Ein umstrittenes Gossauer Grundstück

Das Andreaszentrum in Gossau harrt des Abrisses. Seine Vorgängerin, die Schutzengelkirche, ereilte das gleiche Schicksal.

Johannes Wey
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Die Gossauer Schutzengelkirche stand nur 80 Jahre. Danach entstand an dieser Stelle 1978 das  Andreaszentrum. (Bild: Cavelti AG)

Die Gossauer Schutzengelkirche stand nur 80 Jahre. Danach entstand an dieser Stelle 1978 das Andreaszentrum. (Bild: Cavelti AG)

Das Andreaszentrum ist in einem schlechten Zustand. Deshalb hat sich die Katholische Kirchgemeinde für einen Abbruch statt für hohe Investitionen entschieden. Doch dieser lässt auf sich warten: Rechtsmittel verzögern den Bau eines neuen Pflegezentrums.

Bei seiner Eröffnung 1978 steht das Andreaszentrum noch für ein visionäres Konzept: Erstmals in der Schweiz wird ein solches Zentrum von einem vollamtlichen Laienseelsorger und Erwachsenenbildner geleitet, schreibt Wolfgang Göldi im Band «Gossau im 20. Jahrhundert».

Im Gegensatz dazu diente die Vorgängerin des Andreaszentrums der Jugend: In der Schutzengelkirche sollten Kinder zu guten Christen erzogen werden. Doch nur gut 80 Jahre nach ihrem Bau wird die Schutzengelkirche wieder abgerissen. Es ist das Ende einer langen Geschichte von Fehlplanungen, Baumängeln, falscher Sparsamkeit und gesellschaftlichem Wandel. Historiker Karl Schmuki hat der Schutzengelkirche in den «Oberberger Blättern» einen ausführlichen Artikel gewidmet, der sich zwischen den Zeilen stellenweise wie eine Dorfposse liest.

Leere Kirchenbänke sind noch kein Problem

Die Schutzengelkirche entsteht aus einem Problem heraus, dass die Kirchen heute landauf, landab eher nicht mehr kennen: Aufgrund des starken Wachstums des Dorfs Gossau in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist der Platz in der Pfarrkirche Andreas knapp geworden.

«Der Kirchgang am Sonntag war für die gesamte katholische Bevölkerung gewissermassen Pflicht»,

schreibt Schmuki.

Schon um die Behebung des Platzproblems wird mehrere Jahre gestritten. Dann stimmen die Kirchbürger zweimal darüber ab, ob eine neue Jugendkirche gebaut oder die Andreaskirche erweitert werden soll – und zweimal stimmen sie gegen den Willen von Pfarrer Theodor Ruggle und Kirchenverwaltungsrat für einen Neubau.

700 Sitzplätze für Kinder und 300 für Erwachsene soll die neue Kirche fassen. Kurz bevor im Frühling 1890 an einem herrlichen Sonntag der Grundstein gelegt wird, wählen Kirchenverwaltungsrat und Pfarrer Ruggle den Namen Schutzengelkirche, weil sie hauptsächlich der Jugend dient.

Pfusch und Verzögerungen

Schon im Juli wird die erste Konventionalstrafe wegen Verzögerungen am Bau verhängt, die einen langen Rechtsstreit nach sich zieht. Immer wieder kommt es zu Verzögerungen oder Pfusch wird aufgedeckt. Die Bauherrschaft dürfte dabei nicht ganz unschuldig sein: «Ganz generell gab der Kirchenverwaltungsrat damals fast ausnahmslos den niedrigsten Offerten den Vorzug und schaffte es jeweils zusätzlich noch, den Preis für die anstehenden Arbeiten noch weiter nach unten zu drücken», berichtet Schmuki.

Die Schutzengelkirche wird am 26. Oktober 1891 eingeweiht, während die Bauarbeiten noch laufen. Die Kosten belaufen sich auf um die 200'000 Franken und liegen damit über 50'000 Franken über dem Voranschlag. Weniger als vier Jahre nach der Einweihung treten erste Baumängel zutage. Ein Fenster stürzt aus dem Rahmen, weil es statt mit Zement mit Gips angebracht worden ist. 1898 zeigen sich Schäden am Dach, 1899 morsche Stellen am Boden der Sakristei, 1906 Risse in der Mauer. Ab 1950 wurden die Kinder- und Jugendgottesdienste im Winterhalbjahr aus der schlecht isolierten Schutzengel- in die neuerdings beheizte Andreaskirche verlegt.

Die Denkmalpflege wehrt sich vergebens

Grössere Sanierungen und Umgestaltungen werden immer wieder verschoben, weil man die Kosten scheut. Schmuki zitiert den Kirchenverwaltungsrat, der 1931 anmerkte, dass auch dem Laien auffalle, dass sich «die Schutzengelkirche in einem ganz reparaturbedürftigen Zustand befindet». Doch alleine die Aussenrenovation würde 130'000 Franken kosten – Geld, das mitten in der Wirtschaftskrise nicht vorhanden ist. 1950 rechnet man bereits mit 400'000 Franken.

Als die Stimmbürger 1963 den Kredit für eine Renovation ablehnen, muss die Kirche geschlossen werden, schreibt Wolfgang Göldi. Nach der Gründung der Pauluspfarrei mit eigener Kirche 1970 beschliessen die Kirchbürger zwei Jahre später den Abbruch – trotz Widerstands der Denkmalpflege. Göldi nennt als Hauptgrund für den Abbruch die veränderten seelsorgerischen Bedürfnisse. Der Kirchenverwaltungsrat begründet den Abriss mit «pastoralen Überlegungen», wie Schmuki schreibt.

Wo brennt’s?

Eine Vorlage zur Sana Fürstenland AG erfordert offenbar viel Eile und Diskretion. Das regt zu Mutmassungen an.
Johannes Wey