Ein Abstecher in den Weltraum: Im Westen von St.Gallen ist ein neuer Coworking-Space entstanden

Die Stadt hat einen neuen Arbeitsort für Kreative – mit 3D-Drucker, Programmierkursen, Retro-Spielkonsolen und dem klingenden Namen «Weltraum».

Sandro Büchler
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Eine Reise in die Vergangenheit: Im Coworking-Space «Weltraum» arbeiten rund ein Dutzend Kreative an ihren Ideen.

Eine Reise in die Vergangenheit: Im Coworking-Space «Weltraum» arbeiten rund ein Dutzend Kreative an ihren Ideen.

Bild: PD

Den «Weltraum» betritt man durch eine Glastür. Das Innere ist eine kleine Reise in die Vergangenheit. Es blinkt und piepst. Mehrere Videospielautomaten der 1980er- und 1990er-Jahre stehen herum, hinzu kommen alte Bildschirme plus eine Discokugel. Zu hören ist die Melodie einer Super-Nintendo-Spielkonsole. Sofas und bunte Lampen im Retrodesign verleihen dem stilvoll eingerichteten Raum eine nostalgische Note.

Im Westen der Stadt ist in den vergangenen Monaten ein ausgefallener Coworking-Space entstanden: Der «Weltraum» an der Fürstenlandstrasse 103 ist Atelier, Bürogemeinschaft und Spielzimmer gleichzeitig.

Hinter einem Vorhang sind rund zehn Arbeitsplätze eingerichtet. Auf einem sind Embleme der NASA ausgelegt, daneben stapeln sich Laptops. Einige zusammengebastelte Elektronikgeräte, deren Zweck sich nicht erschliesst, liegen herum. In einem Hinterzimmer findet sich ein 3D-Drucker, allerlei Werkzeug und ein Tonstudio.

Spielereien mit Hintergedanken

Der «Weltraum» ist ein Ort für Kreative wie Patrick Jost. Er ist selbstständiger Programmierer. Aber auch Tüftler, Designer und Unternehmer. Viele würden ihn als Künstler bezeichnen.

«Obwohl das, was ich mache, relativ wenig mit Kunst zu tun hat.»
Patrick Jost, selbständiger Programmierer im «Weltraum»

Patrick Jost, selbständiger Programmierer im «Weltraum»

Bild: Sandro Büchler

Seit 13 Jahren stellt er unter dem Namen Elektromeier interaktive Medieninstallationen her. 3D-Visualiserungen von Flussbetten etwa. Daneben werkelt der 44-Jährige an «freakigem Zeug», wie er sagt. Kürzlich hat er einen Roboter gebaut, der mittels Magneten an der Decke klebt und sich anhand von Lichtstrahlen und Kameras auch fortbewegen kann. Jost gehört auch ein Grossteil der Spielautomaten, sein Spielzimmer.

Ist das Arbeit oder nur Spass? «Für mich vermischt sich das», sagt Jost. Er produziere Spielereien mit Technik. Dabei gehe es ums Ausprobieren. «Denn oftmals findet man erst im Spiel die coolen Sachen.» Viele Besucher seien fasziniert von den alten Apparaten. So komme man ins Gespräch, tausche sich aus und entwickle gemeinsam neue Ideen. «Das Spielzimmer ist Spass mit Hintergedanken.»

Der «Weltraum» in St.Gallen ist für Jost mehr als ein Coworking-Arbeitsplatz.

«Nichts ist steif hier, alles ist möglich, wie im All.»

Neben ihm haben sich auch ein Softwareentwickler, ein Designer, ein Bierbrauer und ein Wurstfabrikant eingemietet. «Das tönt alles chaotisch», sagt Jost. Aber das Kunterbunt unterschiedlicher Menschen mache genau das fruchtbare Umfeld aus. «Wir helfen uns gegenseitig.»

Er unterhält sich mit Patrik Forrer, der die Schule für Gestaltung leitet. «Ich kreiere dir einen auf ein Sofa projizierten Geist, der mit echten Personen auf dem Sofa interagiert.» Forrer ist begeistert von Josts Vorschlag. Dieser soll an einer Informationsveranstaltung für den drei Jahre dauernden Lehrgang für Interactive Media Design zum Einsatz kommen. «Reale und virtuelle Welten vermischen sich. Da passt diese Idee perfekt», sagt der Schulleiter.

Es brauche kreative Freiräume

Marcio Ferreira, Initiator des «Weltraums»

Marcio Ferreira, Initiator des «Weltraums»

Bild: Sandro Büchler

Marcio Ferreira tritt ein. Er ist der Initiator des «Weltraums» und kommt gerade vom Notar. Der 34-Jährige hat soeben seine erste Firma gegründet. Ferreira ist ein Macher. Er hat in St.Gallen schon mehrere Kreativräume aus der Taufe gehoben: etwa den «Sandkasten» oder zuletzt das «Haus Famos» an der Davidstrasse. Zudem hat Ferreira bei diversen Zwischennutzungen mitgewirkt. Dabei stehe er immer vor dem gleichen Problem: Die verschiedenen Untermieter wollen zu unterschiedliche Zeiten arbeiten.

«Die Schlüsselverwaltung ist enorm zeitraubend.»

Jetzt will er eine Software entwickeln, mit der sich der Zugang regeln und freischalten lässt. Zudem will Ferreira mit dem System auch gleich die Mieten abrechnen. Der «Weltraum» wird im Januar zum Testlabor und Hauptsitz seiner soeben gegründeten Firma.

Es brauche solch kreative Freiräume, wo man etwas ausprobieren, etwas wagen könne. «Orte, wo man improvisieren und Ideen zusammen wachsen können.» Bei vielen Projekten würde gleich zu Beginn die Frage gestellt, wie sich das finanzieren lässt. «Das ist Blödsinn», sagt Ferreira. Er verfolgt einen anderen Weg. «Man soll die Leute machen lassen, so können sie ihre Stärken ausspielen.» Über die Kosten könne man sich später Gedanken machen. Der spielerische Ansatz sei vielen Unternehmern fremd. Das fehle der Ostschweiz. «Hier probiert man nichts aus.» Hingegen blicke man mit Argusaugen aufs Silicon Valley. «Dabei hätten wir hier Ideen und Ressourcen im Überfluss.»

Grosse Kinder?

Der «Weltraum» ist aber nicht nur Arbeitsplatz. Ferreira und seine Mitstreiter organisieren Programmierkurse, Workshops, Talks. «Hier ist alles ungezwungen und informell.» Miteinander Spass zu haben stehe im Zentrum und nebenbei rede man locker über Anderes.» Sind Ferreira und Jost grosse Kinder? Die beiden stören sich nicht daran, wenn man sie so bezeichnet.

«Denn es ist genau diese kindliche Neugierde, das unbedarfte und vorbehaltlose Herangehen, das uns ausmacht.»

Hinweis: www.weltraum.sg

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