Ein St.Galler steht vorsichtshalber unter Quarantäne: «Ich hatte Angst – vor allem davor, dass mir die Decke auf den Kopf fällt»

Zwei Wochen sitzt ein St.Galler zu Hause unter Quarantäne. Nun erzählt er, wie er die Zeit der Absonderung erlebt.

Diana Hagmann-Bula
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Viel Zeit um in Ruhe Kaffee zu trinken, zu lesen und nachzudenken, hatte der St.Galler während der Quarantäne. Zu viel.

Viel Zeit um in Ruhe Kaffee zu trinken, zu lesen und nachzudenken, hatte der St.Galler während der Quarantäne. Zu viel.

Bild: Getty

Er hat kein Corona, kein Fieber, keinen Husten, keinen Schnupfen, nix. «Ich fühle mich pudelwohl.» Und trotzdem ist der 62-Jährige unter Quarantäne. Vasco (Name von der Redaktion geändert) arbeitet als technischer Leiter in einem der Kinos in der Stadt. Aus Präventionsgründen bleibt er momentan zu Hause.

Der Grund: Er hatte sich in einem der Risikogebiete aufgehalten. Vor zwei Wochen fuhr Vasco nach Mailand, um seine 95-jährige Mutter im Altersheim zu besuchen. Doch es kam gar nicht erst zum Treffen. Kein Zutritt mehr für Besucher, hiess es, als er vor der Türe stand. Die Institution hatte sich kurz vorher von der Aussenwelt abgeschottet.

«Museen zu, Bars ab 18 Uhr zu, keine Fussballmatches und halb leere U-Bahnen. Corona hat Mailand schon damals gezeichnet.»

Seit zwei Wochen verlässt Vasco nun seine Wohnung nicht mehr. Er lebt alleine. «Das vereinfacht vieles», sagt er. Wer sich mit anderen Personen einen Haushalt teilt, muss sein Quarantäne-Leben auf ein separates Zimmer beschränken, schreibt das Bundesamt für Gesundheit vor. Die Mahlzeiten in dem Raum einnehmen, ihn nur verlassen, wenn nötig, Haushaltsgegenstände wie Geschirr, Gläser, Tassen, Handtücher, Bettwäsche nicht mit anderen teilen, lauten weitere Vorschriften.

Darauf muss Vasco keine Rücksicht nehmen. Er kann immerhin von Zimmer zu Zimmer tigern, duschen, wann er will, und sein Glas stehen lassen, ohne befürchten zu müssen, dass jemand anderes es gleich benutzen und sich anstecken wird. «Aber dann sitzt man lange daheim herum und beginnt plötzlich zu frösteln. Wie das halt passiert, wenn man sich nicht viel bewegt. Ich werde immer gleich misstrauisch und stecke mir das Fieberthermometer in den Mund. Doch das Gerät zeigte zum Glück nie etwas Ungutes an.»

Experimentieren beim Kochen, aber alleine essen

Vasco ist kein ängstlicher Mensch. «Und doch hatte ich Schiss. Vor allem davor, dass mir die Decke auf den Kopf fällt», sagt er. Zu Beginn geniesst er die Quarantäne. Ausschlafen, sich entschleunigen, tun, wofür ihm sonst die Zeit fehlt. Putzen, lesen, experimentieren beim Kochen. «Ich habe Gehacktes mit Sauerkraut und Safran kombiniert. Sehr fein ist das herausgekommen.» Ein Festmahl, das man gerne mit anderen teilen würde. Vasco muss es alleine geniessen. Und langsam vermisst er sie alle, Freunde, Verwandte, Mitarbeiter.

«Mit ihnen am Tisch sitzen, ein Bier trinken und reden, das wäre es jetzt.»

Anrufe, Whatsapp und SMS müssen vorerst genügen. Schon kürzeste Nachrichten unterhalten ihn: Wie geht es dir? Brauchst du etwas aus dem Laden? Quarantäne ist Social Distancing in Extremform. Viel mehr, als nur Händeschütteln und Begrüssungsküsse zu unterlassen. Quarantäne ist auch Gefühlschaos. Zuerst ist man glücklich, für eine Weile alleine sein zu können. Dann fühlt man sich plötzlich einsam und beginnt zu grübeln. Es folgt Dankbarkeit darüber, in einem sicheren Land ohne Einschränkungen leben zu dürfen. Und am Schluss, mit Aussicht auf das Ende der Isolation, ist da grosse Erleichterung.

Vasco jedenfalls zählt schon die Tage. Noch einmal schlafen, dann ist er wieder frei. Und da. Kann Freunde besuchen, ins Restaurant gehen – was eben noch möglich ist. Auch mit Arbeit lenkt er sich ab. «Wir stellen gerade das Programm für April zusammen», sagt er. Das bedeutet: die Filme erfassen, ihre Titel, ihre Dauer, den Verleih, Bilder und Trailer heraussuchen. Aufgaben, die er problemlos von daheim aus erledigen kann.

«Und wenn Kollegen im Kino Probleme haben, einen Film einzurichten oder abzuspielen, berate ich sie am Telefon.»

Kalter Hund und Käse fürs Gemüt

Gelegentlich geht Vasco spazieren. Oder einkaufen. Beides nur zu Randzeiten. «Ich mache einen Bogen um Menschen, vor allem um ältere.» Was hält ihn sonst noch bei Laune? Nun blitzt wieder der Gourmet in ihm auf. Immer wenn er sich in Deutschland aufhalte, gönne er sich einen sogenannten Kalten Hund, erzählt er. Dabei handelt es sich um ein Gebäck mit mehreren Schichten Biskuit und Schokolade. «Vor kurzem habe ich in St.Gallen etwas Ähnliches entdeckt. Damit habe ich mich verwöhnt. Und mit Stilton, dem britischen würzigen Käse.»

Käse (von links): Hervé, Ubriaco, Brillat Savarin, Stilton, Manchego.

Käse (von links): Hervé, Ubriaco, Brillat Savarin, Stilton, Manchego.

Bild: Corinne Glanzmann

Wenn Vasco morgen wieder arbeiten geht, würde er gerne seine «Leute» umarmen. «Werde ich aber nicht. Ich will mich schliesslich nicht anstecken», sagt er. Ist kein Test nötig, der bestätigt, dass tatsächlich keine Corona-Erreger in ihm stecken? Nein, habe sein Arzt beteuert, sagt er. Zwischen Ansteckung und ersten Symptomen vergehen fünf bis 14 Tage. «Sind bisher keine Anzeichen aufgetreten, ist alles in Ordnung mit mir», sagt Vasco.

Und schiebt nach, dass er vielleicht trotzdem schon bald wieder daheim sitzen werde. Noch dürfen sich in Museen, Kinos und Co. zwar bis zu 100 Menschen aufhalten. Vasco aber denkt schon weiter. An den Fall, dass die Schweiz wie Italien solche Betriebe schliesst, die Freizeit ganz still steht. «Ich kann den anderen Menschen dann Tipps geben. Schliesslich habe ich nun schon Erfahrung mit dieser Situation.» Mit dem Leben im Corona-Cocon, wie er es nennt.