Kommentar
Ein weiterer Stein zum grossen Puzzle

Im St. Galler Stadtzentrum gibt es Läden, die sich dank guter Ideen, Herzblut und harter Arbeit ihrer Betreiber in Nischen etabliert haben und halten können. Diese Strategie funktioniert aber nicht für alle Läden, die in der Innenstadt mit Schwierigkeiten kämpfen. Deshalb ist nun die Politik gefragt, schreibt Stadtredaktor Reto Voneschen in seinem Kommentar.

Reto Voneschen
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Stadtredaktor Reto Voneschen. (Bild: Ralph Ribi)

Stadtredaktor Reto Voneschen. (Bild: Ralph Ribi)

Das Lädelisterben ist nicht tot. Auch wenn die SP dies provokativ im Titel ihres Stadtspaziergangs behauptet. Derzeit werden die Strukturen des Detailhandels komplett umgekrempelt. Schweizweit und aus verschiedensten Gründen. Sichtbar wird das Phänomen in Form leerer Ladenlokale in den Stadtzentren – auch in St. Gallen. Das Lädelisterben ist ein Fakt. Und es ist kein neues Phänomen. Quartierläden sterben in St. Gallen seit zwei Jahrzehnten. Während der Zeit haben auch kleine, aber feine Traditionsgeschäfte das Stadtzentrum in Richtung finanziell erschwinglicherer Randlagen verlassen. In einigen Branchen – bei Bäckern und Metzgern etwa – sind Konzentrationstendenzen zudem schon viel länger zu beobachten.

Angesichts der komplexen Realität war von vornherein klar, dass die SP auf ihrem Stadtspaziergang kein Patentrezept gegen das Lädelisterben würde präsentieren können. Der Rundgang hat aber das pessimistische Bild, das derzeit gemalt wird, korrigiert und um eine positive Facette erweitert: Im St. Galler Stadtzentrum gibt es Läden, die sich dank guter Ideen, Herzblut und harter Arbeit ihrer Betreiber in Nischen etabliert haben und halten können.

Es ist klar: Diese Strategie funktioniert lange nicht für alle Läden, die in der Innenstadt mit Schwierigkeiten kämpfen. Und trotzdem ist es wichtig, dass die Politik existierende «Nischenläden» unterstützt und die Entstehung neuer fördert. Ein bunter Strauss einmaliger Nischenangebote ist genau das, was eine Innenstadt für die Konsumenten spannend macht.

Was sich daraus für konkrete Konsequenzen für die Politik ergeben? Es ist höchste Zeit, den Dschungel städtischer Vorschriften sowie Form und Dauer von Bewilligungsverfahren kritisch zu hinterfragen. Was da an Anekdoten von Ladenbetreiberinnen am Montag zu hören war, erinnert teils stark an Seldwyla.

Nötig ist zudem eine unvoreingenommene Debatte des im Stadtparlament hängigen Vorstosses für eine «Strafsteuer» für Hauseigentümer, die ihre Ladenlokale lieber leer lassen, als die Mieten zu senken. Dabei muss anhand von Fakten und nicht von Ideologien geklärt werden, ob die Idee ein taugliches Instrument für Korrekturen auf dem nicht mehr funktionierenden Immobilienmarkt ist.