St.Galler E-Biker wollen keine Kurse

Das Elektro-Bike fährt beinahe wie ein gewöhnliches Velo. Aber nur beinahe: Seine Geschwindigkeit wird gern unterschätzt. Eine Schulung will trotzdem niemand.

Seraina Hess
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Zügig unterwegs: Die schnellen E-Bike-Ausgaben fahren zumindest in der Theorie bis zu 45 Kilometer pro Stunde. (Bild: Getty)

Zügig unterwegs: Die schnellen E-Bike-Ausgaben fahren zumindest in der Theorie bis zu 45 Kilometer pro Stunde. (Bild: Getty)

Helm- und vignettenpflichtige Elektrovelos mit einer Antriebsgeschwindigkeit von bis zu 45 Kilometern pro Stunde fahren in der Theorie schneller als ein Mofa. Nur bewegt sich das elektrische Tretgefährt, das mindestens nach einem Führerschein der Kategorie M verlangt, im Gegensatz zum Töffli geräuschlos. Das bewahrt die Lenker nicht davor, als Raser bezeichnet zu werden. Wie im Stadtmelder zu lesen ist, seien auf dem Gübsenweg mehrmals täglich Elektrobiker unterwegs, das Fahrverbot missachtend und viel zu schnell. In der Antwort heisst es: «Die Stadtpolizei empfiehlt, fehlbare Velofahrer und Velofahrerinnen sachlich anzusprechen und auf das Problem aufmerksam zu machen.»

Das Missachten des Fahrverbots auf dem Gübsenweg und anderen Spaziergängern vorbehaltenen Strässchen sei jedoch kein E-Bike-Problem, sagt Dionys Widmer, Sprecher der Stadtpolizei. Auch Radfahrer auf Velos ohne elektrischen Antrieb missachteten dieses und riskierten auf besagtem Weg eine Busse in der Höhe von 30 Franken. Solche hat die Polizei bei Kontrollen auf dem Gübsenweg denn auch schon ausgestellt.

Gleich sieht es Widmer mit der Geschwindigkeit: «Auch ein sportlicher Velofahrer, der in die Pedalen tritt, kann schneller unterwegs sein, als es die Umstände erlauben.» Auffällig sei aber, dass gerade E-Bike-Fahrer mit stärkerem Antrieb die Geschwindigkeit unterschätzen.

In St.Gallen wollen E-Biker nicht dazulernen

Der Interessenverband für Velofahrer, Pro Velo Schweiz, führt deshalb in Teilen der Schweiz Kurse für Neo-E-Biker durch - die trotz der Popularität des Velos überhaupt keinen Anklang finden. In St. Gallen wurde deshalb noch kein Kurs durchgeführt: «Wir haben mit dem Angebot niemanden erreicht», so der regionale Kursverantwortliche Daniel Schöbi.

Die drei Stereotypen der Elektrovelofahrer

Daniel Bachofner ist Verkehrsschulungsverantwortlicher auf nationaler Ebene von Pro Velo. «Es ist falsch, das E-Bike an sich als gefährlich darzustellen», sagt er. Die Unfallzahlen würden schweizweit steigen, weil es immer mehr E-Bikes gebe. Gemäss Branchenverband Velosuisse ist bald jedes dritte neue Velo mit einem Motor ausgestattet.

Bachofner teilt die potenzielle Klientel für Schulungen in drei Gruppen ein: Senioren, junge Familien und Berufspendler. Erstere sind als Wiedereinsteiger besonders gefährdet, weil sie meist jahrelang nicht mehr auf dem Velo gesessen haben. Tendenziell vorsichtiger verhalten sich junge Eltern, die beispielsweise einen Anhänger mit Kind ziehen und das E-Velo als Zweitwagenersatz nutzen. Zur gefährlichsten Gruppe gehört der Berufspendler: Er will den Arbeitsplatz schneller erreichen als mit dem Auto und neigt dazu, zu schnell zu fahren – wobei das Maximaltempo von 45 Kilometern pro Stunde in aller Regel nicht erreicht werde, sagt Bachofner. «So schnell kann das E-Bike mit stärkerem Antrieb nur bei optimalen Bedingungen fahren.» Eine Geschwindigkeit von mehr als 30 km/h sei in der Praxis selten. Velofahrer mit schwächeren E-Bikes seien sogar nur zwei bis drei Kilometer pro Stunde schneller als solche, die ohne Elektromotor in die Pedale treten.

Schnelle E-Bikes nur mit Vignette und Helm

Die Vignettenpflicht für Velofahrer wurde 2012 aufgehoben. Die meisten Versicherer haben die Haftung bei Unfällen automatisch in die Privathaftpflichtversicherung aufgenommen. E-Bikes mit einer Tretunterstützung über 25 km/h benötigen hingegen ein Kontrollschild mit einer jährlich zu erneuernden Vignette. Erhältlich ist beides beim Strassenverkehrsamt. Bei Elektrovelos wird zwischen langsamen (Geschwindigkeit bis 25 km/h) und schnellen Ausführungen (bis 45 km/h) unterschieden. Für die schnellen, helmpflichtigen E-Bikes braucht es einen Führerausweis, mindestens in der Kategorie M, was der Motorfahrrad-Zulassung entspricht. Elektrovelos müssen auf Radwegen und -streifen fahren. Langsame E-Bikes dürfen auf Wegen mit Schildern fahren, die ein Fahrverbot für Mofas anzeigen. Für schnelle Elektrovelos ist dies nur bei abgeschaltetem Motor erlaubt. (seh)