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Eine Reise ins alte Gossau: Als Frauen und Männer noch getrennt baden mussten

Der Lokalhistoriker Karl Schmuki hat bei einem Spaziergang Einblick in die Geschichte der Stadt gewährt.
Rossella Blattmann
Die Teilnehmer des Stadtspaziergangs durch Gossau lauschen im Stadtbühl-Park gespannt Karl Schmukis Worten. (Bilder: Michel Canonica)

Die Teilnehmer des Stadtspaziergangs durch Gossau lauschen im Stadtbühl-Park gespannt Karl Schmukis Worten. (Bilder: Michel Canonica)

Mit dem Baden war das damals so eine Sache. Heutzutage können Männer und Frauen im Freibad Gossau von morgens bis abends gemeinsam ins Wasser. Dies war einst jedoch unvorstellbar. Genau an der Stelle, wo heute die Intercitys durchbrausen, befand sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Badeanstalt. «Männer und Frauen badeten getrennt», sagt Lokalhistoriker Karl Schmuki. Der neue Bahnhof hat die alte Badeanstalt später verdrängt.

Auch die Dauer eines Bades war damals streng geregelt. Laut dem gross gewachsenen Geschichtsexperten Schmuki durften Männer, Frauen, Buben und Mädchen nur zu einer bestimmten Tageszeit jeweils für zwei Stunden ins Wasser. Am Sonntag erst nach der Mittagszeit, denn: «Im konservativen und streng katholischen Gossau war der Messegang am Sonntagmorgen Pflicht», sagt Schmuki. Die Kirche schwänzen und am Sonntagmorgen ab in die Badi? Im alten Gossau unvorstellbar.

Gossauer blieben in ihren Stuben

Lokalhistoriker Karl Schmuki

Lokalhistoriker Karl Schmuki

23 Spaziergängerinnen und Spaziergänger treffen sich an diesem spätsommerlichen Donnerstagabend bei der Markthalle. An der Stelle, wo einst der alte Bahnhof stand, hören sie Schmuki aufmerksam zu. Der von der CVP Gossau-Arnegg organisierte historische Rundgang mit dem Historiker richtete sich vor allem an Neuzuzüger. Doch der Stadtspaziergang hat auch das Interesse von mehreren alteingesessen Bewohnern geweckt.

Baden ist nicht die einzige Freizeitbeschäftigung, die Schmuki an diesem Spätsommerabend zur Sprache bringt. «In Gossau haben Kinos nie wirklich rentiert», sagt er. Das Fernsehen habe es ab Mitte der Sechzigerjahre immer mehr Gossauern ermöglicht, in den eigenen vier Wänden Filme zu schauen.

Trotzdem hat es in Gossau früher immer wieder Kinos gegeben. Eines hatte eine besondere Funktion. Schmuki steht auf einem Parkplatz vor einem hellgelben Wohngebäude an der Stadtbühlstrasse. An dieser Stelle habe bis 1972 das Kino Urban gestanden, so der Lokalhistoriker. In diesem Dorfkino flimmerten nicht nur Schweizer Heimatfilme über die Leinwand. «Das ‹Urban› zeigte auch das Fernsehprogramm der italienischsprachigen Fernsehsender.» In Gossau lebten laut Schmuki zu jener Zeit viele italienische Immigranten. Die Fernsehgeräte hätten damals weder den Tessiner Sender noch Rai ausgestrahlt. Schmuki sagt: «Das Kino Urban bot den Immigranten aus Norditalien ein kleines Stück Heimat in der Ostschweizer Ferne.»

Kuriositätenkabinett im Stadtbühl-Park

Der historische Stadtrundgang führt auch an der Herisauer­strasse entlang zur Brauerei Stadtbühl und zum Stadtbühl-Park an der Ecke Herisauerstrasse-Stadtbühlstrasse. «Ab 1870 war hier bis ins 20. Jahrhundert hinein die Vergnügungsmeile der Gossauer», sagt Karl Schmuki. Dabei habe es auch zahlreiche Darbietungen gegeben, die heute unvorstellbar wären, betont er. «So wurden 1900 dunkelhäutige Menschen aus Afrika in Hütten im Park zur Schau gestellt.» Dies habe in Gossau vor mehr als hundert Jahren noch als Unterhaltung gegolten.

Der historische Stadtspaziergang durch Gossau endet bei einem Apéro dort, wo er angefangen hat bei der Markthalle. Karl Schmukis umfangreiches Wissen über die Stadt und seine zahlreichen Anekdoten kommen bei den Gossauerinnen und Gossauern gut an. «Er ist wie ein Geschichtsbuch, das zum Leben erwacht», sagt der Thüringer Thomas Billig, der seit 15 Jahren in Gossau lebt.

Schmucki lebt mittlerweile seit 15 Jahren in der Gallusstadt. Doch die Verbindung zu seinen Wurzeln bleibt spürbar: «Ich werde immer ein Gossauer bleiben», sagt er, und macht sich auf den Rückweg nach St. Gallen, zurück zu seinen Büchern.

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