Einfaches Ruchbrot statt Buttergipfel: So leiden die Geschäfte wegen Corona

Bäckereien, die Osterhasen verschenken, Metzgereien, die kochen. Und der boomende Quartierladen. Wie Corona das Geschäft verändert.

Diana Hagmann-Bula
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Gewinner in der Coronakrise: Der Quartierladen in St.Georgen rentiert so gut wie noch nie.

Gewinner in der Coronakrise: Der Quartierladen in St.Georgen rentiert so gut wie noch nie.

Bild: Urs Bucher (St.Gallen, 26. März 2020)

Eltern, die backen. Damit die Kinder, die sonst in der Schule wären, beschäftigt sind. «Sie spüren wir fest», sagt Guido Schildknecht von der Bäckerei Gschwend in St.Gallen. Besonders stark setzt seinem Geschäft die ausgestorbene Stadt zu.

«Fast niemand arbeitet mehr. Keine Lehrer, keine Banker, die um die Mittagszeit bei uns einkaufen.»

Das Café: geschlossen. Der Partyservice: hinfällig in Zeiten, in denen keine Feste gefeiert werden dürfen. Mit 60 Prozent weniger Umsatz rechnet Schildknecht. Er hat Kurzarbeit beantragt. «Nun kaufen viele Menschen im Internet ein. Vielleicht wird das teils so bleiben», befürchtet er.

Die Krise, sie habe den Konsum verändert. Käsekuchen, Salate und andere Take-away-Produkte sind nach wie vor beliebt. Einen Einbruch verzeichnet Schildknecht hingegen bei Gipfeli und Süssem. Das Ruchbrot legt zu. «Es passt zu allem. Und man braucht mehr davon, wenn man nicht mehr auswärts isst, sondern daheim selber kocht.»

«Man gönnt sich weniger Luxus»

Pascal Fischbacher, Mitinhaber der Bäckerei La Panetteria im Linsenbühl-Quartier, rechnet mit 40 Prozent tieferen Einnahmen. Keine Restaurants mehr, die er beliefern kann. Und auch keine Offa, für die der Betrieb jeweils Bürli gebacken hat. Trotzdem erkennt Fischbacher eine Chance in dieser schwierigen Zeit. Er begrüsse Kunden, die er noch nie gesehen habe. «Sie meiden die Grossverteiler», glaubt Fischbacher. Und fügt hinzu:

«Erledigen wir unseren Job nun gut, können wir diese Kunden über die Coronakrise hinaus halten.»

Das Lager aufräumen oder vorproduzieren für den Fall, dass Mitarbeiter erkranken: Damit nutze er nun freigewordene Zeit. Trotz allem Optimismus: Das Ostergeschäft bereitet ihm Sorgen. Üblicherweise verkauft die Bäckerei dann eine Colomba pasquale– ein panettoneähnliches Gebäck in Taubenform – nach der anderen. «Ein beliebtes Mitbringsel zu Familienfesten. Sie werden nicht stattfinden.» Erst eben habe er auf dem Handy ein Foto empfangen. Darauf ist der Osterhase zu sehen, der das Wort Ostern durchstreicht. Darunter steht: «Verschoben auf Weihnachten.» Fischbacher hofft, dass es nicht so schlimm kommt.

Adrian Koller von der Bäckerei Koller in Gossau überlegt sich schon, was er mit den überzähligen Osterhasen anstellen wird. «Irgendwann werden wir sie herunterschreiben. Und letztlich karitativ weitergeben. Einem Altersheim etwa.» Mit 60 Prozent weniger Umsatz rechnet Koller, 20 Prozent weniger Frequenz in den Läden verzeichnet er. «Die Menschen gönnen sich keinen Luxus.» Die Filiale im Rosegg-Quartier schneide besser ab als jene am Bahnhof. «Hier hat man jeden Morgen das Gefühl, es sei Sonntag. Keine Leute!»

Jörg Bechinger von der gleichnamigen Metzgerei in St.Georgen verkauft nun hinter einer Plexiglasscheibe. «Die Leute verhalten sich vorbildlich. Sie warten draussen, wenn im Laden schon einige Kunden anstehen.» Weniger hektisch als sonst seien die Einkaufenden. «Ein angenehmes Schaffen», sagt Bechinger. Er könne im Moment keine Restaurants und Festveranstalter beliefern, «aber im Laden läuft es normal.»

Kleine Unterschiede zeichneten sich dennoch ab: Die Kunden würden lieber mehrere kleinere Portionen kaufen. «Und sie lassen sie oft vakuumieren. So ist das Fleisch haltbar und man muss nicht jeden Tag raus, um einzukaufen.» Bechinger versucht, die fehlenden Einnahmen mit einem Hauslieferdienst abzufedern. Und er lässt vermehrt im Geschäft kochen: Portionen im Beutel, die man zu Hause nur noch wärmen muss. «Wir haben das schon vorher angeboten und nun die Auswahl vergrössert.» Brasato, Kutteln, Riz Casimir, Rahmgulasch für kochfaule Gourmets.

Lieferungen vorbereiten statt schwatzen

«Nicht schlechter, aber anders» laufe das Geschäft, sagt Peter Signer von der gleichnamigen Metzgerei im Quartier Vonwil. Kein Partyservice, keine Auslieferungen an Schulen und Restaurants, dafür ein Hauslieferdienst für ältere Leute. «Die Bestellungen zu richten, bedeutet viel Arbeit. Wir machen das gerne, dafür fehlt uns vielleicht mal die Zeit für einen Schwatz, wie das in unserem Tante-Emma-Laden sonst üblich ist.» Gehe es so weiter, sei er trotz Corona zufrieden.

Überschwänglich tönt bei der Umfrage nur einer: Stefan Egger, Geschäftsführer des Quartierladens Maxi-Markt in St.Georgen. Besser denn je stünde es um seine Geschäfte. «Sehr viele neue Kunden» würden nun bei ihm ein- und ausgehen, so Egger. «Sie meiden den öffentlichen Verkehr und kaufen deshalb in der Nähe ein.» Jeder fülle den Wagen zudem mehr als üblich. «Plötzlich sind Kinder und Mann zum Mittagessen wieder daheim. Da braucht man mehr Material.»

Froh, dass er überhaupt arbeiten kann, ist Peter Wetli von Zenglein Früchte und Gemüse am Marktplatz. Doch: «Die Stadt ist leer. Die Menschen scheinen zu vergessen, dass es neben den Grossverteilern noch die Kleinen gibt.» Er glaubt, dass die Zeit für ihn arbeiten wird. Irgendwann falle den Menschen die Decke auf den Kopf. «Dann freuen sie sich wieder über einen Spaziergang zu unserem Stand.»