Porträt

Ein Handtherapeut und ein Energiefachmann duellieren sich in Häggenschwil um den Gemeinderatssitz

Zwei Kandidaten mit interessantem Lebenslauf wollen im zweiten Wahlgang am 29. November Gemeinderat in Häggenschwil werden. Roger Frischknecht spielt Volleyball mit körperlich behinderten Sportlern, Roland Fässler hat einen Militäreinsatz im Kosovo geleistet.

Melissa Müller
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Handtherapeut Roger Frischknecht will auch in der Politik Hand anlegen.

Handtherapeut Roger Frischknecht will auch in der Politik Hand anlegen.

Bild: PD

Jeden Morgen radelt Handtherapeut Roger Frischknecht von Häggenschwil nach St.Gallen. 35 Minuten braucht er, um den Hügel hinauf zu strampeln – ohne Elektroantrieb. «Das hält fit», sagt der 48-Jährige, der sich um Patienten mit verletzten Händen kümmert. «Die Hand ist nebst dem Gehirn das zweitkomplexeste Organ», sagt Frischknecht. «Die Hand braucht man für alles.» Eine Handverletzung könne für die Betroffenen existenzielle Folgen haben. «Man denke an einen Bauer, der nicht mehr melken kann», sagt der Ergotherapeut, der manche Patienten monatelang betreut.

Eigene Praxis eröffnet

Auch politische Prozesse sind ihm vertraut. Frischknecht führte die Ergotherapie am Kantonsspital St.Gallen, bevor er vor zwei Jahren mit zwei Kolleginnen eine eigene Praxis eröffnete. Als Vorsitzender der Personalkommission, die er vier Jahre führte, setzte er sich für die Mitarbeitenden ein.

«Es ist eine Stärke von mir, dass ich lösungsorientiert bin, gut zuhöre und meine Patienten motivieren kann.»

Nun wolle er auch lokal mitgestalten – und im zweiten Wahlgang am 29. November in den Gemeinderat gewählt werden. Warum hat er nicht schon im ersten Wahlgang kandidiert? «Der Sitz wurde erst offiziell vakant, als Gemeinderat Raffael Gemperle zum Gemeindepräsidenten gewählt wurde», sagt Frischknecht.

Vor sechs Jahren zog er mit seiner Frau Ursina, die ebenfalls Handtherapeutin ist, und den beiden Kindern von Eggersriet zu, weil sie ein Einfamilienhaus fanden. Das Dorf habe viel zu bieten: Vereine, Museum, Dorfladen und Kirche.

«Ich bin überzeugter
Häggenschwiler.»

Einer Partei will Frischknecht nicht beitreten, «ich möchte mich nicht schubladisieren lassen».

In seiner Freizeit betätigt er sich als Behindertensportleiter: Einmal in der Woche spielt er Volleyball mit Menschen mit einer körperlichen Behinderung wie einem amputierten Bein, am Boden sitzend.

Ist eine neue Turnhalle nötig?

Zur Zeit wird in Häggenschwil darüber diskutiert, ob man eine neue Sporthalle bauen soll. Frischknecht will sich dazu noch nicht äussern, da erst eine Machbarkeitsstudie in Gang ist. Die neue Turnhalle beschäftigt auch Roland Fässler, den zweiten Kandidaten für den Gemeinderat. Auch er will die Studie abwarten, bevor er etwas sagt.

Projektleiter Roland Fässler schätzt den «guten Spirit» von Häggenschwil.

Projektleiter Roland Fässler schätzt den «guten Spirit» von Häggenschwil.

Bild PD

«Einer Partei beizutreten, ist für mich kein Thema», sagt auch Roland Fässler. Die Themen Umwelt und Energie seien ihm speziell wichtig, sagt der 47-jährige Projektleiter Anlagen-Engineering bei der SAK (St.Gallisch-Appenzellische Kraftwerke). Berufsbegleitend absolviert er zur Zeit ein Studium zum diplomierten Techniker HF Energie und Umwelt. Wäre er nicht überlastet, wenn er nun auch noch Gemeinderat wird? «Ich habe mir das natürlich überlegt, jedoch habe ich noch viel Potenzial und es würde mir viel Freude machen», sagt er. Dabei sei er auf die Unterstützung seiner Frau angewiesen, die er auch bekomme.

Im Kosovo Chef über fünf «Piranhas»

Nur einmal, 2001, da schlug der Netzelektriker eine komplett andere Richtung ein. Nach einer Trennung ging der junge Mann für ein halbes Jahr in den Kosovo, zur Swisscoy, kurz nach dem Kosovokrieg. «Ich ging schon immer gern ins Militär, war in der RS Panzersoldat.» Zunächst war er als Kompaniefeldweibel und Kommandozugführer tätig. Bei einem weiteren Einsatz sei er als «Chefbesatzer» Herr über fünf Radschützenpanzer des Typs Piranha gewesen.

Mit einem Sturmgewehr bewehrt, kontrollierte er mit seinen Kameraden Autos an Checkpoints, war bei Hausdurchsuchungen dabei und patrouillierte mit der Besatzung entlang von zerbombten Häusern und Minenfeldern. «Es ging darum, für die Sicherheit zu sorgen.»

Durch die Erfahrungen im Kosovo sei er weltoffener geworden, dankbarer für die hohe Lebensqualität in der Schweiz. Genau das schätze er an Häggenschwil. Er lobt den «guten Spirit» im kleinen Dorf. «Dazu will ich künftig vermehrt etwas beitragen», sagt Roland Fässler.

Häggenschwil: Hier verwirklichen viele Familien ihren Traum vom Eigenheim.

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Bild: Urs Bucher (6. Juli 2019)

Die beiden Konkurrenten haben etliche Gemeinsamkeiten: Beide sind in St.Gallen aufgewachsen, fast gleich alt, beide haben zwei Kinder im Primarschulalter und beide sind parteilos. Beide werden von der überparteilichen Findungskommission vorgeschlagen. Wer am 29. November das Rennen macht, ist also noch komplett offen. Am Donnerstag, 29. Oktober, 19.30 Uhr, stellen sich die beiden in der Mehrzweckanlage Rietwies vor.