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Aktionstag gegen Alkoholmissbrauch in St.Gallen: "Ich brauchte immer mehr von dem Zeug."

Wer Alkohol als Medizin missbraucht, um Stress oder Schmerzen zu lindern, lebt gefährlich. Denn wer so trinkt, trinkt bald einmal zu viel. Eine Betroffene berichtet.
Roger Berhalter
Kontrolliertes Trinken geht nicht: Alkoholikerinnen müssen schon auf das erste Glas verzichten. Bild: Reto Martin

Kontrolliertes Trinken geht nicht: Alkoholikerinnen müssen schon auf das erste Glas verzichten. Bild: Reto Martin

Schon das erste Glas sein lassen – damit danach kein zweites, drittes, viertes folgt. Immer nur an die nächsten 24 Stunden denken – weil man als trockener Alkoholiker schier verzweifelt beim Gedanken, dass man ein Leben lang nicht mehr trinken darf. Edith hat solche Handlungsanweisungen verinnerlicht.

Sie ist Alkoholikerin und seit 20 Jahren trocken. «Ich bin völlig gesund», sagt die 68-Jährige, die am Telefon deutlich jünger klingt. Heute gehe es ihr gut. Sie habe zwei Söhne, fünf Grosskinder und «keine Zeit für einen Mann», wie sie lachend sagt. Einen Tag pro Woche arbeitet sie als freiwillige Helferin in einem Kindergarten.

Edith steht zu ihrer Sucht. Ihren vollen Namen möchte sie trotzdem nicht in der Zeitung lesen, weil es gegen den Kodex der Anonymen Alkoholiker verstosse, sich im Namen der Gemeinschaft allzu sehr zu exponieren. Am Donnerstag, am nationalen «Aktionstag Alkoholprobleme», steht Edith am Bärenplatz und informiert zusammen mit Mitarbeitern der Stiftung Suchthilfe zum Thema Alkohol. «Wenn sie mich sehen, merken Betroffene, dass es eine Chance gibt, gesund zu werden.» Die Arbeit der Stiftung Suchthilfe sei wichtig, sagt Edith.

Schleichend in die Abhängigkeit

«Ohne Suchtberatung wäre ich damals nicht ins Spital gegangen», sagt Edith. Damals, das war vor 20 Jahren, als sie noch nicht gesund war und täglich zur Flasche griff. Greifen musste, wie sie sagt. «Der Körper reagiert», erklärt sie das beschämende Gefühl, wenn sie merkte, dass sie an ihrem Arbeitsplatz nicht einmal mehr in der Lage war, einen Stift ruhig übers Blatt zu führen – vor lauter Zittern. Angefangen hatte es mit etwa 40 Jahren, schleichend. Edith war alleinerziehend, frisch geschieden, hatte einen Job im Verkauf und zu Hause zwei pubertierende Söhne.

«Gegen den Stress habe ich ab und zu ein Glas Wein getrunken», erinnert sie sich. Als Beruhigungsmittel, um runterzufahren. Sie entspricht damit dem typischen Bild, wie Alkoholmissbrauch oft entsteht: Zuerst lindert man mit einem Glas Wein Symptome wie Stress, Schmerzen oder Schlafstörungen. Eine Weile funktioniert diese Selbstmedikation vielleicht sogar, doch bald konsumiert man zu viel und wird abhängig. «Alkohol ist kein geeignetes Mittel, um Beschwerden zu lindern», hält Jürg Niggli fest, der Geschäftsleiter der Stiftung Suchthilfe.

«Wenn ich trinke, öffnet sich eine Schleuse. Dann trinkt’s einfach.»

«Das Problem ist, dass man die Dosis steigern muss», sagt Edith. «Ich brauchte immer mehr von dem Zeug.» Bei der Arbeit fürchtete die Wilerin ständig das Zittern, die Abstände zwischen dem Trinken wurden immer kürzer. Im Schrank am Arbeitsplatz hatte sie Klosterfrau Melissengeist versteckt, sie trank die Natur-Arznei flaschenweise. Es war kein Wein und kein Vodka, und irgendwie konnte sich Edith auf diese Weise einreden, sie nehme Medizin. «Man merkt nicht, wie der Konsum kippt. Man merkt es erst, wenn es zu spät ist, wenn man den Alkohol schon braucht.»

Nicht einmal ein Guetzli mit Schnaps liegt drin

Es brauchte einen Zusammenbruch am Arbeitsplatz und eine Standpauke der Chefin, bis Edith endlich Hilfe suchte. Sie entgiftete drei Wochen lang im Wiler Spital, erholte sich anschliessend in einer viermonatigen Kur. Nach dem Trocken-Werden begann der schwierige Teil: das Trocken-Bleiben. Edith hat es 20 Jahre lang geschafft. Sie habe es für sich getan, für ihre Kinder, und weil alles auf dem Spiel stand: «Es gab nur zwei Wege: zum Leben und zum Tod. Ich wollte leben.»

Seither hat Edith keinen Tropfen mehr getrunken. Sie weiss: «Wenn ich trinke, öffnet sich eine Schleuse. Dann trinkt’s einfach.» Bevor sie beim Bäcker ein Guetzli kauft, fragt sie nach, ob Schnaps drin ist. Denn noch eine Handlungsanweisung hat sie verinnerlicht: Kontrolliertes Trinken, das gibt es nicht.

Standaktion der Stiftung Suchthilfe zum Thema «Problematischer Alkoholkonsum»: Donnerstag, 11–20 Uhr, auf dem Bärenplatz in St.Gallen.

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