Nach Unfall mit Knochenbruch: Sind die Designerstühle des Wittenbacher Kirchgemeindezentrums Stolperfallen?

Eine Frau stürzt im Wittenbacher Kirchgemeindezentrum schwer. Worauf die Stühle in Frage gestellt werden.

Melissa Müller
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Sind diese Stühle unglücklich konstruiert? Kirchgemeindepräsident Johannes von Heyl auf einem Catifa 46.

Sind diese Stühle unglücklich konstruiert? Kirchgemeindepräsident Johannes von Heyl auf einem Catifa 46.

Bild: Nik Roth

Das Unglück ereignet sich ausgerechnet am 8. Februar, an der Abschiedsfeier von Seelsorger Ueli Bächtold: Eine ältere Frau aus dem Service bleibt an einem Stuhlbein hängen und stürzt so unglücklich, dass sie sich einen Oberschenkelhalsbruch zuzieht. Ein Arzt, der sich unter den Gästen befindet, lagert die ältere Dame professionell, bis der Krankenwagen eintrifft.

Enge Bestuhlung im Kirchgemeindehaus

«Traurig, dass dies an einem schönen Anlass geschah», sagt der evangelische Kirchgemeindepräsident Johannes von Heyl. Das sei ein Wermutstropfen. Die Kirche sei so voll gewesen, dass zahlreiche Weggefährten von Ueli Bächtold stehen mussten. Nach über 30 Jahren im Dienst der evangelischen Kirchgemeinde Tablat verabschiedete er sich in Pension. Im Kirchgemeindehaus (Kiz) war beim Abschiedsfest eng gestuhlt. Dass die ältere Dame darüber stürzte, sei «ein unglücklicher Zufall», sagt von Heyl. Die Frau sei am Genesen. Ein Oberschenkelhalsbruch geht aber nicht so schnell vorbei.

Für ein Mitglied der Kirchgemeinde ist der Sturz kein Zufall: An jedem grösseren Anlass im Kiz würden Menschen an Stuhlbeinen hängen bleiben und stolpern.

«Die Stuhlbeine sind unglücklich nach aussen konstruiert, sodass ein Vorbeikommen oft schwierig ist, wenn man den Blick nach vorne hält»,

moniert der Kirchbürger.

Filigran, stapelbar und oft kopiert

Johannes von Heyl ist anderer Meinung. «Dies war der erste Unfall», relativiert der Kirchgemeindepräsident. Die Stühle seien bereits fünf Jahre im Einsatz. Eine Baukommission setzte sich 2015 mit der Bestuhlung für das neue Kirchgemeindezentrum auseinander – und fällte eine basisdemokratische Entscheidung. Die Anforderungen an die Stühle sind hoch: Leicht sollen sie sein, ergonomisch und stapelbar. Man lud mehrere Fachhändler ein, setzte sich zur Probe auf über ein Dutzend Stühle. Die Wahl fiel auf das Modell Catifa 46 der italienischen Firma Arper, das gegen 200 Franken kostet – einer der meistverkauften Stühle der Welt, der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde.

Das minimalistische Modell ist seit 16 Jahren auf dem Markt – und wurde oft kopiert. Dem spanischen Designbüro Lievore Altherr Molina ist damit 2004 ein Wurf geglückt. Der Sitz aus Kunststoff scheint auf dem filigranen Metallgestell zu schweben. Auf der Hinterseite ist der Stuhl glänzend, vorne matt. Er steht in Büros, Konferenzräumen, Wartezimmern, Hotels und Bibliotheken auf der ganzen Welt. Den massentauglichen Stuhl gibt es in vielen Farben und Ausführungen: mit Rädern oder Kufengestell, als Sessel, Sitzgruppe und Barhocker.

Das Zeug zum ­Designklassiker

Wer darauf achtet, sieht das Teil plötzlich überall. Zum Beispiel im KKL in Luzern, in der Post in Bern oder im neuen Restaurant Corso in St.Gallen.

«Dieser Stuhl hat das Zeug zum Designklassiker»,

sagt ein Möbelhändler. Die Nachfrage sei seit Jahren ungebrochen, ein Ende des Booms nicht in Sicht. Ein solcher Stuhl habe eine Lebensdauer von mindestens 15 Jahren. Und wird er entsorgt, kann die Sitzfläche aus Polyurethan recycelt werden.

«Stühle sind keine Fehlanschaffung»

Das Wittenbacher Kirchgemeindezentrum ist heute mit 210 solcher Stühle bestückt. «Er ist bequem und passt zum modernen Ambiente», sagt Johannes von Heyl. Der zweigeschossige Holzbau mit Saal, Spielzimmer, Küche, Sitzungszimmer und Jugendraum steht auf dem Hügel Vogelherd. Von der Cafeteria aus geniesst man eine herrliche Weitsicht auf Schloss Dottenwil und den Bodensee. Mittwochs findet hier der K-Treff statt, wo Armutsbetroffene Lebensmittel für einen symbolischen Franken beziehen. «Wir sind eine offene Kirche, wo jeder willkommen ist», sagt Johannes von Heyl. Und wo es sich jeder auf den zeitgeistigen Stühlen bequem machen darf. «Sie sind keine Fehlanschaffung», ist der Präsident überzeugt. «Um Risiken vorzubeugen, sollte man einfach die Augen offen halten.»