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Das Flickhüsli in St.Gallen ist ein Farbtupfer im Marktgrün

Das Flickhüsli am Marktplatz und dessen Betreiberin Ursula Bühler fallen auf. Sie ist sich sicher: Dass sie in diesem grünen Markthäuschen seit fünf Jahren dem Flicken und Nähen frönt, kommt nicht von ungefähr.
Corinne Allenspach
Ursula Bühler vor ihrem Flickhüsli am Marktplatz. (Bild: Mareycke Frehner)

Ursula Bühler vor ihrem Flickhüsli am Marktplatz. (Bild: Mareycke Frehner)

An Zufälle glaubt Ursula Bühler nicht, vielmehr an Fügung. Wie sonst kann es sein, dass sie sich noch genau erinnert, als sie, gerade sechsjährig, 1956 mit ihrer Oma über den Markt schlenderte. Klein Ursula fragte sich beim Anblick des hinter einem Stapel Orangen kaum erkennbaren Gemüsehändlers Albert Nef, wie es wohl sein möge, hier im Winter zu verkaufen. Dabei stand sie just vor jenem grünen Markthäuschen, in dem sie jetzt seit fünf Jahren ihr Flickhüsli betreibt. «Der Kreis schliesst sich», sagt die 68-Jährige. Auch deshalb, weil Albert Nef selig ebenfalls in Gais wohnte – so wie sie.

Als Kind kam Ursula Bühler das grüne Markthäuschen riesig vor. Heute könnte es durchaus etwas grösser sein. «Manche würden es Chaos nennen», sagt sie in Anspielung darauf, dass jeder Zentimeter des Häuschens genutzt ist. Sie aber fühlt sich wohl. Zwischen Gummibändern, Reissverschlüssen, Knöpfen, einigen hundert Fäden, St. Galler Spitzen, alter Bernina-Nähmaschine, Wolle und Stoffen aller Art. Auch haufenweise Plastiksäcke, Beerenkartons und andere Verpackungsmaterialien finden Platz. Alles parat, wieder verwendet statt weggeworfen zu werden. Das ist denn auch Ursula Bühlers Credo: «No waste, oder zumindest weniger Abfall.»

Ein seidiger Schatz aus Japan

Hüftlange Rasta-Locken mit farbigen Bändern, Flip Flops, eine türkis Bluse und ebensolche Hosen mit Blumenmuster. Keine Frage: nicht nur das Flickhüsli, auch Ursula Bühler ist ein Farbtupfer auf dem ständigen Markt. Sie klaubt ehrfürchtig einen Seidenschal aus einem Plastikmäppli. Auch er ist türkis, voller Mottenlöcher und Stockflecken. Ursula Bühler hütet ihn wie einen Schatz und trägt ihn wieder, sobald es kälter wird. «Das Seidentüechli kam noch vor dem grossen Erdbeben in den 1930er-Jahren von Japan in die Schweiz», sagt sie. Importiert von ihren Vorfahren, der Textilfamilie Zollikofer, die vor allem mit Stoffen aus Japan handelte. So ist es auch kein Zufall, dass Ursula Bühler heute eine besondere Affinität zu Textilien hat. «Meine Mutter hatte 100 Franken Haushaltsgeld im Monat, da war Blätze annähen und flicken angesagt.»

Ursula Bühler ist gelernte Pharmaassistentin, später machte sie sich mit Tee und Gewürzen als Marktfahrerin selbständig und liess sich schliesslich zur Haushaltleiterin ausbilden. Im September 2013 führte Textildesignerin Iris Betschart einen Monat lang die Flickeria, bevor Ursula Bühler am 6. Dezember am gleichen Ort ihr Flickhüsli eröffnete. Ist dieses in der heutigen Wegwerfgesellschaft überhaupt noch gefragt? Sie hält kurz inne. «Die, die kommen, sagen, es ist toll.» Es gebe aber auch Tage, da schaue stundenlang kein Kunde vorbei. Dann zweifelt sie manchmal. Aber sie sei sowieso nicht hier, um reich zu werden. Sondern, um nicht daheim zu versauern und um etwas zu tun, das sie sehr gern macht.

Reissverschluss einnähen in Stringtanga

Meist bringen die Leute ihre Lieblingskleider: Reissverschlüsse ersetzen, Knöpfe annähen, Hosenböden mit Blätzen flicken. Ursula Bühler hat im Flickhüsli immer etwas zu tun. Zuweilen auch Ausgefallenes. So schickte einst der Betreiber eines Erotikshops einen Kunden vorbei: Sie sollte ihm vorne in einen gelben Stringtanga einen Reissverschluss einnähen.

Die Situation mit den grünen Markthäuschen findet Ursula Bühler «ganz okay». Sie habe das Gefühl, die Häuschen seien wieder ziemlich gefragt. «Von mir aus könnte man auch die Lücke bis zur Rondelle wieder füllen.» Verfolgt sie die aktuellen Diskussionen um die Marktplatzsituation? «Mehr oder weniger», räumt sie ein. Ehrlich gesagt messe sie dem nicht allzu viel Gewicht bei, wenn wieder eine Idee diskutiert werde. «Von grossen Veränderungen haben sie schon vor bald 20 Jahren geredet.» Ursula Bühler hofft, dass es nicht nochmals so lange dauert, bis es vorwärts geht. «Die Verantwortlichen warten immer auf die ultimative Lösung, aber die gibt es nicht.» Vieles, so glaubt sie, wäre mit etwas mehr Spontaneität heute schon möglich. Beispielsweise, wenn man ganz unbürokratisch Strassenmusiker oder -künstler zuliesse. «Ey, das wäre doch eine Belebung für die Stadt!».

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