Reportage

Eine Schatzkammer verschwindet: Der alte Riegelbau an der St.Galler Burgstrasse wird abgerissen

Katrin Züst wohnt in einem Haus aus dem Jahr 1850. Doch der Riegelbau an der Burgstrasse 92 wird im April abgerissen – er weicht einem Wohnblock.

Sandro Büchler
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Katrin Züst vor dem alten Haus.

Katrin Züst vor dem alten Haus.

Bild: Urs Bucher

Katrin Züst steht vor dem Haus, von dem die verwitterten Schindeln abfallen. Ihr roter Wollpullover leuchtet im Licht. Sie spricht mit den beiden Nachbarinnen vom Hundesalon nebenan. «Jetzt bin ich froh, wenn ich weg kann.» In den 30 Jahren, die sie in dem Haus an der Burgstrasse 92, an der Ecke zur Fürstenlandstrasse, gewohnt hat, habe der Verkehrslärm stetig zugenommen. Züst muss bis Ende März raus aus dem lottrigen Haus, denn es wird abgerissen. An seiner Stelle entsteht ein neuer Block mit Wohnungen.

Zwar schmerzen sie die Erinnerungen, die sie zurücklassen müsse. «Es hat Charme.» Doch mehr als das schmerze der Verlust von günstigem Wohnraum – und das Verschwinden des 1850 gebauten Riegelbaus. Sie kritisiert:

«In St.Gallen wird alles Alte abgerissen.»

In einem «Betonbunker» fühle sie sich nicht wohl, sie brauche Freiräume, die sie nach ihrem Gusto gestalten könne.

Nun zügelt die 57-Jährige vom Westen der Stadt ins Rotmonten-Quartier. «Immerhin kann ich mir Zeit lassen.» Den Hausrat transportiert sie nach und nach. Mal im Auto von Freunden – «mal nehme ich eine Fuhre mit dem Leiterwagen und fahre mit dem Bus.»

Bereits stehen die Visiere.
35 Bilder
Katrin Züst und eine weitere Person sind die letzten beiden Mieter des Hauses an der Burgstrasse 92.
Die Tage des Gebäudes sind gezählt.
Ihren Estrich hat Katrin Züst schon mehr oder weniger geräumt. Nur noch ein paar Leuchtbuchstaben sind noch da.
Die Mosaikwand hinter dem Herd hat Katrin Züst selbst gemacht.
Die Dusche ist in der Küche, in einem Wandschrank.
Die 57-Jährige ist Pflegehelferin in einem Alters- und Pflegeheim im Stadtzentrum.
Musik ist ein wichtiger Bestandteil von Züsts Leben. Boxen auf einem Schrank und ein Poster von Janis Joplin.
«In der Hängematte komme ich zur Ruhe und meditiere», sagt Katrin Züst. Pullover und dicke Socken braucht sie, denn der Wind pfeift durch das Haus.
Im Erdgeschoss, wo Züst ihr Atelier hat, steht ein Holzofen, den sie aber nicht mehr benützt. Einzig ein Ofen in ihrer Stube im ersten Stock wärmt.
Material.
Katrin Züst ist gelernte Malerin.
Durch die Ritzen pfeift der Wind.
Ein Davoserschlitten.
Im Erdgeschoss.
Züst lebt im westlichen Teil des Hauses. Auch im angebauten Ostteil sind Wohnungen. Doch nur noch ein Mieter wohnt aktuell noch da. Die anderen sind bereits ausgezogen.
Klopfen für den scharfen Hund...
Nebenan ist ein Hundesalon.
Die Stromleitungen wurden kurzerhand auf die Schindeln montiert.
Ein Globus an der Decke.
Nur noch an wenigen Orten ist die Riegelbauweise noch zu erkennen.
Die schmucke Feder im bunten Haus.
Die Tür zum Keller stammt wohl von der Post.
Das Haus steht nicht unter Denkmalschutz.
Es sind die kleinen Dinge.
Auch in dieser Wohnung ist die Dusche kurios.
Verzierte Küche.
Das Holz der Gitarre hat einen tiefen Riss.
Ein WC mit kunstvoll versprayten Wänden.
Der Zahn der Zeit nagt auch an der Decke.
Letzte Überbleibsel.
Herr-Mäder-Comic von Manuel Stahlberger. Dazu ein Wunderbaum.
Ein aufgemalter Eisvogel und ein zurückgelassenes Bild.
R.I.P. Burgstrasse 92.

Bereits stehen die Visiere.

Urs Bucher

Über die Jahre hat sich viel angesammelt. «Das hat kaum Platz in meiner neuen Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung.» Vieles wirft Züst deshalb weg. Der Estrich ist schon fast leer. Nur noch ein Schlagzeug steht auf dem knarrenden Boden und erinnert an zahlreichen Jamsessions. Das Haus sei immer schon auch ein Proberaum gewesen. Züst hat in verschiedenen Bands gespielt. Ihren ersten Auftritt hatte sie an einem Samba-Fest im früheren Hotel Ekkehard. Auch im Keller des Hauses hätte sie oft Partys gefeiert. «Da hat alles gezittert zum Drum-and-Bass-Sound.»

Nur mit einem Holzofen hält sie sich warm

Katrin Züst ist in Grub aufgewachsen. Ihren Unterhalt verdient sie bei ihren «Alten», wie sie liebevoll sagt. Die gelernte Malerin arbeitet als Pflegehelferin im Alters- und Pflegeheim Kursana. Züst ist fürwahr eine Lebenskünstlerin. Sie malt, schnitzt Schmuck, töpfert, näht Tabaketuis aus alten Jeans, fotografiert – «nicht mehr so häufig.» Früher hat sie Fotoausstellungen gemacht, ihre Abzüge verkauft. «Ich bezeichne mich als Bastlerin.» So repariert sie Fenster, wenn es hineinregnet, und verziert die Wände mit Kunstwerken.

Für die Wohnung im alten Haus zahlt Züst nicht viel. Aber der günstige Wohnraum hat seinen eigenen Preis. Es zieht durchs Gebälk. Nur in der Stube wärmt ein Holzofen auf angenehme 21 Grad – die anderen Zimmern sind kalt. Seit sie 27-jährig eingezogen ist, habe sie gerne mit Holz geheizt. Doch jetzt mit 57 Jahren bereitet ihr das Mühe.

«Je älter ich werde, umso schlimmer ist es, wenn es am Morgen kalt ist.»

Sie freue sich nun auf die Heizung am neuen Ort.

Eine Uhr neben der WC-Schüssel gefunden

Das Haus ist zwar abgenutzt, doch birgt es einige Schätze. Züst hat Scherben gefunden. «Sie stammen aus dem 16. Jahrhundert, sagte der Archäologe.» Auch eine Münze von 1804, Nähzeug, Fingerhüte und Stickereien habe man in den Ritzen und im Sand unter dem Haus entdeckt. Züst vermutet, dass das Haus früher eine Näherei war. «Dazu passt die Nähe zum Tröckneturm.» So genau habe man dies aber nie erforscht. In einem niederen Kellerraum sei zudem wohl ein Viehstall gewesen. «Er riecht noch immer etwas danach», sagt sie. Auch fand sie eine alte Taschenuhr unter dem Holzboden neben der WC-Schüssel. «Wahrscheinlich war sie in eine Ritze gefallen und der Besitzer konnte sie nicht mehr herausklauben.»

Das Haus ist verwinkelt, hat versteckte Kammern. Wände sind hinter Wänden, Böden unter Böden. In einem dieser Zwischenräume hat Züst eine Hängematte aufgespannt. «Hier finde ich zur Ruhe und meditiere.» Ein Unikum ist auch die Dusche. Sie ist in einem Einbauschrank in der Küche. «Es hat kein Licht da drin, ich muss einfach die Türe etwas offen lassen.»

Albert Nufer und die halbnackten Frauen

Die Leute seien immer ein und aus gegangen, sagt Züst. «Es war immer voller Leben.» Sie erzählt von den Nachbarn, die früher noch keine eigene Dusche hatten und deshalb zur ihr gekommen sind. «Die halbnackten Frauen kamen durch den Garten – im Winter mit Gummistiefeln.»

Auch einer der wohl bekanntesten St.Galler hat hier gewohnt. «Albert Nufer war mein Nachbar.» Im Winter habe man dem heute 77-Jährigen oft beim Langlaufen am Burgweier gesehen. Schon während seiner Zeit im Stadtparlament und dem St.Galler Kantonsrat wohnte das Stadtoriginal spartanisch. «Wie er, bin ich mit wenig glücklich.»

Albert Nufer beim Langlaufen am Burgweier.

Albert Nufer beim Langlaufen am Burgweier. 

Bild: Hanspeter Schiess
(26. März 2007)

Züst lebt allein – aus Überzeugung, wie sie sagt. Bis etwa 40 habe sie Panik gehabt, sie brauche nun unbedingt eine Beziehung.

«Mittlerweile bin ich lieber allein, als mit einem komischen Anhängsel.»

Ganz wichtig seien aber Freunde. Und die hat Katrin Züst zuhauf. Deshalb wolle sie auch eine letzte grosse Party veranstalten. «Wahrscheinlich platzt das Haus dann aus allen Nähten.» Es wäre egal.

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