Pöstler Heinz Küenzler geht ein letztes Mal von Haus zu Haus

Heinz Künzler verlässt nach 48 Jahren die Post. An seinem letzten Arbeitstag verteilt er Briefe und Pakete in Berg und verabschiedet sich von Anwohnern und Kollegen.

Elena Fasoli
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Heinz Künzler verteilt zum letzten Mal Briefe und Pakete in der Gemeinde Berg SG. (Bild: Mareycke Frehner)

Heinz Künzler verteilt zum letzten Mal Briefe und Pakete in der Gemeinde Berg SG. (Bild: Mareycke Frehner)

«Jetzt kannst du noch Bundesrat werden», sagt ein Kollege scherzhaft am letzten Arbeitstag von Heinz Künzler. Seit 48 Jahren arbeitet er bei der Post. Jetzt wird der St. Galler pensioniert und es ist Zeit, sich von seinen Kollegen zu verabschieden. Das ganze Team trifft sich zum letzten Mal im Restaurant Bäche in Wittenbach zum Znüni. «Wienerli?», fragt die Bedienung. Heinz Künzler bestätigt und erklärt, dass er jeden Tag hier Pause mache. Seine Kollegen überreichen ihm Geschenke und machen Fotos.

Dann beginnt sein Vorgesetzter Roman Huber eine kurze Ansprache mit den Worten: «Eine Ära geht zu Ende.» Künzler habe seine gesamte Arbeitszeit im Kreis St. Gallen verbracht. Mit der Strecke, die Künzler während seiner Arbeitszeit zurückgelegt hat, könne man acht Mal die Welt umrunden. Huber bedankt sich für den langjährigen Einsatz und witzelt:

«Egal wie viel er schwatzt, er ist immer um die gleiche Zeit mit seiner Runde fertig.»

Was sonst noch speziell sei an Künzler? «Er hat nie eine Jacke an», sagt eine Kollegin. «Seit Januar kam er bis auf zwei Mal immer kurzärmlig.» Auch an seinem letzten Tag, bei vier Grad, trägt Künzler nur ein T-Shirt.

Er blieb länger bei der Post als erwartet

Heinz Künzler begann 1970 seine Lehre bei der Post, weil sein Vater dies wünschte. Künzler selbst war zu dieser Zeit mehr an technischen Berufen interessiert und dachte, er bleibe nicht lange bei der Post. Falsch gedacht. Geblieben sei er wegen der Gespräche mit den Anwohnern.

«Pakete und Briefe verteile ich, um Geld zu verdienen. Das Schöne am Beruf des Pöstlers ist der Kontakt zu vielen verschiedenen Menschen. Es ist zu meinem Hobby geworden, Menschen zu studieren.»

Künzlers letzter Arbeitstag startet um 5 Uhr im Logistikstandort der Post. Zum Abschied hat sein Team Ballons an seinem Auto befestigt. Künzlers gewöhnliche Tour dauert etwa von 8 bis 13 Uhr und führt durch Berg SG und Freidorf. Auf dieser Strecke kennt er die meisten Leute und die speziellen Anforderungen der Anwohner. «Ich weiss, wo ich die Pakete platzieren soll. Manche wollen sie vor der Haustür, andere im Garten oder auf der Terrasse. Manche Leute wollen prinzipiell nicht, dass ich klingle.»

Auf seiner Runde ist der Pöstler auch für den Hausservice zuständig. Kunden können Briefe und Päckchen direkt beim Postboten abgeben und müssen dafür nicht unbedingt einen Schalter aufsuchen. Da nicht immer gleich viele Leute von dieser Dienstleistung Gebrauch machen, schafft Künzler seine Strecke nicht immer in der gleichen Zeit. «Manche Menschen verstehen nicht, warum ich manchmal später komme. Sie wollen ihre Zeitung möglichst früh haben. Doch die Post kann nicht überall um 8 Uhr eintreffen.»

Früher hätten die Menschen mehr Verständnis gehabt. Auch Gespräche kommen heute weniger häufig vor. «Bei jungen Leuten ist oftmals im Gehirn eingebrannt, dass sie keine Zeit haben. Schlussendlich freuen sich viele trotzdem, wenn ich ein Gespräch beginne.»

Wenn die Kunden vom Hausservice Gebrauch machen wollen, platzieren sie ein Steckschild am Briefkasten. Heute bringt eine Anwohnerin das Schild aus einem anderen Grund an. Im Briefkasten befindet sich ein Abschiedsgeschenk für ihren Postboten. Sein letzter Arbeitstag fühle sich an wie jeder andere, sagt Künzler. Der einzige Unterschied sei, dass sich viele Anwohner von ihm verabschieden. Eine Frau sagt: «Ich habe nicht einmal erlebt, dass er schlechte Laune hat.» Das sei für sie heutzutage wichtig, da viele Leute ständig gestresst seien.

Zukunftspläne in der Tourismusbranche

Jetzt freut sich Heinz Künzler auf seine neuen Aufgaben. «Vor drei Jahren haben meine Frau und ich ein Bed and Breakfast in Kümmertshausen eröffnet», sagt Künzler. «Ich glaube, die Zukunft für die Schweiz ist der Tourismus» Das «BnB Himmelriich» möchten Küenzler und seine Partnerin nun von zwei auf drei Zimmer erweitern. Langweilig werde ihm also bestimmt nicht. Ob er sein Pöstler-Dasein vermissen wird?

«Irgendwann hat man es gesehen. Ob mir meine Arbeit doch ein wenig fehlen wird, merke ich bestimmt nach dem ersten Monat.»