Einkommensschwaches Bruggen, junge Innenstadt, alter Osten: So sieht die Wohnsituation in den St. Galler Quartieren aus

Für die Erarbeitung der neuen Wohnraumstrategie hat der St. Galler Stadtrat mehrere Analysen durchführen lassen. Unter anderem liess er die Quartiere der Stadt auf Herz und Nieren prüfen. Die Erkenntnis: Es gibt starke Unterschiede. Nun geht es den Verantwortlichen darum, die Stärken der einzelnen Stadtquartiere gezielt zu fördern.

Luca Ghiselli
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Luftansicht von Bruggen: Das Quartier ist heterogen bebaut und weist eine hohe Arbeitsplatzdichte auf. Es gibt aber verhältnismässig wenig Einfamilienhäuser.

Luftansicht von Bruggen: Das Quartier ist heterogen bebaut und weist eine hohe Arbeitsplatzdichte auf. Es gibt aber verhältnismässig wenig Einfamilienhäuser.

Bild: Michel Canonica (18. Januar 2020)

Die neue Wohnraumstrategie des St. Galler Stadtrats liess die Wogen politisch hochgehen. Kaum war sie veröffentlicht, übten die Hauseigentümer harsche Kritik am Papier. In der – wohl auch vom Wahlkampf motivierten – heftigen Diskussion über Sinn oder Unsinn einer aktiveren Bodenpolitik der Stadt ging ein Handlungsfeld der Strategie beinahe unter. Der Stadtrat sieht in der Wohnraumstrategie nämlich vor, die Quartiere gezielt zu stärken. Wörtlich heisst es in der Strategie:

«St. Gallen fördert mit ortsgerechten Massnahmen die Charakteristiken und Qualitäten der Quartiere und Wohnumfelder.»

Konkret heisst das: Die Nutzung von Frei- und Grünräumen soll verbessert, belastete Wohnlagen sollen entlastet und die Quartierversorgung durch Detailhandel und Gewerbe gefördert werden. Vielfältige Wohnangebote in den Quartieren sollen ausserdem unterschiedliche Bevölkerungsgruppen ansprechen.

Vier Quartiere, vier Identitäten

Den Stadtquartieren haben die Verantwortlichen bereits in der Analysephase viel Aufmerksamkeit zukommen lassen. Im Auftrag der Stadt haben das Forschungsinstitut Sotomo und die Raumplanungsfirma KEEAS AG die Quartiere der Stadt auf Herz und Nieren geprüft. Das Ergebnis: Zwölf Quartierprofile mit elf Indikatoren, anschaulich dargestellt als Netzdiagramme. Die Profile zeigen: Die St. Galler Stadtquartiere unterscheiden sich punkto Demografie und Wohnangebot stark voneinander.

Beispiel eins: Bruggen. Das Quartier im Westen der Stadt ist eines der bevölkerungsreichsten – und beherbergt auch zahlreiche Arbeitsplätze. Hier leben überdurchschnittlich viele Familien, es gibt aber unterdurchschnittlich viele Einfamilienhäuser. Das Einkommens- und Bildungsniveau ist eher tief, oder in den Worten der Studienverfasser: Bruggen ist ein «statustiefes Familienquartier».

Beispiel zwei: St. Georgen. Auch im «Dörfli» wohnen überdurchschnittlich viele Familien. Wer hier wohnt, verdient aber tendenziell deutlich besser als der städtische Durchschnitt, ist besser ausgebildet und hat pro Kopf mehr Fläche zur Verfügung. Die Studienverfasser schreiben: «Das Wohnungsangebot zieht junge, statushohe Familien mit minderjährigen Kindern an, die besonders häufig in Einfamilienhäusern wohnen.»

Beispiel drei: Die Innenstadt und der westliche Rosenberg. Ein überdurchschnittlich junges Quartier mit hoher Wanderungsrate, oder anders gesagt: Hier leben viele junge Erwachsene, die öfter umziehen.

Beispiel vier: Der Osten der Stadt mit den Teilquartieren Guggeien, Stephanshorn, Neudorf, Martinsbrugg und Achseln. Es fällt auf, dass besonders viele Personen im Rentenalter hier wohnen. Bei anderen Indikatoren gleicht das Quartier dem städtischen Durchschnitt.

Chancen nutzen, Qualitäten stärken

Stadtplaner Florian Kessler.

Stadtplaner Florian Kessler.

Bild: Urs Bucher

Inwiefern sind die Quartierprofile in die Wohnraumstrategie eingeflossen? Und was bringen der Stadt diese Analysen für ihre künftige Arbeit? Im Gespräch sagen Stadtplaner Florian Kessler und der Quartierbeauftragte Peter Bischof unisono:

«Die Analyse zeigt, dass St. Gallen bereits eine attraktive Wohnstadt ist.»

Es falle auf, dass die untersuchten Quartiere zum Teil stark unterschiedliche Qualitäten aufweisen. Zum Beispiel bei der Häufigkeit von Einfamilienhäusern: In vier Quartieren (Notkersegg, St. Georgen, Haggen/Wolfganghof und östlicher Rosenberg/Rotmonten) dominieren Einfamilienhäuser die Bebauungsart mit Anteilen zwischen 52 und 75 Prozent. Andere Quartiere wie Winkeln oder die Innenstadt punkten durch eine überdurchschnittlich hohe Arbeitsplatzdichte oder viele Freiräume.

Peter Bischof, Quartierbeauftragter.

Peter Bischof, Quartierbeauftragter.

Bild: Benjamin Manser

«Unser Ziel ist es nun, die Qualitäten der einzelnen Quartiere gezielt zu stärken», sagt Florian Kessler. Man wolle Vielfalt in den Quartieren und eine demografische Durchmischung. Das heisst: Die Qualitäten der Quartiere sollen beibehalten und Entwicklungschancen genutzt werden.

Es sei zum Beispiel kein Zufall, dass sich besonders viele junge Erwachsene im Zentrum niederliessen, sagt Peter Bischof. «Hier pulsiert das Leben, die Wege sind kurz.» Mit Hinblick auf die Wohnraumstrategie, die gerade bei jungen Erwachsenen und Familien ein Defizit beim Wohnraum wettmachen will, bieten diese Erkenntnisse Chancen.

«Wir können attraktiven Wohnraum für die von uns definierten Zielgruppen identifizieren und Handlungsbedarf ableiten.»

Unterschiede zwischen Talsohle und Hügeln

Ein Blick auf die Quartierprofile zeigt auch: Die Unterschiede zwischen Tal- und Hügelquartieren scheinen immer noch, stark präsent zu sein. Während auf Rosen- und Freudenberg in der Tendenz Gutverdiener in grossen Wohneinheiten mit viel Umschwung leben, schwindet die Wohnfläche und das Einkommen pro Person, je weiter man sich Richtung Tal bewegt. «Das liegt auch daran, dass die Talquartiere heterogener bebaut sind, während sich beispielsweise entlang des Rosenbergs kleinteilige Wohneinheiten säumen, die auch historischen Wert haben», sagt Florian Kessler. Oder anders gesagt: Verschiedene Personen lassen sich in verschiedenen Lebensphasen in verschiedenen Quartieren nieder.

Die detaillierte Studie zu den St. Galler Quartieren gibt es hier zum Download bereit.

Die restlichen Quartierprofile im Überblick:

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