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Endstation auf Erden: Besuch auf dem Friedhof Feldli

Sterben müssen alle, beigesetzt werden nicht. Trotzdem entscheiden sich fast alle St.Galler für den Friedhof als letzte Ruhestätte. Gerold Jung berät Trauernde bei der Grabwahl, die nicht immer leicht fällt.
Seraine Hess
Auf dem Friedhof Feldli setzt Leiter Gerold Jung etwa 200 Urnen pro Jahr bei, die Hälfte davon in einem Gemeinschaftsgrab. (Bilder: Benjamin Manser)

Auf dem Friedhof Feldli setzt Leiter Gerold Jung etwa 200 Urnen pro Jahr bei, die Hälfte davon in einem Gemeinschaftsgrab. (Bilder: Benjamin Manser)

Gerold Jung geht in die Knie und dreht behutsam am Holzdeckel, der das Behältnis verdeckt. Der 55-Jährige ist in den schwarzen Anzug gekleidet, der jeweils griffbereit im Büro hängt. Mit der Bewegung des Deckels öffnet sich der Boden der Mehrweg-Urne, und die Überbleibsel eines ganzen Lebens, nicht mehr als eine Handvoll Asche, verschwinden im Boden.

Geschehen ist das beim Gemeinschaftsgrab «Schiff» auf dem Friedhof Feldli schon über 1800 Mal. Und auch diese Stelle im Boden wird in wenigen Wochen mit Gras bewachsen sein, sodass niemand mehr ausfindig machen kann, wo genau der einstige Körper begraben liegt. Was den Zweck des Gemeinschaftsgrabes ohne persönlichen Grabstein versinnbildlicht: Angesichts des Todes sind die Menschen alle gleich, ob Akademiker oder Büezer, ob Christ oder Atheist.

Die Wende kam mit dem Entscheid der Katholiken

Gäbe es eine Gräber-Rangliste, führte das Gemeinschaftsgrab diese an. Inzwischen wählt die Hälfte der Angehörigen diese Bestattungsform, der die Verbrennung vorausgeht. Neun von zehn verstorbenen Städter werden kremiert, die Erdbestattung ist selten geworden – vor 40 Jahren wurde noch etwas mehr als ein Drittel im Sarg in die Erde gelassen. «Die Stadt ist diesbezüglich ein Vorreiter», sagt Friedhofsleiter Gerold Jung. Je ländlicher die Gegend, desto mehr Erdbestattungen gebe es. Die grosse Trendwende, die auch dem stetigen Ausbau des Friedhofs bis Mitte des letzten Jahrhunderts ein Ende gesetzt hatte, war die Erlaubnis der Katholischen Kirche zur Feuerbestattung.

Bestattung losgelöst von der Kirche

Doch Gerold Jung und sein sechsköpfiges Team bestatten nicht nur Verstorbene oder kümmern sich um die Pflege der Friedhofsgärten und -wege. Zu den Hauptaufgaben Jungs gehört die Beratung Angehöriger. «Viele Verstorbene haben ihre Vorstellungen der Beisetzung vor dem Tod beim Bestattungsamt hinterlegt», sagt Jung. Doch es gibt Todesfälle, etwa bei Kindern oder jungen Erwachsenen, die Verwandte vor eine schwierige Entscheidung stellen.

«Gerade Eltern brauchen einen Ort, an dem sie Abschied nehmen können – ein persönliches Grab, das sie über längere Zeit aufsuchen können.»

Das kann zum Beispiel ein Urnenreihengrab oder eine Urnennische sein. Die Stadt stellt jedem St. Galler ein Grab nach Wahl zur Verfügung, mit einer Laufzeit von 20 Jahren bis zur Grabräumung. Mit der Konfession hat das seit dem 19. Jahrhundert nichts mehr zu tun. Zu tragen haben die Angehörigen die Kosten des Grabsteines und der Inschrift. Und, sofern sie ein Reihengrab mit Bepflanzung wählen und das Grab nicht selbst pflegen wollen, die Verpflichtung eines Gärtners. Die Kosten sind allerdings nicht zu unterschätzen: Auf 20 Jahre gerechnet beläuft sich die Grabpflege durch den Gärtner auf etwa 6000 Franken. Auch die Kosten des Grabsteins bewegen sich in diesem Rahmen, weshalb die Urnennische neben dem Gemeinschaftsgrab zu den beliebteren Varianten gehört.

Ein Gemeinschaftsgrab auf dem Friedhof Feldli.

Ein Gemeinschaftsgrab auf dem Friedhof Feldli.

Ohne einen einzigen Trauernden

Die traurigen Momente seien nicht diese Beratungsgespräche, sagt Jung. «Ich mag meinen Job. Es tut gut, den Menschen in einer verzweifelten Situation zu helfen.» Die traurigen Momente sind auch nicht jene, wenn er vor einer grossen Gesellschaft eine Urne bestattet. Sondern dann, wenn gar niemand trauert. Etwa in verstrittenen Familien. «Mir geht dann durch den Kopf, wie einsam der Mensch zu Lebzeiten gewesen sein muss. Dazu ist niemand geschaffen.» Gerold Jung schätzt den Friedhof als Institution des Abschiednehmens. Sie sei nötig, wie Beispiele zeigen, in denen zum Beispiel die Ehefrau die Urne des verstorbenen Gatten nach der Kremation nach Hause mitnimmt.

«Die meisten bringen sie irgendwann doch auf den Friedhof, weil sie damit nicht klarkommen. Der Friedhof erfüllt durchaus seinen Zweck.»

Auch, weil hier alle Abschied nehmen können, ob Freunde, Verwandte oder Bekannte. «Der Trend zur Abschiedsfeier im engsten Familienkreis ist nicht ideal», sagt Jung. Das schliesse Personen, die ein enges Verhältnis zum Verstorbenen pflegten, kategorisch aus.

Wer so viele Menschen bestattet hat, macht sich unweigerlich Gedanken über das eigene Begräbnis, obschon er sich mitten im Leben befindet.«Ich brauche nichts Aufwendiges», sagt Jung. «Ein Platz im Gemeinschaftsgrab genügt.»

Friedhof im Umbruch

Ostfriedhof, Friedhof Bruggen, St. Georgen und Feldli: Das sind die vier Ruhestätten der Stadt St. Gallen, die insgesamt 217000 Quadratmeter umfassen. Der Friedhof Feldli, der im Stil der französischen Gartenkunst des 17. und 18. Jahrhunderts geplant wurde, erstreckt sich auf zehn Hektaren, wobei aufgrund der heutigen Bestattungsbedürfnisse nur der kleinste Teil belegt ist. Seit der Gründung im Jahr 1874 wurden hier mehrere zehntausend Menschen bestattet. 2017 wurden 200 Urnenbeisetzungen und etwa 20 Erdbestattungen verzeichnet.
Derzeit befindet sich auf dem Friedhof vieles im Umbruch. Das von einer Stiftung betriebene Krematorium wurde abgebrochen und auf dem Friedhof-Areal neu gebaut. Zudem werden aktuell die alten Friedhofsgebäude grundlegend saniert und es entsteht ein neuer Abschiedsraum. Dieser steht Trauernden verschiedener Religionen für ihre Rituale zur Verfügung. (seh)

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