Eine Woche wie Wiborada: Warum eine 86-jährige Wittenbacherin sich in eine Zelle einschliessen lässt

Zehn Personen lassen sich im Mai und Juni für das Projekt «Wiborada 21» einschliessen. Eine davon ist die 86-jährige Maria Agatha Scheuber.

Laura Widmer
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Maria Agatha Scheuber ist die älteste Teilnehmerin beim Projekt «Wiborada 21».

Maria Agatha Scheuber ist die älteste Teilnehmerin beim Projekt «Wiborada 21».

Bild: Michel Canonica

Innehalten, in sich gehen, beten. Wofür sich nur noch wenige Zeit nehmen, soll eine Woche zum Lebensmittelpunkt werden. Das Projekt «Wiborada 21» widmet sich im kommenden Mai und Juni der St.Galler Stadtheiligen. Wiborada von St.Gallen liess sich 916 bei der Kirche St.Mangen einmauern und lebte zehn Jahre lang als Inklusin, bevor sie bei einem Ungarneinfall starb. Nach ihrem Vorbild lassen sich zehn Personen eine Woche lang in eine Zelle einschliessen.

Wiborada

Als erste Frau überhaupt wurde Wiborada heiliggesprochen. Schon früh lebte sie wohltätig und asketisch. Im Jahr 912 kam sie nach St.Gallen und lebte in einer Zelle an der Kirche St. Georgen auf den südlichen Höhen oberhalb des Klosters. Nach vierjähriger Probezeit liess sie sich vom Bischof im Jahr 916 in eine Zelle an der Kirche St. Mangen auf Lebenszeit einschliessen. Hier wurde sie als «Wiber-Rat» zur «weiblichen Ratgeberin für Klerus, Adel und Volk St.Gallens und Alemanniens». 

Die älteste Teilnehmerin ist mit 86 Jahren Maria Agatha Scheuber. Trotz ihres Alters ist sie noch gut zu Fuss und lebt alleine in einer Wohnung in Wittenbach. Vom Wohnzimmer aus hat man im Herbst einen schönen Blick auf das gelb und orange leuchtende Laub der Bäume. An der Wand hängen Fotos von Schwarzen Madonnen. Viele von ihnen hat Scheuber vor zwanzig Jahren auf einer Reise durch Europa besucht.

Sie erhoft sich vom Eingeschlossensein eine Einsicht

Vom Projekt hat Scheuber durch das Inserat im Pfarrblatt des Bistums St. Gallen erfahren. Ihr Interesse war sofort geweckt. Die grösste Herausforderung werde wohl, sich selbst und das Alleinsein auszuhalten.

«Ich habe aber auch einen starken Willen, der wird mir helfen.»

Schon lange beschäftigt sie sich mit Mystikern und Offenbarungsgeschichten. Vor ein paar Jahren hat sie ihre Biographie geschrieben, nur für sich selbst. Sie wollte sich zurückbesinnen und sich selbst näherkommen. In der Zelle will sie meditieren und beten, auch wenn sie sich dabei nicht an feste Formulierungen hält sondern lieber eigene Worte wählt. Sie erhofft sich vom Eingeschlossensein eine Einsicht, «dass ich weiterkomme im Leben.»

Maria Agatha Scheuber wuchs in einer katholisch-konservativen Familie mit sieben Geschwistern auf und besuchte im Stella Maris in Rorschach die Sekundarschule. Sie ging nach Luzern, um an einer katholischen Schule eine Ausbildung als Sozialarbeiterin zu machen. Später arbeitete sie 17 Jahre lang bei der Pro Infirmis und 20 Jahre beim Kantonsspital St. Gallen. «Ich habe in dieser Zeit viele starke Frauen kennen gelernt.»

Auch Scheuber ging einen unkonventionellen Weg. Sie war nie verheiratet, sondern lebte lange im Konkubinat, «in einer Zeit, in der das noch nicht so modern war.»

Handarbeit und Mystikerbuch für die Zelle

Zur Vorbereitung auf die Woche in der Zelle lernen die Teilnehmer Wiborada von St. Gallen besser kennen. Auch für Maria Agatha Scheuber hat sie eine immer grössere Bedeutung gewonnen. «Trotz adeliger Herkunft hat sie einfach gelebt, sie war eine emanzipierte Frau, die sich nicht einfach der Obrigkeit gebeugt hat.»

Die Teilnehmer planen bei den Treffen auch ihren Tagesablauf. Die 86-Jährige sagt, sie werde eine Handarbeit mitnehmen, um sich zu beschäftigen. Sie mag Frivolité, wo mit Faden eine Art Spitze von Hand geknüpft wird. Auch ein Buch zu den Mystikern wird in ihrem Koffer Platz finden.

Eine Zelle nördlich von St.Mangen

«Wiborada 21» wurde von Hildegard Aepli, Seelsorgerin des Bistums St.Gallen, ins Leben gerufen. Bei einer Tagung schlug ihr jemand vor, sie solle doch ein Buch über Wiborada von St.Gallen schreiben. «Mir war sofort klar: Eigentlich muss man das erleben, um darüber zu schreiben.» Das Projekt Wiborada 21 war geboren. Noch fehlen rund 20000 Franken zur Deckung.

Hildegard Aepli, Seelsorgerin des Bistums St.Gallen

Hildegard Aepli, Seelsorgerin des Bistums St.Gallen

Urs Bucher

Ein Woche sei ein überschaubarer Rahmen, sagt Hildegard Aepli, aber trotzdem eine Herausforderung. «So kann man Verzicht erleben, wie man ihn im Alltag nicht kennt.» Sie ist die Erste, die sich einschliessen lässt. Ihre Zeit als Inklusin beginnt am 24.April. Aepli sagt: «Ich bin sehr gespannt darauf, wie sich eine Woche ohne Bewegungsfreiheit anfühlt.»

Die Holzzelle wird 5,3 auf 3,5 Meter messen und auf fast drei Monate lang auf der Nordseite der St. Mangenkirche stehen. Der Platz reicht für ein Bett, ein Toitoi-WC, Tisch und Stuhl. Mobiltelefone und Computer sind verboten und fliessend Wasser gibt es nicht.

Ganz abgeschnitten vom Weltlichen sind die Teilnehmer jedoch nicht. Einmal pro Tag wird sich Hildegard Aepli mit ihnen zu einem geistlichen Gespräch treffen. Ausserdem hat die Zelle zwei Fenster: Eines öffnet sich zur Kirche hin, das andere ist zur Gasse hin über den Mittag sowie am Abend eine Stunde geöffnet.

Tagebuch für die Stiftsbibliothek

Maria Scheuber ist eine von zehn Personen, die sich auf den Vorbereitungsweg gemacht haben. Zwei weitere Personen, die Interesse zeigten, haben sich wieder zurückgezogen. Bei einem sei die Partnerin nicht einverstanden gewesen.

«Das wäre keine gute Voraussetzung gewesen, sich auf diese Erfahrung einzulassen.»

Die Teilnehmer seien alle neugierige Menschen, sagt Aepli. «Gläubige auf unterschiedlichen Wegen, auch kritische.» In der Zelle wird ein Tagebuch aufliegen, in dem die Teilnehmer ihre Gedanken und Erfahrungen notieren können. Dass Buch wird nach Abschluss in die Schriftensammlung der Stiftsbibliothek übergeben.

«Wiborada 21» soll nicht nur für die Eingeschlossenen zum Erlebnis werden. Die St.Galler Cityseelsorge organisiert für Mai und Juni mehrere Vorträge, Führungen und Ausstellungen von historischen und zeitgenössischen Objekten an verschiedenen Orten der Stadt. Es finden Abendgebete statt, die von Freiwilligen geleitet werden können, auch ein Wiborada-Brot und Wein sind in Planung.

Mit unterschiedlichen Zugängen soll so die St. Galler Stadtheilige Wiborada, und mit ihr ein Stück Frauengeschichte, bekannter gemacht werden.

www.heilige-wiborada.ch