Einem alten Beruf geht’s ans Leder: Zu Besuch in einer Wittenbacher Sattlerei

Seit 40 Jahren führt Pius Braunwalder eine eigene Sattlerei. Seinen Beruf würde er niemals aufgeben – obwohl Onlineshopping und Konkurrenz aus Asien das Handwerk vom Markt drängen.

Nina Rudnicki
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Ist bei der Arbeit immer konzentriert: Pius Braunwalder in seiner Sattlerei. (Bild: Michel Canonica)

Ist bei der Arbeit immer konzentriert: Pius Braunwalder in seiner Sattlerei. (Bild: Michel Canonica)

Auf dem Werkstatttisch von Pius Braunwalder liegt eine durchgewetzte Motorradjacke aus Leder. Einige Pins und Nieten haben sich gelöst. Braunwalder sagt:

«Das ist ein typischer Auftrag. Ich bekomme kaputt gegangene Einzelstücke, die dem Besitzer am Herzen liegen, und richte sie wieder her.»

Am Rand von Wittenbach, im Unterlören 3, betreibt er seit 25 Jahren eine Sattlerei. Davor hat er 15 Jahre in Bernhardzell gearbeitet. Dort hatte er als junger Mann ein eigenes Geschäft direkt neben einem Motorradladen eröffnet. «Die Töfffahrer waren meine ersten und besten Kunden. Über Mund-zu-Mund-Propaganda hat sich dann herumgesprochen, dass ich auf Lederwaren spezialisiert bin», sagt er. So sei sein Kundenstamm stets gewachsen. Ausserdem habe es damals in der Schweiz noch keinen Markt für ausgefallene Töff-Lederaccessoirs gegeben.

Töffjacken und Damenhandtaschen

Mittlerweile sieht die Situation anders aus: Sattlereien gibt es in der Schweiz nur noch wenige. Wegen des Internets und damit der Möglichkeit, sich aus dem Ausland jederzeit billigere Produkte bestellen zu können, sind die Sattlereien nicht mehr konkurrenzfähig. «Das war ein Grund, weshalb ich von Bernhardzell nach Wittenbach gezogen bin. Mein Geschäft liegt jetzt an der Hauptstrasse Richtung Romanshorn. Hier sieht man mich», sagt Braunwalder. Von seinem Werkstattfenster blickt er direkt auf die Strasse. Alle paar Sekunden fährt ein Auto oder ein Lastwagen auf der 80er-Strecke vorbei. Der Lärm stört ihn nicht. Auch sein Dackel liegt entspannt unter einem der Nähtische.

Wenn Pius Braunwalder arbeitet, dann ist er konzentriert. An der Werkzeugwand hängen Dutzende Zangen und Locher. In Schubladen sind unzählige Hohlnieten, Drehverschlüsse, Ösen, Schnallen, Ringe und Druckknöpfe in den unterschiedlichsten Grössen einsortiert. Auf einem Tisch liegen Damenhandtaschen, deren Griffe der 60-Jährige austauschen muss. Und in einem Regal hat er Produkte ausgestellt, die er selber herstellt. Es gibt unter anderem Hundeleinen, Schlüsselanhänger, Handtaschen und Armbänder.

Einer von zwölf Lehrlingen

Als sich Pius Braunwalder vor über 40 Jahren für eine Ausbildung zum Sattler entschied, da war er einer von zwölf Lehrlingen schweizweit. «Das war mein Wunschberuf», sagt er und erzählt, wie er bereits als Kind gerne genäht und für seine Spielzeugfiguren und Stofftiere eigene Kleider entworfen habe. Seine Eltern unterstützten seine Leidenschaft und rieten ihm zum Beruf des Sattlers. Es war eine Zeit, in der das Militär zu den Hauptauftraggebern der Sattlereien gehörte.

Es gab Massenbestellungen für Gürtel, Taschen und Rucksäcke aus Leder. «Als das Militär dann in den 1990er-Jahren aber auf Kunststoffprodukte umstellte, musste eine Sattlerei nach der anderen schliessen. Es gab schlicht und einfach zu wenige Auftraggeber», sagt Pius Braunwalder. Auch er war immer wieder kurz davor, sein Geschäft aufzugeben, etwa während der Finanzkrise im Jahr 2008. «Damals blieben die fixen Aufträge von zwei grossen Unternehmen von heute auf morgen aus», sagt Braunwalder, der damals mit einem bekannten Hersteller von Schienenfahrzeugen sowie mit einem Automobilhersteller zusammengearbeitet hatte.

«Als Handwerker bricht einem das Herz»

Pius Braunwalder hat dennoch weitergemacht und sich mit kleineren Aufträgen über Wasser gehalten. Nur einmal hat er sich einige Monate bei einem internationalen Händler anstellen lassen. «Aber als ich da all die schlecht verarbeiteten Produkte aus China gesehen habe, bin ich schnell wieder gegangen. Als Handwerker bricht einem dabei das Herz», sagt er.

Mittlerweile spüre er einen leichten Trend zu hochwertigeren und nachhaltigeren Produkten. Zudem laufe vor allem seine Polsterei gut: In seiner Werkstatt bezieht Pius Braunwalder auch Stühle, Sessel und Sofas mit neuen Stoffen. «Manchmal kommen an einem Tag acht bis zehn Kunden bei mir vorbei. An anderen Tagen klingelt nicht einmal das Telefon», sagt er. «Dann nutze ich diese ruhige Zeit einfach, um mich in meine Arbeit zu vertiefen», sagt der Sattler.