Das Historische Museum eröffnet einen neuen Raum für den Jugendstil

In der Stadt St.Gallen fielen der Stickereiboom und die Jugendstil-Epoche zusammen. Das Historische und Völkerkundemuseum zeigt in seiner Dauerausstellung neue Exponate aus der glanzvollen Zeit an der Schwelle zum 20. Jahrhundert.

Roger Berhalter
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Blick in den Jugendstil-Raum der Dauerausstellung des Historischen und Völkerkundemuseums. (Bilder: Thomas Hary)

Blick in den Jugendstil-Raum der Dauerausstellung des Historischen und Völkerkundemuseums. (Bilder: Thomas Hary)

Auf den ersten Blick ist nicht klar, was das goldene Gebilde soll. Es leuchtet in einer Vitrine und begrüsst alle Besucher, die den neuen Jugendstil-Raum im Historischen und Völkerkundemuseum betreten. Erst auf den zweiten Blick gibt es sich als kleine Bronze-Statue zu erkennen, als Abbild der amerikanischen Tänzerin Loïe Fuller, in deren wellenförmiger Silhouette sich eine Glühbirne verbirgt.

Die amerikanische Tänzerin Loïe Fuller als Tischlämpchen: Vergoldete Bronze-Statuette von François-Raoul Larche (1860-1912).

Die amerikanische Tänzerin Loïe Fuller als Tischlämpchen: Vergoldete Bronze-Statuette von François-Raoul Larche (1860-1912).

Das Tischlämpchen zeigt anschaulich, worum es im Jugendstil ging: Gegen das Alte aufbegehren, Neues erproben und dies in mehreren Disziplinen, von der bildenden Kunst über das Kunstgewerbe bis hin zur Architektur. «In nur wenigen Jahren passierte damals unglaublich viel», sagte Kuratorin Isabella Studer-Geisser, als sie gestern den Medien einen ersten Einblick in den neuen Jugendstil-Raum der Dauerausstellung bot.

Der Jugendstil ist nicht leicht zu fassen, da es sich um keinen einheitlichen Stil handelt, sondern um eine Bewegung mit dem gemeinsamen Ziel, die Kunst zu erneuern. Diese Epoche dauerte etwa von 1895 bis 1920, in St.Gallen fiel sie zeitlich mit dem Stickereiboom zusammen. «St.Gallen ist eine Jugendstil-Stadt», sagte Museumsdirektor Daniel Studer auf dem Rundgang. Im neuen Ausstellungsraum zeige man diese Epoche nun erstmals in komprimierter Form. In den Vitrinen an den Wänden und in der Mitte des Raumes sind Gemälde, Holzschnitte, Alltagsgegenstände, Möbelstücke und Figuren mit erklärenden Texten zu sehen.

Original-Figur vom Broderbrunnen

Der Bub vom Broderbrunnen: Original-Brunnenplastik des Toggenburger Bildhauers August Bösch (1857-1911).

Der Bub vom Broderbrunnen: Original-Brunnenplastik des Toggenburger Bildhauers August Bösch (1857-1911).

Gleich neben der Statuette der Tänzerin Loïe Fuller – die 1908 auch in St.Gallen auftrat – befindet sich das bekannteste Stück der Ausstellung: ein Bub auf einem Delfin, eine Original-Plastik des 1896 eingeweihten Broderbrunnens. Die Figur des Toggenburger Bildhauers August Bösch ist das Ergebnis einer damals neuartigen Herstellungstechnik. Bösch fertigte zunächst eine Gipsfigur, der er anschliessend in einem chemischen Bad eine Kupferhaut aufziehen liess. Das Original befindet sich heute im Museum, die gleiche Figur auf dem Brunnen ist eine Kopie.

Als die Steinach noch offen durch die Stadt floss

Per Touchscreen und Beamer können die Besucher die Jugendstil-Architektur St.Gallens als Diashow an die Wand projizieren. Noch sind erst das Museumsquartier, der Rosenberg und das Linsebühl verfügbar, weitere Quartiere sollen bald hinzukommen. Der noch stark bewaldete Rosenberg und die auf den historischen Fotos offen durch die Stadt fliessende Steinach geben einen Eindruck davon, wie schnell sich St.Gallen an der Schwelle zum 20. Jahrhundert entwickelte.

Auch architektonisch passierte damals in nur wenigen Jahren unglaublich viel: Der Hauptbahnhof wurde gebaut, das Museumsquartier und Stickerei-Geschäftshäuser wie das Oceanic an der St.-Leonhard-Strasse. Bis heute erzählen knarrende Fischgratparkett-Böden und getäferte Wände in vielen St.Galler Wohnungen von jener Zeit.

Blumenmotive auf dem Fensterglas und auf der Cheminée-Einfassung aus Marmor.

Blumenmotive auf dem Fensterglas und auf der Cheminée-Einfassung aus Marmor.

Zum Jugendstil gehören Ornamente und Blumenmotive. Auch sie sind in der Ausstellung im Historischen Museum präsent. Zum Beispiel auf dem bemalten Fenster der Glasmalerei Holenstein aus Rorschach oder, gleich darunter, auf einer marmornen Cheminée-Einfassung, die aus einer St.Galler Villa den Weg ins Museum fand.

Blumen finden sich auch auf dem Porzellan-Kaffeeservice des St.Galler Künstlers Hans Eduard von Berlepsch-Valendas, der es mit Kunsthandwerk als einer der ersten in eine Kunstausstellung schaffte. So spurte der Jugendstil auch vor, was erst viel später als Design bekannt werden sollte.

Ein Ofen aus dem Estrich

Blumen prangen auch auf dem Gusseisen-Ofen der St.Galler Eisenwarenfirma Emil Bruderer. Das Exponat in der Ecke gehört schon länger zur Sammlung des Historischen Museums, wurde aber erst kürzlich beim Räumen des Estrichs wieder entdeckt. Nahtlos fügt sich der Ofen in die neue Ausstellung ein und ist nun erstmals öffentlich zu sehen.

Vernissage, Märchen und ein Villa-Rundgang

Am 24. August, 18.30 Uhr, ist die Vernissage des neuen Jugendstil-Raums im Historischen und Völkerkundemuseum. Danach ist der Raum jeweils zu Museumsöffnungszeiten (Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr) zugänglich. Ergänzend dazu veranstalten Museumsdirektor Daniel Studer und Kuratorin Isabella Studer-Geisser regelmässig Führungen durch die Ausstellung (alle Daten hier). Schon am 29. August lädt Daniel Studer zu einer ersten Jugendstil-Stadtführung, und er wird dabei mit den Teilnehmern auch eine Villa am Rosenberg besichtigen. Treffpunkt ist um 18 Uhr im Museum, die Teilnehmerzahl ist gemäss Flyer beschränkt. Am 14. November, 14 Uhr, erzählt Kulturvermittlerin Jolanda Schärli im Museum ein Jugendstil-Märchen für Kinder ab vier Jahren erzählen.