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Eisenglimmer an der Kirchentür: Mit Materialprofis durchs St.Galler Quartier Bruggen

Experten des Sitterwerks werfen auf einem Quartierrundgang durch St.Gallen einen ungewohnten Blick auf alltägliche Metalloberflächen.
Roger Berhalter
Den Metalloberflächen in Bruggen auf der Spur: Julia Lütolf (mit verschränkten Armen) und Felix Lehner vom Sitterwerk analysieren auf dem Rundgang durchs Quartier die Tür der katholischen Kirche St.Martin. (Bild: Ralph Ribi)

Den Metalloberflächen in Bruggen auf der Spur: Julia Lütolf (mit verschränkten Armen) und Felix Lehner vom Sitterwerk analysieren auf dem Rundgang durchs Quartier die Tür der katholischen Kirche St.Martin. (Bild: Ralph Ribi)

«Was hier interessant ist, sind die Abflussrohre», sagt Felix Lehner, als die Gruppe um die Ecke der katholischen Kirche St.Martin biegt. Der Gründer des Sitterwerks führt zusammen mit Julia Lütolf und Mark Besselaar durchs Quartier Bruggen.

Lütolf leitet das Werkstoffarchiv im Sitterwerk und hat einige ihrer Materialmüsterchen in einem Koffer mitgebracht. Besselaar leitete früher das Stadtplanungsamt und breitet auf dem Rundgang immer wieder alte Stadtpläne aus. Kunstgiesser Felix Lehner kennt sich mit Metalloberflächen aller Art bestens aus. Angesichts eines verrosteten Geländers oder einer glänzenden Türklinke kann er ins Schwärmen geraten.

Materialmüsterchen im Koffer. (Bild: Ralph Ribi)

Materialmüsterchen im Koffer. (Bild: Ralph Ribi)

Jetzt steht Lehner vor einem Abflussrohr der Kirche St.Martin. Es schimmert in Bodennähe grünlich, weil unzählige Kirchenbesucher es im Vorbeigehen über viele Jahre abgeschliffen haben. Andere würden hier Sanierungsbedarf orten. Lehner hingegen bewundert die Patina und benutzt grosse Worte: «Das hat Tiefe und Schönheit.» Die knapp 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer hören interessiert zu und ahnen bald: Nach diesem Rundgang werden sie das Quartier mit anderen Augen sehen.

Zuerst war Neusilber, dann kam Chromstahl

«Edel unedel» heisst die aktuelle Ausstellung im Werkstoffarchiv des Sitterwerks. Sie ist auch der Anlass, weshalb die drei Mitarbeiter des Sitterwerks an diesem Donnerstagabend zum Spaziergang geladen haben. Lehner, Lütolf und Besselaar führen in Bruggen zu Metalloberflächen aller Art – zu edlen und unedlen – und werfen einen ungewohnten Blick auf Alltägliches.

Zum Beispiel die Türklinke am Eingang der Kirche St.Martin. Unspektakulär für den Laien, ist sie für Materialprofis wie Julia Lütolf interessant. Sie erzählt vom Deutschen Designer Ferdinand Kramer, der die Klinke entworfen habe. «Zwischen 1925 und 1950 wurde sie sehr oft produziert.» Die Klinke besteht aus Neusilber, einer Kupfer-Nickel-Zink-Legierung, die als Silberimitat beliebt war, bevor der heute allgegenwärtige Chromstahl sich durchsetzte.

Die Tür selber besteht aus gewalzten Stahlblechen, die mit Eisenglimmerfarbe bemalt sind. Auch Bleioxid steckt in der Tür. «Das wäre heute nicht mehr erlaubt», sagt Felix Lehner und erklärt verschiedene Verfahren des Vergoldens, wie sie im Kirchenbau vorkommen. Woraus das Schwert der St.Martinsfigur vor der katholischen Kirche Bruggen besteht, kann er vom Boden aus aber nicht mit Sicherheit sagen. «Wahrscheinlich aus vergoldetem Blech.»

Grauer Zement und goldig leuchtendes Schwert: Die St.Martinsfigur vor der katholischen Kirche in Bruggen. (Bild: Ralph Ribi)

Grauer Zement und goldig leuchtendes Schwert: Die St.Martinsfigur vor der katholischen Kirche in Bruggen. (Bild: Ralph Ribi)

Weiter gehts zu weiteren Metallen im Quartier. Zum spitzen Kupferdach der evangelischen Kirche, zu vergoldeten und verrosteten Geländern, zu feuerverzinkten Verkehrsschildern und zu den Eisenskulpturen des Künstlers Urs Burger an der Rittmeyerstrasse und am Postgebäude. Die goldig schimmernde Fassade der neuen Migros-Filiale an der Fürstenlandstrasse darf auf diesem Rundgang nicht fehlen. «Eloxiertes Aluminium, äusserst kratzfest und korrosionsbeständig», sagt Felix Lehner und nutzt die Gelegenheit für einen Exkurs zu Siliziumcarbid, dem nach Diamant zweithärtesten Material der Welt.

Eisenplastik von Urs Burger am Postgebäude. (Bild: Ralph Ribi)

Eisenplastik von Urs Burger am Postgebäude. (Bild: Ralph Ribi)

Grünes Kupfer fast wie am Meer

Die Materialtour endet beim Bahnhof Bruggen mit seinen Türfallen aus Messing, emailbeschichteten Stahlschildern und gusseisernen Schachtdeckeln. Vor der Fussgängerpasserelle an der Stationsstrasse zeigt Julia Lütolf auf ein auffälliges grünes Kupferrohr. Es verläuft auf der Unterseite in mehreren Metern Höhe quer über die Geleise, als grüner Strich im Grau. Woher die Farbe kommt, darüber kann Lütolf nur spekulieren. Sie erkennt aber ein Stück Mediterranità: «Eine solche Patina findet man sonst eher am Meer.»

Metalle färben mit Sauerampfer und Brennessel

Metall muss nicht grau sein. Das beweist die Ausstellung «edel unedel» im Werkstoffarchiv des Sitterwerks. Sie ist in Zusammenarbeit mit der Künstlerin Anita Tarnutzer und dem Material-Archiv S8 der Hochschule der Künste Bern entstanden. Zu sehen sind verschiedenste Metalloberflächen. Anhand von Musterplatten werden industrielle und handwerkliche Verfahren vorgestellt, mit denen sich Metalle färben oder beschichten lassen.

Die Künstlerin Anita Tarnutzer verwendet in ihren experimentellen Langzeitprojekten auch ungewöhnliche Mittel zum Färben. Zum Beispiel Brennessel, Sauerampfer – und sogar das Ausstellungspublikum selber. Die Ausstellung dauert bis 8. September.

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