Ein Soziologieprofessor aus Südafrika in St.Gallen: Er kämpft für mehr Gerechtigkeit

Seit dem Ende der Apartheid ist Südafrika weitgehend aus den westlichen Medienschlagzeilen verschwunden. Das heisst nun aber nicht, dass sich dort alles zum Guten gewendet hat. Im Gegenteil: Südafrika und die Mehrheit seiner Bevölkerung kämpft mit grossen Problemen.

Diana Hagmann-Bula
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Die südafrikanische Gesellschaft kämpft mit vielen Problemen. Eines davon ist Armut breiter schwarzer Bevölkerungskreise.

Die südafrikanische Gesellschaft kämpft mit vielen Problemen. Eines davon ist Armut breiter schwarzer Bevölkerungskreise.

Bild: Kim Ludbrook/PA

Mondli Hlathswayo kommt aus dem Sommer. 31 Grad warm ist es derzeit im südafrikanischen Johannesburg, seiner Heimat. Dem 48-Jährigen kommt die Reise in die Schweiz gelegen. «Ich mag Hitze nicht. Sie macht mich langsam.» Dabei will er schnell sein im Kopf. Um gegen Korruption und Wirtschaftskrise, hohe Arbeitslosigkeit und Armut anzureden. Und gegen die Ungleichheit in seinem Land, die laut der Weltbank die grösste weltweit sein soll. In St.Gallen tut Hlatshwayo das am Dienstag im Palace. «Das ist mein Beitrag zu einem besseren Land.»

Mondli Hlatshwayo aus Johannesburg.

Mondli Hlatshwayo aus Johannesburg.

Bild: PD

Mondli Hlatshwayo ist schwarz. Und eine Ausnahme. Er gehöre zu einer winzigen Minderheit, betont er. Und meint damit: Er hat studiert, arbeitet als Forscher an der Universität in Johannesburg. Er hat beruflichen Erfolg, verdient gut. Trotz Hautfarbe. «Das Gesicht der Armut in Südafrika ist schwarz», sagt der 48-Jährige. 99,9 Prozent der Armen im Land seien dunkelhäutig. Die Weissen würden weniger als zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen, aber 90 Prozent des Gesamteinkommens verdienen. «Die Ungleichheit heute ist schlimmer als in meiner Kindheit», sagt er. Und das will etwas heissen.

Rassentrennung bleibt ein Trauma

Hlatshwayo wächst in Ladysmith auf, einer Stadt, die für ihren Textilhandel bekannt war. Die Mutter produziert in der Fabrik Kleider, der Vater verarbeitet Baumwolle. Die Familie wohnt in einem Haus, nicht in einer Wellblechhütte, sie haben Wasser, aber keinen Strom. Paraffinlaternen bringen Licht in die Räume.

Vortrag

Zerreissproben für die Zukunft

Abend mit Busisiwe Diko und Mondli Hlathswayo über die aktuelle Situation in Südafrika am Dienstag, 20.15 Uhr, im Rahmen der Erfreulichen Universität im Palace.

«Wir mussten nicht hungern, aber wir litten wie alle Schwarzen unter der Apartheid.» Tagsüber durfte der Junge sich im Stadtzentrum aufhalten, abends musste er wieder weg sein. «Das Gebiet war den Weissen vorbehalten, wir waren in die Aussenbezirke verbannt.» Die Rassentrennung sei das Traurigste, was er erlebt habe.

Die Aktivistin Busisiwe Diko ist Diskussionsabend vom Dienstag in St.Gallen mit von der Partie.

Die Aktivistin Busisiwe Diko ist Diskussionsabend vom Dienstag in St.Gallen mit von der Partie.

Bild: PD

1913 hatte die weisse Regierung Südafrika unter Weissen und Schwarzen verteilt. Gerade mal sieben Prozent ging an die Dunkelhäutigen. Später eliminierte die National Party der Afrikaaner auch diese Flächen. Sie enteigneten die schwarzen Eigentümer, verdrängten sie in Townships. Dunkelhäutige waren von politischen und wirtschaftlichen Ämtern ausgeschlossen, Mischehen verboten. Kein Wunder, redet Hlatshwayo lieber von den guten Zeiten.

Eine Chance zum Studium

Sie beginnen, als er in Kapstadt studiert. Er entscheidet sich für Soziologie, um mehr über die Apartheid zu erfahren, sie zu verstehen, Anderen zu erklären. Seine Mutter bezahlt einen Teil der teuren Ausbildung, den Rest verdient er sich dazu. Er putzt auf der Strasse die Schuhe von Weissen, reinigt die Autos von Weissen, macht die Büros von Weissen sauber. «Eines Tages las ich im Studium über den Anti-Apartheid-Aktivisten Harry Gwala. Er faszinierte mich. Da entschied ich: Ich will wie er unsere Situation verändern.»

Strassenszene in einem Township bei Johannesburg. Sehr viele Schwarze leben weiterhin in diesen Elendsquartieren, wobei sich viele nicht einmal dies leisten können.

Strassenszene in einem Township bei Johannesburg. Sehr viele Schwarze leben weiterhin in diesen Elendsquartieren, wobei sich viele nicht einmal dies leisten können.

Bild: Kim Ludbrook/EPA

Fortan protestiert Hlatshwayo selber gegen Diskriminierung und setzt sich für die Freilassung von Freiheitskämpfer Nelson Mandela ein. Auch er erhofft sich von dessen Wahl zum Präsidenten und dem Ende der Apartheid 1994, dass nun alles gut komme. «Doch heute gibt es eine andere Art von Apartheid, eine ökonomische. Das ist der Grund für die Krise in unserem Land», sagt Hlatshwayo. Zwar hätten sie damals eine politische Stimme bekommen und wählen gehen dürfen. 

«Aber Demokratie kann man nicht essen. Was wir brauchen, ist Brot. Eine Wirtschaft, die funktioniert.»

Eine Arbeitslosenrate von 29 Prozent

Die Arbeitslosigkeit in Südafrika hat heute einen Höchststand erreicht: Die Rate liegt bei 29 Prozent. 70 Prozent des Landwirtschaftslandes gehören heute den Weissen. Die Reichsten von ihnen verlustieren sich in Luxusvillen in Kapstadt mit Aussicht aufs Meer. Mehrere Millionen der 56 Millionen Südafrikaner hingegen wohnen noch immer in Elendsvierteln. «Doch auch das Wohnen in einem Township mit Wasser ist teuer. Ein Mensch ohne Anstellung kann das nicht bezahlen», sagt Hlatshwayo.

Die neue Regierung denkt über eine schnellere Landreform nach, über Enteignungen ohne Entschädigung. Nur eine Lösung für die vielen Probleme, meint Hlatshwayo. Und weist auf ein anderes hin: Zwar ist die Mehrheit im Parlament unterdessen schwarz. «Doch der Afrikanische Nationalkongress beschützt die Interessen der Weissen weiter. Er lässt sich kaufen. Die Korruption hat ein grauenhaftes Ausmass angenommen. Auch Privatunternehmen sind bestechlich.»

Im Zentrum der Korruptionsskandale steht Ex-Präsident Jacob Zuma, Nachfolger Cyril Ramaphosa soll Besserung bringen. Hlatshwayo kritisch: «Die Prob­leme hängen nicht mit einer Person zusammen. Das System scheitert.»

Kampf für Gerechtigkeit weiterführen

Überlegt sich Mondli Hlathswayo, in ein Land zu ziehen, wo vielleicht nicht alles, aber vieles besser ist? Nein, sein Herz, seine Seele würden trotz allem nach Südafrika gehören. Dort will er den Jungen auch in Zukunft einreden: «Kämpft! Damit doch irgendwann Gerechtigkeit einkehrt. Und es bald mehr Ausnahmen gibt wie ihn.»

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