Ein Einblick in fast vergessene Handwerkskünste am Wittenbacher Denkmal-Fest

Wie wurden früher eigentlich Körbe, Seile oder Leinen hergestellt? Das historische Denkmal-Fest auf dem Wittenbacher Dorfhügel gewährte am Samstag einen Einblicke in die alten Handwerkskünste.

Andrina Zumbühl
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Schleifen wie früher: Das Denkmal-Fest ist bei den jungen Gästen beliebt. (Bild: Michel Canonica)

Schleifen wie früher: Das Denkmal-Fest ist bei den jungen Gästen beliebt. (Bild: Michel Canonica)

Das Betreten des Wittenbacher Dorfhügels gleicht einer Zeitreise: Alte Schweizer Volksmusik mischt sich mit dem Klang nach Schlägen auf Metal. Männer und Frauen in alten Trachten und Kostümen schlendern herum, eine Pferdekutsche fährt über den Dorfhügel. Am Samstag hat in Wittenbach das zweite Denkmalfest stattgefunden. Im Zentrum stand das Handwerk, das bei den jüngeren Generationen beinahe in Vergessenheit geraten ist.

Am Stand für Leinen werden die Verarbeitungsschritte von der Flachspflanze bis zu dem fertig verarbeiteten Leinen demonstriert. Das Wissen um diesen Herstellungsprozess verschwindet seit dem Aufkommen der modernen Textilindustrie. Sybill Boller gibt ihr Wissen weiter und bietet Kurse zur Leinenherstellung an. Neben ihr sitzt Meret Boller, eine junge Frau in einem langen Kleid, welche am Spinnrad sitzt. «Es fasziniert mich, wie die Leinenherstellung funktioniert und wie aus einem einzelnen Samen ein Kleidungsstück entstehen kann», sagt sie.

Selber machen statt zuschauen

An einem anderen Stand steht Urs Fritz, der in Wittenbach für seinen Lee-Kreisel mit Betonpfeilen bekannt ist. Der Bildhauer berichtet über die Herstellung von Gips-Stuckaturen – und über deren historische Entwicklung: Früher sei der Gips in Gelatineformen gefüllt worden, heute werden Silikonformen verwendet. Während früher das Material teuer gewesen sei, seien es heute die Arbeitsstunden.

Derweil wird an anderen Ständen gedrechselt, Papier-Schöpfen gezeigt, das Pressen von Obst demonstriert oder es werden Körbe geflochten. Die Besucherinnen und Besucher werden aufgefordert, selber Hand anzulegen und sich in den historischen Handwerken zu versuchen. Das jüngere Publikum ist fasziniert, hat es den Grossteil dieser Handwerkskünste noch nie so gesehen.

Bild: Michel Canonica
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Auf besonderes Interesse stösst beim jüngeren Publikum das Messerschmieden. Die glühenden Kohlen, die Schutzbrille und das Schlagen mit den Werkzeugen locken viele Kinder an. Bei der Festwirtschaft konnte eine Pause eingelegt werden. «So ein Anlass tut Wittenbach gut», sagt eine ältere Frau. Gross und Klein könne hier etwas lernen und gemeinsam die Zeit geniessen.

Den Gemeinschaftsgeist in Wittenbach stärken

Mitten unter den Besuchern des Festes ist Michel Klein, Präsident der IG-Denkmal und Mitorganisator des Denkmaltagfests. Er ist schon von weitem zu hören. Klein trägt alte Holzschuhe, die mit Lederriemen an seinen Füssen befestigt sind. Bei jedem Schritt klacken die Schuhe auf dem geteerten Grund. Die Schuhe seien ausgeliehen, sagt er. «Bequem seien sie nicht, aber früher im Winter, wenn es kalt war, waren diese Schuhe bestimmt angenehmer, als barfuss durch den Schnee zu stapfen.» Beim Denkmalfest gehe es um das Beleben des Dorfkerns, sagt Klein. «Es ist uns ein Anliegen, mit diesen Anlässen den Gemeinschaftsgeist in Wittenbach zu stärken.»

Schwierig sei es nicht gewesen, Personen für die historische Handwerksschau zu gewinnen, sagt Klein. «Ein anderes Mal wäre es schön, zusätzlich einen Buchbinder oder Münzenschläger zu Gast zu haben.» Vergangenes Wochenende hätten aber die europäischen Tage des Denkmals stattgefunden, weshalb nicht jeder Wunsch erfüllt werden konnte.

Bei einer kurzen Kutschenfahrt über und um den Dorfhügel konnten die Besucherinnen und Besucher Wittenbach aus einer ungewöhnlichen Perspektive erleben. Die Rundfahrt geht gemächlich vorwärts. Das Geklapper der Hufe ist beruhigend, vorbei am Schloss Egg fühlt sich an diesem Samstag alles etwas entschleunigter an. Spätestens als die Kutsche in die stark befahrene Romanshornerstrasse eingebogen ist, war die Illusion einer Zeitreise jedoch vorbei. Die alte Kutsche verursachte zudem einen Stau. Ein Segway holte das historische Gefährt ein, ein Tesla überholte ungeduldig.