Engelburger Bauernfamilie befürchtet neue Regeln des Heimatschutzes: «Die Jungen wollen nicht mehr so leben wie vor 100 Jahren»

Landauf, landab überarbeiten Gemeinden ihre Schutzverordnungen. Dabei gibt es auch Verlierer.

Melissa Müller
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Keine Freude an neuen Vorschriften: Landwirt Urs Eberle mit seiner Frau Monika und seiner Mutter Agnes vor ihrem Hof im Weiler Risi in Engelburg.

Keine Freude an neuen Vorschriften: Landwirt Urs Eberle mit seiner Frau Monika und seiner Mutter Agnes vor ihrem Hof im Weiler Risi in Engelburg.

Lisa Jenny

Der Engelburger Landwirt Urs Eberle erhielt kürzlich einen Brief. Darin teilte ihm die Gemeinde Gaiserwald mit, dass seine Hofgruppe im Weiler Risi neu einer «Strukturschutzzone» zugeteilt werden soll. «Ich weiss nicht genau, was das heisst – und auf der Gemeinde konnte es mir auch niemand sagen», sagt der 52-Jährige. Er fürchtet die strengen Richtlinien des Natur- und Heimatschutzes. «Sogar unsere alte Linde steht seit über 20 Jahren unter Schutz.» Sein Grossvater hat den mächtigen Baum neben dem Hof gepflanzt. Das Laub sammle sich in den Dachrinnen, die dann vermoosen, das sei lästig. Eberle hat sich schon überlegt, dass es gut wäre, ihn zu fällen. Er spende im Sommer aber schönen Schatten.

Urs Eberles Grossvater hat die mächtige Linde gepflanzt.

Urs Eberles Grossvater hat die mächtige Linde gepflanzt.

Lisa Jenny

Eberle hat 36 Kühe und bewirtschaftet 22 Hektaren Land, daneben arbeitet er als Totengräber. Im Weiler Risi wirkt das ehemalige Bauerndorf Engelburg noch intakt: Das langgezogene Gehöft liegt in einer leicht abfallenden Mulde, umgeben von Wald und Wiesen. Das Bauernhaus, in dem Eberle mit seiner Frau und den beiden Töchtern wohnt, wurde 1712 errichtet. Es hat eine dunkle Schindelfassade und weiss gefasste Fenster.

Der 1712 erbaute Bauernhof der Familie Eberle.

Der 1712 erbaute Bauernhof der Familie Eberle.

Lisa Jenny

Nebenan befindet sich eine Scheune mit einem originellen asymmetrischem Dach. Zur Hofgruppe gehört ein weiteres Haus, das die Eberles an ein junges Paar vermietet haben, und ein altes Haus, in dem Urs Eberles Mutter wohnt. Die Isolation sei veraltet, die Räume zu niedrig. «Es wird teurer, dieses Haus umzubauen, als es abzureissen und neu zu bauen», sagt Urs Eberle. «Für mich ist es gut genug», sagt seine Mutter, die seit 52 Jahren auf diesem Fleck Erde wohnt.

«Aber die Jungen wollen heute ja nicht mehr leben wie vor 100 Jahren.»
In diesem Haus, das neu zur Strukturschutzzone gehören soll, wohnt ein junges Paar.

In diesem Haus, das neu zur Strukturschutzzone gehören soll, wohnt ein junges Paar.

Lisa Jenny

Viele Bauernhäuser sollen ­geschützt werden

So wie Eberles geht es derzeit etlichen Grundeigentümern aus Engelburg, Abtwil und St.Josefen. Viele der neu unter Schutz gestellten Objekte sind historisch wertvolle Bauernhäuser oder Hofgruppen. Für die Betroffenen ist die Schutzverordnung von Bedeutung, weil die Schutzrechte ihre Eigentumsrechte einschränken können.

Eines der vielen Bauernhäuser in der Gemeinde Gaiserwald, die für schutzwürdig befunden wurden.

Eines der vielen Bauernhäuser in der Gemeinde Gaiserwald, die für schutzwürdig befunden wurden.

Bild: PD

150 Einwohner besuchen­ ­Informationsversammlung

Der Grund: Historische Bauten, Kulturgüter und Landschaften schaffen Identität. Darum verpflichtet der Bund den Kanton und die Gemeinden, diese zu schützen. Etliche Gemeinden müssen ihre veraltete Schutzverordnung revidieren – so auch Gaiserwald. Die externe Fachexpertin Isabella Studer-Geisser hat das Ortsbildinventar überarbeitet. Bei der Hofgruppe Risi handle es sich um ein stark renoviertes, aber schönes Anwesen. «Die Einheit des Ensembles und die Freiräume zwischen den Häusern sind zu schützen», hält die Kunsthistorikerin in ihrer Dokumentation fest.

Die Kunsthistorikerin Isabella Studer-Geisser ist auch Kuratorin des Historischen- und Völkerkundemuseums in St.Gallen.

Die Kunsthistorikerin Isabella Studer-Geisser ist auch Kuratorin des Historischen- und Völkerkundemuseums in St.Gallen.

Benjamin Manser
«Gaiserwald verfügt nicht über viele überdurchschnittliche Bauten.»

Umso mehr gelte es, bestehenden Objekten Beachtung zu schenken. Einst waren Abtwil, St.Josefen und Engelburg ärmlich und bäuerlich, von Streusiedlungen geprägt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchsen sie, in den 1970er-Jahren setzte ein Bauboom ein. Neu sollen nicht nur Denkmäler wie die Habegger-Kirche auf der Krete in Abtwil oder die Spiseggbrücke in Engelburg unter Schutz gestellt werden.

Die Spiseggbrücke bei Engelburg.

Die Spiseggbrücke bei Engelburg.

Auch Objekte aus der jüngeren Vergangenheit sollen gebührend behandelt werden. Etwa eine Trafostation in Engelburg mit einem Satteldach, um 1910 erbaut. Der Turm zwischen der Bächlistrasse und der Linerhofstrasse ist von Pflanzen überwuchert.

Der Engelburger Trafoturm dämmert im Dornröschenschlaf vor sich hin.

Der Engelburger Trafoturm dämmert im Dornröschenschlaf vor sich hin.

Bild: Isabella Studer-Geisser
So sieht der schmucke Turm ohne Efeu aus.

So sieht der schmucke Turm ohne Efeu aus.

Bild: PD

In Abtwil steht ein ähnlicher Trafoturm, aber jener in Engelburg sei eleganter, findet Studer-Geisser:

«Er sollte unbedingt geschützt werden.»

Auch für ein Betonhaus mit Flachdach an der Waldstrasse in Engelburg ergreift die Expertin Partei. Sie lobt die filigranen Fenster, den ausgeklügelten Grundriss, die harmonische Einfügung in die Landschaft.

Der schlichte Betonkubus von 1961 ist raffiniert konstruiert. Er scheint gleichsam über dem Boden zu schweben.

Der schlichte Betonkubus von 1961 ist raffiniert konstruiert. Er scheint gleichsam über dem Boden zu schweben.

Bild: Isabella Studer-Geisser

Es wurde 1961 vom Zürcher Architekten Robert Hofer für den Typographen Rudolf Hostettler erbaut. «Solche moderne Objekte von hoher baulicher Qualität sind besonders gefährdet», sagt Studer-Geisser. Sie seien schwierig zu sanieren. Frühe Betonbauten erfüllten nie die energetischen Anforderungen von heute. «Zudem sind wir alle verwöhnt und gewohnt, in allen Zimmern konstante Temperatur zu haben. Das ist wie mit dem Umweltschutz; man weiss es, doch beginnen sollen die andern. » Wenige wollten ihre Gewohnheiten ändern zugunsten der Sache.

Zudem brauche es meist eine bis zwei Generationen Abstand, bis die Bevölkerung den Wert solcher Bauten erkenne.

Frist läuft am 19. Februar ab

Noch ist nichts entschieden. Die Gemeinde Gaiserwald hat die Betroffenen – mehrere Hundert Grundeigentümer – schriftlich informiert. Wie sehr das Thema bewegt, zeigte sich kürzlich an einem Informationsabend, an dem 150 Bewohner teilnahmen. Bis am 19.Februar können beim Bauamt Stellungnahmen abgegeben werden. Danach entscheidet der Gemeinderat über die Schutzverordnung, und es gibt ein Auflageverfahren.

Bauer und Totengräber Urs Eberle will eine Stellungnahme einreichen, um sich zu wehren. Doch er komme kaum zur Ruhe. Zur Zeit werde viel gestorben, er müsse jede Woche an drei Beerdigungen.

Hecken, Biotope, Ruinen

Die neue Schutzverordnung umfasst auch Landschaftsschutz. Die meisten Änderungen in Gaiserwald gibt es bei den Hecken. Erwin Keller, Förster der Waldregion 1 beim Tannenberg, schlägt vor, dass gegen 40 Hecken geschützt werden. Sie dienen als Lebensraum für Pflanzen und Tiere und sind ein vernetzendes Element in der vielerorts ausgeräumten Landschaft. «Auch ergeben sie ein schönes Bild, wenn sie im Frühling blühen und sich im Herbst verfärben», sagt der Förster. Auch markante Einzelbäume bleiben geschützt. «Für manche Besitzer sind solche Bestimmungen lästig, weil ein Baum auch Arbeit bedeutet», sagt Keller.

Welches sind die wertvollsten Naturschutzgebiete Gaiserwalds? Der Förster nennt das Flachmoor Sonnenbergmoos in Abtwil mit Hecken und sonnigem Streuland. Auch das Biotop Tonisberg in Abtwil sei ein Insektenparadies. Zudem ist der Feuchtstandort Ochsenweid im Sittertobel mit seinem Amphibienlaichgebiet von nationaler Bedeutung. «Wo das Ufer für die Menschen nicht zugänglich ist, kann sich die Natur entfalten», sagt Keller. Zu den neuen archäologischen Schutzgebieten zählen die Burg Spisegg und die Ruine Ätschberg. (mem)