Ein Leben für die St.Galler Kultur

Soeben hat er seinen 75. Geburtstag gefeiert, und nach wie vor zählt Richard Butz zu den umtriebigsten St.Galler Kulturmachern. Ein Besuch in seinem Büro, wo er über den nächsten Ideen brütet.

Roger Berhalter
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Viele Bücher, viele Geschichten: Richard Butz in seinem Arbeitszimmer im Linsebühl. (Bild: Urs Bucher)

Viele Bücher, viele Geschichten: Richard Butz in seinem Arbeitszimmer im Linsebühl. (Bild: Urs Bucher)

Besuch empfängt er in seinem Arbeitszimmer, einem hellen Kellerraum voller Bücher und Geschichten. «Das ist meine Jazzbibliothek», sagt Richard Butz und deutet auf die Regale. Gerade blättert er in einer «Playboy»-Ausgabe von 1965. Nicht der nackten Busen wegen, sondern weil in der Heftmitte Portraits berühmter Jazzmusiker abgebildet sind. Damals war das in Herrenmagazinen noch en vogue. «Playboy veranstaltete sogar ein Jazzfestival», weiss Butz, und schon ist er mittendrin in einer Diskussion über Musik und Literatur, über die afrikanische Seele, den Zen-Buddhismus, den Journalismus und die bildende Kunst. Butz hat viel erlebt und viel gemacht. Seit Jahrzehnten ist er eine der prägendsten Figuren der St.Galler Kulturszene. Er war dabei, als die Jazzschule St. Gallen gegründet wurde, und er unterrichtete dort jahrelang die Geschichte von Jazz und Weltmusik. Er hat zahlreiche Bücher geschrieben und herausgegeben, und er hat Hunderte von Veranstaltungen organisiert: Konzerte, Kunstausstellungen, Buchvernissagen, Lesungen und mehr.

Kunst zum Überleben

Vor drei Wochen hat Richard Butz seinen 75. Geburtstag gefeiert. Mit einem zweitägigen Fest, vielen Freunden und dem südafrikanischen Pianisten Paul Hanmer. Nun brütet er schon über den nächsten Ideen. Auf dem Boden seines Arbeitszimmers liegen Bücher, die er bald für seinen geplanten literarischen St.Galler Stadtführer durchforsten will. In Vorbereitung sind auch schon die nächsten Jazzvorlesungen der Reihe «Listen!» im Parterre 33. Und bald steht das nächste Konzert der Reihe «Kleinaberfein» an, wo Butz Musiker aus aller Welt in St. Gallen auftreten lässt. Er sieht sich vor allem als Kulturvermittler: Er möchte den Menschen Kultur näherbringen, sei es Literatur, Kunst oder Musik. Die Beschäftigung mit den Künsten ist für den gelernten Buchhändler nichts weniger als eine Überlebensfrage. «Ein Leben ohne Musik, Literatur und Kunst kann ich mir nicht vorstellen.» Er sagt auch: «Um in St. Gallen zu überleben, musste ich mir mein Leben entsprechend einrichten.»

London, Sierra Leone und wieder St.Gallen

Früher, als Gut-20-Jähriger, wollte er nur weg von hier, auswandern, für immer. Er wohnte zunächst in London, später nahm er eine Stelle in Sierra Leone an. Sechs Jahre lang lebte er im afrikanischen Land und baute dort eine Buchhandlung auf. Schliesslich landete er aber doch wieder in der alten Heimat. Doch die 68er-Bewegung und die Jugendunruhen hinterliessen auch in St.Gallen ihre Spuren, auch hier entstand bald eine Alternativkultur. «Dadurch wurde St.Gallen für mich wieder lebensfähig.» Eine Sehnsucht nach Afrika spürt er bis heute. Und nach wie vor sind es allen voran afrikanische Klänge, die ihn berühren. Den südafrikanischen Pianisten Abdullah Ibrahim zählt er zu seinen Lieblingsmusikern – neben dem US-amerikanischen Saxofonisten John Coltrane –, und heute ist Butz der beste Kenner der afrikanischen Jazz- und World-Music-Szene weit und breit. Worum es ihm als Kulturvermittler geht, zeigt exemplarisch seine Konzertreihe «Kleinaberfein». Zehn Konzerte pro Jahr organisiert Butz im Saal der Diözesanen Kirchenmusikschule am Gallusplatz. In diesem Herbst ist indische Musik zu hören, frei improvisierter Jazz, ein Schlagzeug-Solokonzert und schweizerisch-israelisch-senegalesische World Music. Die Namen der Musiker sind höchstens Kennern vertraut, trotzdem schafft es Butz regelmässig, ein paar Dutzend Hörer anzulocken.

«Die Musik steht im Vordergrund», betont Butz. Seinen Konzerten müsse man sich hingeben, «da kann man nicht reden», sagt er ernst. Bewusst nehme er manchmal auch «schwierige Musik» ins Programm, denn er setze bei seinem Publikum eine gewisse Neugierde voraus. «Das ist mir wichtig, in der Musik und im Leben allgemein: Neugierig zu sein und offen für das, was man noch nicht kennt.» In der Kulturszene vermisse er diese Neugier oft. Dafür lebt er sie privat aus: Seit er pensioniert ist, nimmt er Klavierunterricht. Und jede Woche besucht er einen Mal- und Zeichenkurs.

Kulturfasten im Sommer

Eine Pause gönnt sich Butz nur einmal im Jahr. Er nennt es «Kulturfasten»: Im Juli und August verzichtet er auf alle kulturellen Anlässe. Keine Konzerte, keine Ausstellungen, keine Lesungen, keine Festivals. Letztere sind ihm sowieso ein Graus.

«Mehr als zwei Konzerte pro Tag kann ich mir nicht anhören.»

Stattdessen schwimmt er im Sommer lieber täglich oder geht spazieren. Das Kulturfasten betreibe er fast fundamentalistisch, ohne Ausnahme. «Nur wenn Miles Davis vom Himmel herunterstiege, würde ich mir vielleicht einen Konzertbesuch überlegen.»