«Dürfen Schulleitungen die Hausaufgaben überhaupt eigenmächtig abschaffen?»: St.Galler FDP-Politiker stellt kritische Fragen zur Schule ohne Ufzgi

FDP-Stadtparlamentarier Andreas Dudli will wissen, ob die Primarschule Feldli-Schoren die Hausaufgaben eigenmächtig abschaffen darf.

Christina Weder
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Anstelle der Hausaufgaben hat die Primarschule Feldli-Schoren eine Lernzeit im Klassenzimmer eingeführt.

Anstelle der Hausaufgaben hat die Primarschule Feldli-Schoren eine Lernzeit im Klassenzimmer eingeführt.

Bild: Lisa Jenny (St. Gallen, 20. Januar 2020)

Kinder aus der Primarschule Feldli-Schoren müssen sich nicht mehr mit Hausaufgaben herumschlagen. Die Ufzgi wurden versuchsweise für ein Jahr abgeschafft. Das Experiment läuft noch bis zu den Sommerferien. Die ersten Erfahrungen seien sehr positiv, sagte Schulleiter Ralf Schäpper gegenüber dieser Zeitung. Doch das Thema polarisiert. Nun schaltet sich FDP-Stadtparlamentarier Andreas Dudli in die Diskussion ein. Er hat eine Einfache Anfrage zum Thema eingereicht und will vom Stadtrat wissen:

«Dürfen Schulleitungen die Hausaufgaben überhaupt eigenmächtig abschaffen?»
Andreas Dudli, Stadtparlamentarier FDP.

Andreas Dudli, Stadtparlamentarier FDP.

Bild: Ralph Ribi

Er habe seine Zweifel daran, ob das rechtmässig sei, sagt Dudli auf Anfrage. Seiner Meinung nach müssten Hausaufgaben einheitlich geregelt sein. Nun wolle er Klarheit. Deshalb fragt er beim Stadtrat an, ob Hausaufgaben zwingend seien oder nicht.

Zudem will er wissen, inwiefern der Stadtrat in das Vorgehen der Schulleitung der Primarschule Feldli-Schoren einbezogen war. Er zitiert dabei aus dem Lehrplan Volksschule des Kantons St.Gallen: «Hausaufgaben fördern personale und fachliche Kompetenzen und unterstützen den Lernprozess. Im Weiteren ermöglichen sie den Eltern Einblick in den Schulalltag.»

«Aus meiner Sicht dürften es ruhig mehr Aufgaben sein»

Der FDP-Politiker macht kein Geheimnis daraus, dass er dem Experiment an der Primarschule Feldli-Schoren skeptisch gegenübersteht. Er ist selber Vater zweier Kinder. Das ältere besucht eine Grundstufenklasse in einem anderen Quartier und bringt jede Woche Ufzgi nach Hause – in überschaubarem Mass.

Der Achtjährige muss sich zweimal wöchentlich für fünf Minuten ans Pult setzen. Dudli findet: «Aus meiner Sicht könnte es ruhig mehr sein.» Er ist überzeugt, dass Hausaufgaben die Selbstständigkeit förderten. «Mein Sohn muss daran denken und sich die Zeit einteilen.» Das führe hin und wieder zu Diskussionen am Familientisch – vor allem, wenn der Sohn die Aufgaben abends um 18 Uhr noch immer nicht gemacht habe. «Ich versuche ihm beizubringen, sie vorausschauend zu erledigen.»

Schulleiter Ralf Schäpper findet es dagegen übertrieben, wenn sich Kinder nach sieben Schulstunden auch noch zu Hause ans Pult setzen müssen. Hauptgrund für die Abschaffung der Hausaufgaben war für ihn aber die Chancengleichheit. Für Kinder, die ihre Eltern nicht um Rat fragen können, bedeuteten die Hausaufgaben Stress, sagt er. Die Primarschule Feldli-Schoren hat anstelle der Ufzgi eine 20- bis 30-minütige Lernzeit eingeführt, die während der Schulzeit stattfindet und von einer Lehrerin oder einem Lehrer betreut wird. Das vorläufige Fazit an der Schule: Viele Lehrpersonen, Kinder und Eltern seien entlastet.

Doch es gibt noch weitere kritische Stimmen. Eine davon ist Bernhard Hauser, der an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen (PHSG) über frühes Lernen forscht. Er hält Hausaufgaben für notwendig, wie er gegenüber dieser Zeitung sagte. Aus seiner Sicht erhöhen sie die Übungszeit. Bei einer Abschaffung würden über die neun Jahre Volksschule etwa 700 Stunden Lernzeit pro Kind fehlen. Das gehe zu Lasten der Bildung.

Zurück zu Dudlis Frage: Darf ein Schulleiter die Hausaufgaben überhaupt eigenmächtig abschaffen? Florian Sauer von der städtischen Dienststelle Schule und Musik wollte am Montag noch keine Stellung nehmen.

Die Schulhäuser bestimmen, wie sie mit Hausaufgaben umgehen

Auch Brigitte Wiederkehr, stellvertretende Leiterin des kantonalen Amts für Volksschule, ist regelmässig mit dem Thema Hausaufgaben konfrontiert. Meist habe sie es allerdings mit Beschwerden von Eltern über zu viele Hausaufgaben zu tun – und nicht mit Reklamationen über zu wenige oder gar keine Ufzgi.

Fest steht für sie: Der Lehrplan Volksschule sieht Hausaufgaben vor und legt die zeitlichen Maximalwerte dafür auf jeder Schulstufe fest. Danach dürfen Lehrpersonen in der ersten und zweiten Klasse bis zu 60 Minuten Hausaufgaben pro Woche erteilen, in der dritten und vierten Klasse sind es 90 Minuten und in der fünften und sechsten bis zu 120 Minuten. Auf der Oberstufe sind je nach Stufe zwischen 180 und 240 Minuten zulässig. Über die Ferien und Feiertage dürfen keine Hausaufgaben erteilt werden, auf Primarstufe auch nicht übers Wochenende.

In welcher Form die Hausaufgaben aber aufgegeben werden, legt das kantonale Amt für Volksschule nicht fest. Es überlässt dies den einzelnen Schulhäusern. Die Lehrerteams haben den Auftrag, sich auf eine gemeinsame Handhabung der Hausaufgaben zu einigen, damit nicht jede einzelne Lehrperson eine eigene Regelung hat.

Diesem Auftrag komme die Primarschule Feldli-Schoren offensichtlich nach, sagt Brigitte Wiederkehr. Sie könne den Fall zwar nicht abschliessend beurteilen. Dafür würde ihr der Einblick in die Unterlagen fehlen. Sie hebt aber positiv hervor, dass sich das Lehrerteam im Feldli-Schoren offensichtlich viele Gedanken zu den Hausaufgaben gemacht habe – auch wenn es diese nicht mehr in der klassischen Form erteilt. Und dass es bereit sei, das Projekt weiterzuentwickeln und den Eltern weiterhin einen Einblick in die Schule zu gewähren, wenn auch auf andere Art.