, wo sie ihr Praktikum absolvieren – was oft im Kanton Zürich ist. Die neuen Physiotherapeuten fehlten dann in der Ostschweiz.

Engpässe, Wartelisten und kürzere Behandlungen

«Wo die Schulen sind, bleiben die Physiotherapeuten später meist zum Wohnen und Arbeiten», sagt Christof Wehrle, Interimspräsident des Regionalverbandes Physioswiss St.Gallen-Appenzell. Er ist seit 35 Jahren als Physiotherapeut tätig und spricht von einer «Misere auf allen Ebenen». Der Fachkräftemangel habe Folgen für die Patienten:

«Es gibt Wartelisten und teils werden kürzere Behandlungszeiten eingeplant.»

Frisch ausgebildete Physiotherapeuten zu finden sei schwierig. «Der Markt ist ausgetrocknet», sagt Wehrle. 33 Physiotherapeuten werden zurzeit laut der Online-Stellenbörse von Physioswiss in der Ostschweiz gesucht. Wehrle berichtet von einer Physiotherapeutin, die selbst operiert werden musste und ausfiel, aber keine Stellvertreterin fand. «Sie musste die Praxis bis zur Genesung schliessen.» Andere Physiotherapeuten berichten davon, dass sie wegen Engpässen beim Personal Patienten abweisen müssen.

Der Mangel bereitet auch Karin Uffer Sorgen. Sie praktiziert seit 25 Jahren als Physiotherapeutin in der Stadt St.Gallen. «Es ist zwar schön, wir sind immer ausgebucht.» Für einen Termin müsse man jedoch teils bis zu drei Wochen warten. «Für Patienten mit akuten Schmerzen oder solche, die nach einer Operation eine Therapie benötigen, ist das nicht optimal.»

Wer beim Spital arbeitet, erhält 1000 Franken mehr

Auch Uffer sagt: «Gut ausgebildete junge Physiotherapeuten zu finden, ist sehr schwierig geworden.» Bewerbungen erhalte sie aus dem Ausland – aus Deutschland oder Polen. Doch die Diplo­me der Bewerber seien vielfach ungenügend. «Manche können nicht recht Deutsch», fügt Uffer hinzu. Zur Not müsse sie für einen 100-Prozent-Job zwei bis drei Personen anstellen. Das grösste Problem der Branche seien die tiefen Löhne. Zusätzlich würden ihr die Spitäler die Bewerber streitig machen. «Dort verdienen Physiotherapeuten bis zu 1000 Franken mehr pro Monat», sagt Uffer.

Doch auch das Kantonsspital St.Gallen bekunde zunehmend Mühe, geeignetes Personal zu finden, sagt Philipp Lutz, Mediensprecher des Kantonsspitals. Dessen Zentrum für Ergo- und Physiotherapie beschäftigt rund 50 Physiotherapeutinnen und -therapeuten. Aktuell sei jedoch keine Stelle vakant, sagt Lutz. Aufgrund seiner Grösse könne das Zentrum flexibler auf Personalengpässe reagieren. Und es kann auf Nachwuchs zählen. «Pro Jahr absolvieren bei uns 35 Physiotherapiestudierende ein Praktikum», sagt Lutz. Vielfach könne das Spital diese nach dem Studienabschluss anstellen.

Privatschule mischt mit

Die St.Galler Regierung bestreitet den Mangel bei den Physiotherapeuten nicht. Sie hat den Ball jedoch weitergespielt – an den Hochschulrat der neuen Ostschweizer Fachhochschule Ost. Die Trägerkonferenz der neuen Institution, in der neben dem Kanton St.Gallen die Kantone Schwyz, Glarus, Thurgau, Appenzell Inner- und Ausserrhoden sowie das Fürstentum Liechtenstein vertreten sind, nimmt Anfang 2020 den Betrieb auf. So liege es am zukünftigen Hochschulrat, über neue Studiengänge zu entscheiden.

Bereits seit 2015 bildet eine nur wenig bekannte Privatschule in St.Gallen Physiotherapeuten aus. Die St.Galler medizinische Fachschule bietet pro Jahr 16 Plätze an, wie Studiengangleiter Christoph Hollenstein sagt. «Das Angebot ist noch jung.» Jedoch setze die Ausbildung einen Abschluss als Medizinischer Masseur voraus. Zwei Jahre dauert der darauf aufbauende, verkürzte Lehrgang Physiotherapie an der Privatschule. Sie unterrichtet nach einem deutschen Modell.

«Das Diplom entspricht aber dem Schweizer Bachelor als Physiotherapeut nahezu.»

Der Abschluss werde in der Schweiz anerkannt, betont Hollenstein. Man biete ein Nischenprodukt an, sagt der Studiengangleiter. Gleichwohl sei man einer Kooperation mit einer Hochschule nicht abgeneigt. «Denn als Privatschule können wir keinen Hochschulabschluss verleihen.» Zwar habe man den Kontakt zu verschiedenen Fachhochschulen gesucht, um eine allfällige Zusammenarbeit zu diskutieren. Die Resonanz sei aber verhalten. «Man hat Vorbehalte geäussert.» Hollenstein vermisst einen Dialog unter allen Akteuren. «Der Mangel bei den Physiotherapeuten ist da – und es sind viel zu wenig Ausbildungsplätze für die vielen Interessenten vorhanden.»

Der Berufsverband Physio­swiss sollte dem privaten Ausbildungsangebot Hand bieten, sagt Christof Wehrle. «Denn wo es etwas hat, muss man etwas Dünger geben.»

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