Ein Jahrhundert im gleichen Dorf: Bernhardzellerin wird 100 Jahre alt

Früher ist sie bei der Apfelernte immer auf den höchsten Baum geklettert. Am Samstag feierte Berty Hengartner im Pflegezentrum Wiborada ihren hundertsten Geburtstag.

Fynn Wohlgensinger
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Berty Hengartner singt fürs Leben gern. (Bild, 21. April 2019: Michel Canonica)

Berty Hengartner singt fürs Leben gern. (Bild, 21. April 2019: Michel Canonica)

Sie habe sich richtig auf diesen Tag gefreut, sagt Berty Hengartner. Am Samstag feierte die Bernhardzellerin ihren einhundertsten Geburtstag im Wohn- und Pflegezentrum Wiborada. Sie sagt:

«Als ich hörte, dass viele Besucher kommen und dass sogar ein Zeitungsbericht über meinen Geburtstag erscheinen soll, musste ich vor Freude weinen.»

Und die Freude ist gross: Hengartner verteilt Komplimente und drei Küsschen auf die Wange eines jeden Gastes. «Obwohl sie nie verheiratet war, ist Berty im Umgang mit den Herren keineswegs verlegen», scherzt ihr Patenkind.

Die erste Bernhardzellerin, die 100 wird

Berty Hengartner ist die erste Bernhardzellerin, die ihren hundertsten Geburtstag feiern darf, wie anwesende Gemeindevertreter bestätigen. Gratulanten der Ortsbürgergemeinde, der politischen Gemeinde, des Stiftungsrates der Wiborada und der Kirchgemeinde überbringen Glückwunsche und Geschenke. Für jeden findet Berty Hengartner die passenden Dankesworte. Die Glückwünsche könne sie gut gebrauchen. Besonders aber freue sie sich über die grossen Blumensträusse.

«Grossartige Geschenke, besonders die Rosen sind wunderschön.»

Zu Ehren und zur besonderen Freude des Geburtstagskindes werden Ständchen mit Posaune und Querflöte vorgetragen. Sichtlich berührt hört Berty Hengartner zu und bedankt sich nach jedem Lied mit grossem Applaus und Bravo-Rufen. Die Musik war im Leben der Hundertjährigen eine «grosse Leidenschaft». «Ich war im Chor und meine Schwester sogar eine Solosängerin», sagt Hengartner. «Oft habe ich meiner Schwester beim Singen zugehört und die Lieder dann zu Hause nachgesungen», sagt sie. Das Wichtigste beim Singen sei «von der Seele aus» zu singen, allerdings müsse der Gesang schon zur Musik passen, die begleitend gespielt werde, ergänzt sie noch.

Berty Hengartner verbrachte ihr ganzes Leben in Bernhardzell. Sie lebte mit ihren Eltern zusammen bis zu deren Tod. Ihr Vater war Küfer und hatte einen eigenen Betrieb, wo er Fässer herstellte und reparierte.

«Im Betrieb musste ich nur selten mitarbeiten, mein Vater hatte seine eigenen Methoden und ich durfte nicht reinreden.»

Allerdings musste Berta, wie Berty Hengartner von ihren Eltern genannt wurde, häufig bei der Obsternte helfen. «Das habe ich wirklich gerne gemacht», erinnert sie sich. Wenn es hiess, dass bestimmte Äpfel zu hoch hingen und sie jemand anderes Pflücken oder gar herunterschütteln soll, sei sie gleich «extra auf den allerhöchsten Baum gestiegen», um das Obst zu ernten.

Als Haushaltshelferin hat Hengartner auch viel gebügelt. «Für meine Schwester habe ich die Wäsche gestärkt und geglättet, wenn sie einen Auftritt als Sängerin hatte, da musste alles stimmen.» Auf die Frage nach einem Rat an die jungen Generationen antwortet die Hundertjährige denn auch:

«Den Hemdkragen immer von Hand stärken, damit es etwas hermacht.»