Einsiedlerleben
Jemand ist einfach da und hat Zeit: Zu Besuch bei der St.Galler Wiborada

In St.Gallen lassen sich Freiwillige für jeweils eine Woche in eine Zelle einschliessen, um Leben und Wirken der Heiligen Wiborada nachzuspüren. Viele kommen vorbei, um mit den Wiboradas auf Zeit zu sprechen. Oder wollen einfach nur mal neugierig schauen ‒ wie unsere Autorin.

Julia Nehmiz
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Am Fenster zum Garten hinter der Kirche St.Mangen empfängt die Wiborada auf Zeit zwei Mal am Tag Besucherinnen und Besucher. Das Bild entstand vor dem Einzug der ersten Inklusin.

Am Fenster zum Garten hinter der Kirche St.Mangen empfängt die Wiborada auf Zeit zwei Mal am Tag Besucherinnen und Besucher. Das Bild entstand vor dem Einzug der ersten Inklusin.

Bild: Ralph Ribi

Pünktlich um halb sechs öffnet Wiborada ihr Fenster. Natürlich nicht die echte Heilige, die ist schliesslich seit über 1000 Jahren tot. Es ist ein quicklebendiger Wiborado, der sich in der nachgezimmerten Zelle an der Kirche St.Mangen bereit macht zum Gespräch. Eine Frau hat schon darauf gewartet. Kaum ist das Fenster offen, geht sie hin. Ob sie den Inklusen kennt? Oder ob sie einfach mit jemandem sprechen mag, der ein offenes Ohr für sämtliche Anliegen hat?

Die St.Galler Theologin und Seelsorgerin Hildegard Aepli.

Die St.Galler Theologin und Seelsorgerin Hildegard Aepli.

Bild: Michel Canonica

Das Projekt, das die St.Galler Theologin und Seelsorgerin Hildegard Aepli initiiert hat, wirkt wie aus der Zeit gefallen. «Wiborada 2021» hat sie es genannt. Zehn Freiwillige lassen sich dabei für je eine Woche in eine Zelle an der Kirche St.Mangen einschliessen, dem Ort, an dem die Heilige Wiborada von 916 bis zu ihrem gewaltsamen Tod 926 eingemauert gelebt hat. Freiwillig eingemauert. Mit Fenster zur Stadt (zum Reden) und Fenster in die Kirche (zum Beten).

1095 Jahre später, ein grautrüber Dienstagabend. Die Kälte nagt an einem. Immerhin regnet es nicht. Wiborado sitzt mit Mütze am offenen Fenster seiner Zelle. Der Eingeschlossene schenkt jeder und jedem ein freundliches Lächeln. Zwölf wollen an diesem Abend mit ihm sprechen, allein oder auch zu zweit. Sie bleiben nur wenige Minuten. Oft wartet schon der nächste.

Das Brot ist gesegnet, die Chips nicht

Gegenüber der Zelle, vor dem Gemeindehaus, hat jemand zum Apéro geladen. Weissbedeckte Stehtische mit Blumen, Wein, Chips. Bei Wiborada gibt es trockenes Brot. Das ist gesegnet. Die Chips sind es wohl nicht. Lachen klingt herüber und Schwatzen, es geht unter ihm Verkehrslärm und Baustellengetöse. Man ist mitten in der Stadt, und doch für sich. Niemand stört sich daran, dass man eine Stunde im Garten hinter der Kirche herumsitzt. Niemand stört sich daran, dass zwei Teenager Musik hören. Hier ist Platz für alle.

Unter dem mächtigen Baum schmiegt sich die Zelle an die Kirche St.Mangen.

Unter dem mächtigen Baum schmiegt sich die Zelle an die Kirche St.Mangen.

Bild: Ralph Ribi

Erstaunlich viele gehen an der Kirche und Wiboradas Zelle vorbei. Fast alle schauen neugierig. Und erstaunlich viele, die mit ihr – beziehungsweise ihm – sprechen wollen, sind aus dem kirchlichen Umfeld. Man kennt sich, man grüsst sich. Einer befüllt die Giesskanne, die am Fenchelbeet angekettet steht, auch wenn es zurzeit täglich regnet. Wer mag, kann trotzdem den Wiborada-Gedenk-Fenchel giessen. Ein anderer redet lange mit Wiborado, auf seinem Jackensaum steht aufgedruckt «Katholische Kirche im Lebensraum St.Gallen».

Ein Mann mit Baskenmütze spaziert mit seinem Hund vorbei, ruft «Grüezi» und, mit einem Kopfnicken zum Apéro, ob hier etwas Grösseres los sei. Aber der Apéro hat nichts mit Wiborada oder Wiborado zu tun. Halb im Vorbeigehen ruft der Baskenmützenmann, wenn er, also Wiborado, Angst habe, nachts, so ganz allein, dann solle er ihn anrufen, «ich bin ein Nachbar, ich bin immer da». Angst hat Wiborado keine. Der Nachbar bekommt ein Stückchen Wiborada-Brot.

Wer mag, kann in der Kirche St.Mangen eine Fürbitte aufschreiben, und diese ins Wiborada-Fenster stecken. Die Wiborada auf Zeit wird sich der Fürbitte annehmen.

Wer mag, kann in der Kirche St.Mangen eine Fürbitte aufschreiben, und diese ins Wiborada-Fenster stecken. Die Wiborada auf Zeit wird sich der Fürbitte annehmen.

Bild: Ralph Ribi

Eine Frau schenkt Wiborada einen Kuchen

Eine Woche später lächelt eine ältere Wiborada aus dem Fenster. Wind treibt Wolken über den blauen Himmel, Stufen und Steinmäuerchen sind sonnenwarm. Vor der Kirche essen zwei junge Männer ihren Take-away-Zmittag. Zwei andere kiffen im Kirchgarten.

An diesem Mittag suchen neun das Gespräch mit Wiborada. Zu viert, zu zweit, allein. Eine Frau reicht einen zellophanverpackten Supermarktkuchen durchs Fenster. Wiborada singt mit den einen, lacht mit den anderen, hört zu, lässt in ihre Zelle schauen, antwortet, auch wenn man nur neugierig fragt. Es ist berührend. Sie ist einfach da. Sie hat einfach Zeit. Was sie einem sagt? Tja, das bleibt unter uns. Mit der Presse darf Wiborada nämlich nicht sprechen.