Ein Garten voller Ideen: Am St.Galler Güterbahnhof wachsen Schnittblumen, Gemüse und Gemeinschaft

Das St.Galler Güterbahnhofareal möchte künftig mit einer Stimme auftreten. Neu beleben 40 Gärtnerinnen und Gärtner die Brache, und bald dürfte dort auch ein zum Restaurant umgebauter Zugwaggon stehen.

Roger Berhalter
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Forstingenieur Florim Sabani vor den terrassierten Gärten des «Urbanen Grün Ateliers».

Forstingenieur Florim Sabani vor den terrassierten Gärten des «Urbanen Grün Ateliers».

Bild: Arthur Gamsa (22. Oktober 2020)

Mitten im Hang ragt eine hölzerne Bratwurst aus der grünen Wiese. «Die hat jemand geschnitzt und dort hingestellt», sagt Florim Sabani mit einem Schmunzeln. Der 33-Jährige führt durch das «Urbane Grün Atelier», wie die neuen Gemeinschaftsgärten auf dem St.Galler Güterbahnhofareal heissen.

Eine Bratwurst aus Holz: Auch das gibt's am St.Galler Güterbahnhof.

Eine Bratwurst aus Holz: Auch das gibt's am St.Galler Güterbahnhof.

Bild: Arthur Gamsa (22. Oktober 2020)

Sabani ist Forstingenieur und hat zusammen mit Sozialpädagogin Nicole Keller und Landschaftsgärtner Fabio Hunziker einen Verein gegründet und etwas Land von den SBB gepachtet. Einen Grünstreifen, eingeklemmt zwischen dem Schlosserweg und den Gleisen der Appenzeller Bahnen.

Bis vor kurzem war der Hang noch verwildert. Seit knapp zwei Jahren bewirtschaften ihn die rund 40 Gärtnerinnen und Gärtner des urbanen Grünateliers.

Projektionsfläche für Ideen

Jetzt wuchern nicht mehr nur Brombeeren und Brennnesseln, sondern es wachsen auch Tomaten und Rüebli. Terrassen mit selbst gezimmerten Stützmauern machen das abschüssige Gelände begehbar.

Die Gemeinschaftsgärten am Gleis der Appenzeller Bahnen.

Die Gemeinschaftsgärten am Gleis der Appenzeller Bahnen.

Bild: Arthur Gamsa (22. Oktober 2020)

«Wir haben viel geschaufelt und gebaut», sagt Sabani. Er bezeichnet den Hang als «Projektionsfläche für Ideen» und gibt ein paar Beispiele: Der benachbarte Blumenladen Yeeon lässt hier Schnittblumen wachsen. Ein Umweltingenieur hat Weiden gepflanzt, um ihr Wuchsverhalten zu studieren. Flüchtlinge aus Eritrea bauen ihr eigenes Gemüse an.

«Wichtig ist uns der Gemeinschaftsgedanke», sagt Sabani. Es gibt einen Kompost und einen Sitzplatz für alle, viele Beete werden gemeinsam gepflegt und gegossen:

«Wer aus den Ferien zurückkommt, hat immer noch frische Tomaten.»

Die Gemeinschaftsgärten sind das jüngste Kapitel in der Geschichte des Güterbahnhofs. 2016 startete dort eine als «Lattich» betitelte Zwischennutzung. Als deren sichtbarstes Zeichen steht seit 2018 ein gelber Holzbau auf dem Areal. In 45 Modulen sind Mieterinnen und Mieter aus der Kreativwirtschaft tätig, vom Architekturbüro über die Softwarefirma bis zur Veranstaltungsagentur. Die Zwischennutzung ist amtlich bewilligt und behördlich gut abgestützt: Stadt und Kanton stehen hinter dem Lattich.

Das prägnante gelbe Lattichgebäude. Im Vordergrund der rote «Container für Unerhörtes», in dem der Musiker Roman Rutishauser arbeitet.

Das prägnante gelbe Lattichgebäude. Im Vordergrund der rote «Container für Unerhörtes», in dem der Musiker Roman Rutishauser arbeitet.

Bild: Arthur Gamsa (22. Oktober 2020)

Der Güterbahnhof ist aber mehr als nur das Lattichgebäude. Schon 2004, lange vor der Zwischennutzung, nahm hier das Kugl hier seinen Clubbetrieb auf. In der Projektwerkstatt werden Velos geflickt, das Beleuchtungsgeschäft Konigs hat hier seinen Showroom eingerichtet, in der Werkstatt der Metzler Holzwerke wird gehämmert und gesägt. Und in einem ehemaligen SBB-Lager entsteht gerade die neue Eventhalle Hektor.

Grafikerin Mélanie Hangartner

Grafikerin Mélanie Hangartner

Bild: Adriana Ortiz Cardozo (22. Mai 2019)

Die selbstständige Grafikerin Mélanie Hangartner führt einerseits im gelben Lattichbau mit ihrem Onkel zusammen ein eigenes Olivenölgeschäft. Anderseits ist sie im Vorstand des Lattichvereins aktiv und arbeitet an einer neuen Website mit interaktiver Karte: Darauf sollen bald nicht nur die Mieterinnen und Mieter des Lattichbaus zu finden sein, sondern auch alle anderen Akteure auf dem Güterbahnhof.

«Wir sind jetzt dabei, das ganze Areal zu aktivieren»

«Nicht jeder soll mehr für sich wursteln. Wir wollen ein Gefäss für den Austausch schaffen», erklärt Hangartner die Idee. «Eine Interessengemeinschaft für alle, die wollen, dass mehr Leute das Areal besuchen.» Und sei es nur, um Veranstaltungen zu koordinieren.

«Wir haben ganz viele Ideen», sagt Hangartner. Zum Beispiel hätte im Mai ein Güterbahnhof-Fest stattfinden sollen. Die Flyer waren bereits gedruckt, doch wegen Corona war eine solche Zusammenkunft nicht möglich. Hangartner hofft jetzt auf nächstes Jahr.

Bis auf weiteres könnten höchstens kleine, spontane Anlässe stattfinden. Wie neulich, als sie draussen vor ihrem Laden Antipasti servierte, während der Musiker Roman Rutishauser (auch er arbeitet auf dem Areal) dazu Piano spielte.

Experimente in der «Wilden Möhre»

Auch der Gastronom Gallus Knechtle hat mit seinem Team schon einiges getan, um das Areal zu beleben. Der Geschäftsführer von «Pfefferbeere» hat 2018 ein Restaurant im Erdgeschoss des Lattichbaus eröffnet, die «Wilde Möhre». «Es ist unser Laboratorium, hier können wir unser Handwerk ausleben», sagt Knechtle.

Gastronom Gallus Knechtle.

Gastronom Gallus Knechtle.

Bild: Urs Bucher (9. Mai 2019)

Beispielsweise gibt es einmal pro Woche die «Soirée Africaine»: Gastköchin Maimouna bereitet Gerichte aus ihrer Heimat Guinea zu. An den anderen Tagen werden die Gerichte aus der Produktionsküche in Bühler angeliefert, von Chili con Pollo über Käsefladen bis zum Kichererbsencurry.

Es sei nicht leicht gewesen, das Restaurant zum Laufen zu bringen, aber das sei ihm von Anfang an klar gewesen, sagt Knechtle. «Das Areal war anfangs nicht belebt.» Und auch ihm hat Corona einen Strich durch die Rechnung gemacht.

«Wir sind aber überzeugt, dass sich das Areal spannend entwickeln wird.»

Der Gastronom plant deshalb den nächsten Schritt: Er möchte einen zum Restaurant umgebauten Zugwaggon aufstellen, als Erweiterung der «Wilden Möhre». Ein entsprechendes Baugesuch liegt derzeit öffentlich auf.

Das Restaurant «Loki» am Bahnhof Wasserauen mit dem umgebauten Triebwagen der Appenzeller Bahnen.

Das Restaurant «Loki» am Bahnhof Wasserauen mit dem umgebauten Triebwagen der Appenzeller Bahnen.

Bild: PD

Noch steht der Triebwagen der Appenzeller Bahnen beim Bahnhof Wasserauen, wo Knechtle das Restaurant Loki betreibt. Rund 30 Personen finden bei Normalbetrieb im Waggon Platz. Wird er diesen Winter als Fonduestübli dienen? Knechtle: «Den Inhalt geben wir noch nicht preis.»