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Ein Jahrzehnt nach dem Auszug des FC St.Gallen: Das Espenmoos lebt noch

Das Espenmoos zehn Jahre danach, zehn Jahre nach dem Auszug des FC St.Gallen: Ob sich die Menschen im Quartier nun schlechter oder besser fühlen? Die Antworten sind so verschieden wie die Personen, die hier wohnen und arbeiten.
Fredi Kurth
Blick auf den heutigen Sportplatz Espenmoos und die Wohngebiete darum herum. Rechts die Familiengärten. (Bild: Hanspeter Schiess)

Blick auf den heutigen Sportplatz Espenmoos und die Wohngebiete darum herum. Rechts die Familiengärten. (Bild: Hanspeter Schiess)

Als der FC St.Gallen vor zehn Jahren nach Winkeln in den Westen der Stadt zog, sagten einige der Gegend rund um das Espenmoos gähnende Langeweile und der Gastronomie den Untergang voraus. Doch mancher Bewohner empfindet heute nicht Monotonie, sondern angenehme Ruhe. Für andere ist es «dort unten tot». Aber wie ist es wirklich?

Wer tagsüber im Heiligkreuz durch die Strassen abseits der Hauptverkehrsadern schlendert, wird vom üblichen Quartierfeeling erfasst. Nur wenige Autos sind unterwegs, noch weniger Fussgänger. Eigenartig die Ruhe. Nicht einmal Baustellenlärm ist zu hören.

Eine Reise statt ein paar Schritte zum Heimspiel

«Das Quartier rund ums Espenmoos ist gestorben. Da ist nichts mehr los», sagt Kurt Schibli. Es ist die Stimme jener Anhänger, die es bedauern, dass sich im Mai 2008 der FC St.Gallen buchstäblich aus dem Staub gemacht hat. Für die Fans, die dort mit dem ältesten Fussballverein des Landes aufgewachsen sind, war es ein Abschied und ein Abstieg für immer, ohne Wiederkehr.

Wollten sie ihre Lieblinge fortan kicken sehen, genügten nicht mehr ein paar Schritte vor die Haustür, sondern sie mussten den Weg durch die Stadt über den Sittergraben hinweg in Kauf nehmen. Schibli, bald 85 Jahre alt, ist einst als Teenager von Indonesien her ins Espenmoos eingewandert. Der Auslandschweizer fand rasch Gefallen am lokalen Fussballclub, war dort Junior, später Hilfscoach der Trainer René Brodmann und Albert Sing sowie Juniorenobmann.

Espenmoos-Feeling pur: Die Gegentribüne des Stadions mit Blick auf den Fansektor. (Rainer Bolliger)
Die St.Galler Fankurve im Espenmoos war berühmt-berüchtigt. (Trix Niederau)
Der Stehplatzsektor, in dem auch die Gästefans waren. (Rainer Bolliger)
Bereits im Espenmoos kamen die Cheerleader des FC St.Gallen zu Pauseneinsätzen. (Michael Freisager)
Ja, auch diese Szene spielt im Espenmoos - und zwar bei einer Partie des FCSG im Jahr 1911. (Archiv)
Blick aufs Espenmoos im Jahr 1932. (Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde)
Die alte Haupttribüne in den 1950er-Jahren. (Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde)
Im März 2006 war das Espenmoos von einer dicken Schneeschicht bedeckt. (Michel Canonica)
Bereits im Espenmoos begeisterten die St.Galler Fans mit tollen Choreographien. (Trix Niederau)
Frenetische Unterstützung war dem FC St.Gallen im Espenmoos gewiss. (Ralph Ribi)
"Ein Leben lang stolz auf Euch": Die St.Galler Fans feiern im Frühjahr 2000 ihre Meisterhelden. (Hannes Thalmann)
Grenzenlose Enttäuschung nach dem Abstieg im letzten Spiel im Espenmoos im Mai 2008. (Hanspeter Schiess)
Die Wut der Anhänger über den Abstieg und die massive Polizeipräsenz entlud sich nach Spielschluss in Ausschreitungen. (Ralph Ribi)
Ein Bild der Zerstörung nach dem letzten Spiel im Espenmoos. (Reto Martin)
Ein letzter Blick auf den St.Galler Fansektor im Mai 2008. (Reto Martin)
Selbst auf den Stehrampen verewigten sich die Fans. (Ralph Ribi)
Ein Satz, den wohl die meisten Espenmoos-Gänger unterschreiben würden: Espenmoos für immer! (Ralph Ribi)
Der Abbruch des legendären Quartierstadions begann kurz nach dem Abstieg. (Ralph Ribi)
Bagger rissen die Tribünen im Espenmoos ein. (Ralph Ribi)
Blick in den neu gestalteten Bereich des Espenmoos, das mittlerweile eine Breitensport-Anlage ist. (Hanspeter Schiess)
Unverkennbar: Die Haupttribüne des Espenmoos besteht bis heute. (Urs Jaudas)
Blick von der Haupttribüne des Espenmoos, die bestehen blieb, auf den grünen Rasen. (Reto Martin)
Hopp Sanggalle! (Ralph Ribi)
23 Bilder

Vor zehn Jahren zog der FC St.Gallen aus dem Espenmoos aus

Er ist nur einmal mit seiner Frau Marijke umgezogen, von der Pelikan- an die Vorder-Espenstrasse, und traf sich regelmässig mit den Ehemaligen des Vereins im «Bäumli» an der Heiligkreuzstrasse. Die Quartierbeiz ist inzwischen einem Neubau gewichen. «Auch anderen hat der Auszug des FC nicht gut getan», sagt Kurt Schibli:

«Im Espenmoos spielen heute noch die Frauen und – im Wechsel mit Wil – die zweite Mannschaft. Das wirft kaum Ertrag ab.»

Restaurant Espenmoos: «Wir machen weiter»

Dennoch haben manche überlebt – die einen besser, die andern weniger gut. Im Sportrestaurant Espenmoos, das heute nur noch Restaurant heisst, wechselte einige Male die Führung. Es mag Kundschaft aus der unmittelbaren Nachbarschaft, der Maschinenfabrik Kellenberger, von Grossenbacher, der Helsana sowie der Handels- und Dolmetscherschule (HDS) anlocken, aber Chef Nashi Naim spricht von einer schwierigen Situation: «Seit der Fussball weggezogen ist, läuft hier nicht mehr viel.»

Drinnen präsentiert sich das Restaurant gepflegt, baulich unverändert, mit grosser Bar und laufendem TV-Gerät neben dem Eingang, wie einst im Mai. Jeden Mittag gibt es immerhin drei Menüs. Dazu versucht sich Naim mit einem Pizza-Service über Wasser zu halten. «Wir machen weiter!»

Unternehmen haben den Boccia-Club entdeckt

«Herzlich willkommen» steht in grossen Buchstaben über dem Kellenberger-Eingang. Ein paar Schritte weiter heisst es «Willkommen im Boccia-Club». Auch ihm waren existenzielle Nöte prophezeit worden. «Tatsächlich ist uns ein beträchtlicher Teil der Einnahmen weggefallen», sagt Präsident Louis Fiabane.

Der heutige Blick von der Espenmoos-Tribüne, die in mehreren Schritten saniert wurde und wird.

Der heutige Blick von der Espenmoos-Tribüne, die in mehreren Schritten saniert wurde und wird.

Wenn die kickenden Stars gleich nebenan Tausende von Fans anlockten, machten viele auch Halt im Boccia-Club. Nicht um eine Kugel zu schieben, sondern um sich dort bei Bier, Brot und Bratwurst zu stärken. Das Restaurant Boccia hat heute noch täglich spätestens ab 16.30 Uhr geöffnet; Bratwurst mit Bürli gibt es für 6.50 Franken. Der Club führte zuletzt das Lokal abwechselnd mal in Eigenregie, mal mit Geranten. Der Spielbetrieb ergab weiterhin Umsatz. Unternehmen entdeckten den schmucken Ort für ihre Anlässe.

Nicht zuletzt bietet der Club ganz professionell Veranstaltungen für jedermann mit Essen und Einführung in die Geheimnisse des Boccia-Spiels an. «Just vor Weihnachten ist das sehr beliebt», sagt Fiabane, als Jüngling Bratwurstverkäufer auf der Espenmoos-Tribüne, heute Anwalt von Beruf.

"Hunde an die Leine!"

Es wird immer noch gekickt im ehemaligen Fussballstadion Espenmoos.

Es wird immer noch gekickt im ehemaligen Fussballstadion Espenmoos.

Die Sportanlage selber, die heute auch so heisst und nicht mehr Stadion, präsentiert sich als Mischung aus Relikt und Renovation. «Alles wird mit grossem Aufwand gepflegt», sagt ein Angestellter von Kellenberger, während gerade ein Gefährt den Rasen des Hauptfeldes zu walzen scheint. Auf dem Nebenplatz, wo sich in der Espenmoos-Endphase Catering-Stände auf erdigem Untergrund befanden, ist heute ein Kunstrasen ausgelegt.

Wo einst die erste grosse elektronische Anzeigetafel auf einem Schweizer Fussballfeld mehr oder weniger funktionierte, steht heute eine einfache «Heim-Gast»-Uhr, wie sie in unteren Ligen üblich ist. Die Stadt St.Gallen als Eigentümerin schreibt auf einer Tafel vor: «Nachtruhe 22 bis 7 Uhr. Schulklassen und Vereine haben Vortritt. Hunde an die Leine.» Am Ausgang plätschert friedlich ein kleiner Brunnen.

Klein-Indien anstelle der Quartierbeiz

Das «Edelweiss» hingegen ist verblüht. Das Restaurant an der Lukas­strasse hat Nadim Imram vor vier Jahren übernommen, nun heisst es Indian Tandoori. Er ist sehr zufrieden mit dem Geschäftsgang und begründet dies mit dem in St. Gallen noch wenig verbreiteten Genre sowie den klassischen nordindischen Spezialitäten Curry und Marsala: «Mit Pizza, Pasta und Kebab hätte ich mehr Mühe gehabt.»

Eines der Spielfelder im Espenmoos. Hinten links die Tribüne.

Eines der Spielfelder im Espenmoos. Hinten links die Tribüne.

Unvermutet kommt ein mit dem Espenmoos eng verbundener Name ins Gespräch: Cellere. Ludi, der Sohn des ehemaligen FC-Präsidenten, ist Chef des gleich nebenan beheimateten Strassenbau-Unternehmens. Auf der anderen Seite des Espenmoos war Elio Cellere junior viele Jahre lang Leiter der HDS. «Cellere? Ja, Elio Cellere, Federerstrasse 27, der ist bei uns Stammgast», erzählt Imram. Mit Abstand am meisten Umsatz erzielt er aber mit dem Online-Verkauf. «Wir haben 4500 Kunden und bedienen sie mit dem Auto.»

Die Pasta-Bar und der Coiffeur-Salon

Weiter um die Ecke spaziert, wartet eine Überraschung: In derselben Häuserzeile wie das Restaurant Espenmoos hat sich ein neues Lokal installiert, eine Pasta-Bar. «Nannini» heisst sie. Nicht zu verwechseln mit der Café-Kette des Rockstars Gianna und des ehemaligen Formel-1-Fahrers Alessandro. Das Restaurant besteht seit bald drei Jahren. Anscheinend läuft es gut. Die Betreiberinnen gönnten sich eine verlängerte Pfingstpause bis heute Donnerstag.

Das Espenmoos, im Quartier Nordost-Heiligkreuz am Rande hin zu einem Schrebergarten und den Bahngeleisen gelegen, war immer eine Gegend wie viele andere. Nur an rund 20 Spieltagen im Jahr strömten die Fans in Massen die Heiligkreuzstrasse hinab, getrieben vom Fussballfieber.

Jenny Zweifel, die vor zwei Jahren im Haus an der Ecke Heiligkreuz-/Kolosseumstrasse einen Coiffeursalon eingerichtet hat, dort, wo vorher am Kiosk der Toto- und Lottozettel abgegeben werden konnte, bekam das alles nicht mit. «Das ist mir ganz recht so», sagt sie und geniesst auf dem Vorplatz mit ihrem Hündchen die Mittagssonne. Ja, das Espenmoos atmet immer noch, aber ohne spektakulär aufzufallen.

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