Endstation
Im Notschlachtlokal in Mörschwil endet das Leben von verletzten Tieren – doch nur noch wenige Bauern nutzen dieses

Seit vielen Jahrzehnten gibt es in Mörschwil ein Notschlachtlokal. Wurden früher noch viele Notschlachtungen durchgeführt, kommen heute nur noch wenige Landwirte mit ihren verletzten Tieren dorthin. Stattdessen werden die Kühe, Rinder und Schweine direkt verbrannt. Obwohl das Fleisch noch verwendet werden könnte.

Perrine Woodtli
Drucken
Teilen
Gemeindemitarbeiter Richard Kast im Mörschwiler Notschlachtlokal. Hinter der Tür befindet sich der Kühlraum, wo die Schlachtkörper aufbewahrt werden.

Gemeindemitarbeiter Richard Kast im Mörschwiler Notschlachtlokal. Hinter der Tür befindet sich der Kühlraum, wo die Schlachtkörper aufbewahrt werden.

Benjamin Manser (24. November 2020)

Unscheinbar liegt das Häuschen mit dem Schindeldach und der dunkelbraunen Holzfassade hinter dem alten Bauernhaus an der Huebstrasse 17. Es dürfte denn auch nicht allen bekannt sein, was in dessen Inneren vor sich geht. Es handelt sich um eines der wenigen Notschlachtlokale, die es in der Umgebung gibt. Unter anderem gibt es eines in Wolfhalden und eines in Andwil.

Die Gemeinde Mörschwil betreibt seit Jahrzehnten ein regionales Notschlachtlokal. Jenes an der Huebstrasse steht seit knapp 30 Jahren. Es ist der dritte Standort.

Ins Notschlachtlokal kommen Tiere, die sich verletzt haben. Zum Beispiel ein Rind, dass sich ein Bein gebrochen hat, eine Sau, die nicht mehr fressen kann, eine Kuh mit einem Darmverschluss. Oder ein Kalb nach Komplikationen bei der Geburt.

Das Notschlachtlokal befindet sich im Gebiet Hueb.

Das Notschlachtlokal befindet sich im Gebiet Hueb.

Benjamin Manser (24. November 2020)

Tierarzt und Fleischschauer müssen hinzugerufen werden

Verletzt sich ein Tier, kann der Bauer dieses nicht einfach rasch vorbeibringen. Auch eine Notschlachtung erfordert Papierkram. So muss ein Tierarzt das Tier untersuchen und ein Formular ausfüllen, das dessen Zustand bescheinigt. Ein Fleischschauer beurteilt zudem, ob Proben vom Fleisch eingeschickt werden müssen oder nicht. Das Formular geht dann ans kantonale Veterinäramt.

Ist alles erledigt, bringt der Bauer sein Tier nach Mörschwil. Es sei von Fall zu Fall unterschiedlich, ob dieses dann noch lebe oder nicht, sagt Othmar Hauser. Ihm gehört der Hof gleich nebenan, wo er Rinder züchtet und 700 Obstbäume bewirtschaftet. Er öffnet zudem jeweils das Notschlachtlokal, wenn es gebraucht wird. «Kann das Tier noch gehen, wird es erst hier getötet», sagt Hauser.

Othmar Hauser, Mörschwiler Landwirt.

Othmar Hauser, Mörschwiler Landwirt.

Perrine Woodtli (24. November 2020)
«Geht das aufgrund der Verletzung nicht mehr, tötet der Tierarzt es bereits auf dem Hof mit einem Bolzenschuss.»

Das tote Tier werde dann auf einer Schubkarre ins Notschlachtlokal befördert.

Haken und Eimer für die Innereien

Dieses macht einen kühlen und sterilen Eindruck. Viel gibt es hier nicht, zu entdecken. Von der Decke hängen grosse Haken aus Metall. Es gibt mehrere Waagen und eine Art Wanne, in denen die toten Schweine heiss «gebadet» werden, um ihre dicken Borsten besser entfernen zu können.

In der einen Ecke stehen Eimer für die Innereien, in der anderen hängt eine weisse Schlachtschürze. Hinter einer grossen Tür verbirgt sich der Kühlraum, wo gut drei Kühe aufgehängt Platz haben.

Von der Decke hängen mehrere Haken.

Von der Decke hängen mehrere Haken.

Benjamin Manser (24. November 2020)

Bankwürdig oder ungeniessbar?

Ist das Tier im Notschlachtlokal angekommen, übernimmt der Metzger. Die Gemeinde arbeitet hierfür mit Bruno Ehrbar von der Ehrbar-Metzgerei in Mörschwil zusammen. Zuerst wird das Tier an den Haken aufgehängt. Danach wird es «ausgezogen», wie Hauser sagt. Will heissen: gehäutet. Dann wird es ausgeblutet, halbiert und die Innereien werden entfernt.

Das Fleisch wird während einiger Tage gekühlt. Je nach dem müssen die Ergebnisse aus dem Labor abgewartet werden. Dort wird geprüft, ob das Fleisch bankwürdig oder ungeniessbar ist. Bankwürdig bedeutet, dass das Fleisch in Ordnung und für den menschlichen Konsum freigegeben ist. Ungeniessbar bedeutet, dass der Schlachtkörper verbrannt werden muss.

Richard Kast, Liegenschaftsbetreuer Gemeinde Mörschwil.

Richard Kast, Liegenschaftsbetreuer Gemeinde Mörschwil.

Benjamin Manser (24. November 2020)

Für das Entsorgen der Innereien und Putzen der Räume sind die Landwirte verantwortlich. Das funktioniere immer gut, sagt Richard Kast. Er betreut die Liegenschaften der Gemeinde. Probleme habe es noch nie gegeben.

Problematische Geburten führten früher zu mehr Notschlachtungen

Oft wird das Notschlachtlokal nicht mehr benutzt. Zwei Kühe und ein Rind wurden dieses Jahr bisher dort gemetzget. Im Schnitt gibt es jährlich fünf bis acht Fälle. Früher seien mehr Notschlachtungen durchgeführt worden, sagt Hauser. Dafür, dass die Zahl abgenommen habe, gebe es mehrere Gründe.

Zum einen seien generell weniger Notschlachtungen nötig als früher – unter anderem wegen neuer Standards auf den Höfen. «Es kommt nur selten vor, dass sich ein Tier ernsthaft verletzt», sagt Hauser. Früher habe es zudem vor allem beim Kalben viel öfters Probleme gegeben. Heute laufe eine Geburt meistens reibungslos ab.

Richard Kast überprüft die Räume regelmässig.

Richard Kast überprüft die Räume regelmässig.

Benjamin Manser (24. November 2020)

Viele ziehen eine Verbrennung vor

Immer weniger Landwirte ziehen Notschlachtungen zudem überhaupt in Betracht – auch aus finanziellen Gründen. Bei einer Notschlachtung müssen sie den Fleischschauer, den Tierarzt, das Lokal, die Entsorgung und den Metzger zahlen. Für viele rentiere diese nicht. «Stattdessen schickt man das Tier direkt nach Bazenheid.» Nach Bazenheid bedeutet: ins TMF Extraktionswerk. Das Unternehmen entsorgt und verwertet tierische Nebenprodukte. Hauser schüttelt den Kopf:

«Obwohl das Fleisch dieser Tiere gut ist, werden sie direkt eingeschläfert und verbrannt.»

Nur weil eine Kuh hinke, könne man das Fleisch doch trotzdem verwenden. «Aber viele werfen es einfach weg. Das ist doch verrückt.» Früher hätten einige Bauern die Schlachtkörper noch dem Walter-Zoo in Gossau gebracht. Dieser nehme aber auch nicht mehr einfach alles an.

Gemeinde finanziert Lokal selber

Braucht es das Notschlachtlokal denn überhaupt noch? Richard Kast betont, dass es sich bei diesem um «reinen Goodwill der Gemeinde» handle. «Wir machen das den Bauern zuliebe. Ich finde es gut und wichtig, dass wir ihnen diese Dienstleistung anbieten.»

In Mörschwil müsse man sich immer wieder den Ruf der «reichen Rosinenpicker» anhören. «Teilweise stimmt das vielleicht. Aber das Notschlachtlokal ist eine von vielen Sachen, welche die Gemeinde anbietet, auch wenn sie es nicht müsste.»

Im Notschlachtlokal werden die Tiere und deren Fleischanteil gewogen.

Im Notschlachtlokal werden die Tiere und deren Fleischanteil gewogen.

Benjamin Manser (24. November 2020)

Finanziell unterstützt wird die Gemeinde nicht. Sie trägt die Kosten für Unterhalt und neue Anschaffungen selber. Obwohl das Notschlachtlokal gemäss einer Vereinbarung seit 1999 auch den Gemeinden Goldach, Tübach, Rheineck, Thal, Untereggen und Rorschacherberg zur Verfügung steht.

Die Bauern aus Mörschwil profitieren von tieferen Tarifen. Sie bezahlen der Gemeinde für die Benutzung des Notschlachtlokals bei einem Grossvieh 45 Franken. Bei Schweinen sind es 33 Franken, bei Geissen 25 Franken. Auswärtige bezahlen das Doppelte.

Gemeinde will Grundstück dereinst weiterentwickeln

Erst kürzlich hat das Amt für Verbraucherschutz und Veterinärwesen die Betriebsbewilligung für das Lokal bis 2030 verlängert. Ob dieses tatsächlich für weitere zehn Jahre stehenbleibt, ist offen. Das Haus liegt auf einem gemeindeeigenen Stück Land, in dem die Gemeinde viel Potenzial sieht. 2019 konnte sie auch die angrenzende Parzelle kaufen.

Was dereinst dort realisiert wird, ist offen. Es dürfte aber klar sein, dass die alten Häuser dereinst abgerissen und neu überbaut werden. Bis auf weiteres aber bleibt das Notschlachtlokal stehen. Für jene Bauern, die es noch brauchen.

Aktuelle Nachrichten