«Bäume sind das Trendthema der Zukunft»: Ein Spaziergang mit dem Gossauer Stadtentwickler

In Gossau sollen nicht nur 98 Häuser geschützt werden, sondern auch etliche Bäume. Ein Rundgang mir Stadtentwickler René Haefeli.

Melissa Müller
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Linden beim Grillplatz «Tisch und Bänk»: Von hier oben geniesst man einen prächtigen Blick auf den Alpstein, das Fürstenland und die Autobahn –wenn kein Nebel liegt.

Linden beim Grillplatz «Tisch und Bänk»: Von hier oben geniesst man einen prächtigen Blick auf den Alpstein, das Fürstenland und die Autobahn –wenn kein Nebel liegt.

Bild: Urs Jaudas (17.Juni 2009)

Für den Gossauer Stadtentwickler René Haefeli sind Bäume mehr als eine grüne Dekoration der Stadt. «Bäume sind das Trendthema der Zukunft», sagt er. Mit ihrer immensen Blattoberfläche filtern sie Abgase und sorgen für gute Luft. Zudem spenden sie Schatten. Ein Baum verdunstet pro Tag Hunderte Liter Wasser, was bei Hitze für eine willkommene Milderung sorgt. Das werde in Zeiten der Klimaerwärmung immer wichtiger.

Die 100-jährigen Blutbuchen im Andreaspark sind im Schutzregister eingetragen.

Die 100-jährigen Blutbuchen im Andreaspark sind im Schutzregister eingetragen.

Bild: Melissa Müller (1. Oktober 2020)

Der Stadtentwickler weist auf die drei stolzen Blutbuchen im Andreaspark hin, die in ihrem Herbstkleid erstrahlen. Vor vier Jahren waren es noch vier. Eine der Buchen war krank und musste gefällt werden. Für sie wurde ein Ersatzbaum gepflanzt, der noch klein ist. Es wird Jahrzehnte dauern, bis sich seine Krone in voller Pracht entfaltet.

Im Andreaspark musste an der Kreuzung Friedhofs- und Gallusweg eine von vier geometrisch angeordneten Blutbuchen gefällt werden.

Im Andreaspark musste an der Kreuzung Friedhofs- und Gallusweg eine von vier geometrisch angeordneten Blutbuchen gefällt werden.

Urs Bucher (27. September 2016)

Der Raum für solch grosse Bäume muss Jahrzehnte im Voraus eingeplant werden – so, wie dies der Verkehrs- und Verschönerungsverein Gossau tat, als er 1901 das Land mit dem Aussichtspunkt «Tisch und Bänk» kaufte. Er ist mit Silberlinden bepflanzt, die man der Autobahn her schon schon von weitem sieht.

Der populäre Platz knüpfe an die uralte Funktion der Linde als Begegnungszentrum in Klöstern, Burgen, Dörfern und Städten an, schrieb der Historiker Peter Müller in seinem Buch «Rogghalmlinde, Harfentanne/Baumgeschichten aus der Ostschweiz».

Stadtentwickler René Haefeli.

Stadtentwickler René Haefeli.

Bild: Johannes Wey (25.Juni 2018)

Eine markante Linde steht auch auf dem Toggiplatz. Der Standort sei kein Zufall, sagt Haefeli. Denn einst befand sich hier ein wichtiger Güterumschlagplatz.

«Wenn früher ein wichtiger Vertrag unter einer Linde besiegelt wurde, galt er als verbindlich.»

Schon immer begegneten sich die Menschen gern unter Linden, die im Sommer mit ihrem süssen Blütenduft betören. In fast jedem Dorf lädt ein Restaurant Linde zum Verweilen ein.

Die Linde auf dem Toggiplatz hinter der Pius Schäfler AG ist von Parkplätzen umgeben.

Die Linde auf dem Toggiplatz hinter der Pius Schäfler AG ist von Parkplätzen umgeben.

Bild: Melissa Müller (1. Oktober 2020)

René Haefeli flaniert auch gern entlang der Kastanienallee bei der Bundwiese, parallel zum Dorfbach, der sich wie eine blaue Linie durch die Stadt zieht. «Solche Alleen entlang von Strassen vermitteln Geborgenheit», sagt Haefeli. Es ist auch wissenschaftlich erwiesen, dass Alleen und Pärke mit einem alten Baumbestand Stress mindern.

Geschützt: Die Kastanienallee neben der Bundwiese.

Geschützt: Die Kastanienallee neben der Bundwiese.

Bild: Melissa Müller (1. Oktober 2020)

Weiter geht es zur Überbauung an der Florastrasse. Die rund zehnjährigen Wohnblöcke mit den gerundeten Balkonen sind um eine alte Sommerlinde herum gruppiert. «Da wurde beim Planen auf den Baum Rücksicht genommen», lobt Haefeli.

Bei dieser Überbauung an der Florastrasse wurde um den Baum herum geplant und gebaut.

Bei dieser Überbauung an der Florastrasse wurde um den Baum herum geplant und gebaut.

Bild: Melissa Müller (1. Oktober 2020)

Dann spaziert er weiter an die Sonnenstrasse mit ihren Jugendstilbauten. Sie sollen in die Ortsbildschutzzone von kantonaler Bedeutung kommen. Hinter den Häusern gedeihen Gemüsegärten mit Stangenbohnen und eine Blutbuche mit beachtlichem Volumen. «Solche Ecken sind Freiräume für die Stadt», sagt Haefeli.

Ein städtischer Freiraum: Die Gärten hinter den Jugendstilhäusern an der Sonnenstrasse.

Ein städtischer Freiraum: Die Gärten hinter den Jugendstilhäusern an der Sonnenstrasse.

Bild: PD/René Haefeli

Der Gossauer Stadtentwickler ist die treibende Kraft hinter der neuen Schutzverordnung. Sie regelt den Umgang mit Gebäuden, Ortsbildern sowie Kultur- und Naturobjekten. Das ist in Gossau überfällig: Die letzte Revision ist 40 Jahre her. Künftig sollen mit 98 Häusern fast doppelt so viele unter Schutz gestellt werden wie bisher.

Das Interesse am Thema ist gross: 100 Gossauerinnen und Gossauer nahmen an zwei Stadtrundgängen mit Kulturhistoriker Daniel Studer teil, der das Inventar bearbeitet hat.

Ein Stadtrundgang mit Kunsthistoriker Daniel Studer, der die Schutzverordnung überarbeitet hat.

Ein Stadtrundgang mit Kunsthistoriker Daniel Studer, der die Schutzverordnung überarbeitet hat.

Bild: PD/René Haefeli

Manche Leute hatten laut Haefeli wenig Verständnis dafür, dass drei schmucklose Flachdachhäuser aus den Dreissigerjahren geschützt werden sollen. Heute ist das Flachdach Standard. Aber damals war es modern, mutig und visionär.

Dieses vom «Neuen Bauen» beeinflusste Haus wurde 1932 von einem unbekannten Architekten an der Herisauerstrasse 65 erbaut.

Dieses vom «Neuen Bauen» beeinflusste Haus wurde 1932 von einem unbekannten Architekten an der Herisauerstrasse 65 erbaut.

Bild: PD

Vor 100 Jahren liessen sich Architekten von der Bauhaus-Bewegung mitreissen und setzten sich bewusst ab von traditionellen Häusern. Nur noch wenige solcher Bauten sind in der Ostschweiz erhalten; Gossau verfügt über drei anschauliche Beispiele. «Es wäre genauso schade, sie abzubrechen, wie das altehrwürdige Restaurant Adler», sagt Haefeli.

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