Drucker von Sünden reingewaschen - Gautschete in Gossau

Die Firma Cavelti pflegt in Gossau einen historischen Druckerbrauch: Sie wirft Lehrlinge nach ­bestandener Prüfung in den Brunnen. Nicht ohne Schadenfreude. Gestern Abend war ein Rebell an der Reihe.

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Die «Packer» haben Lehrabgänger Marco Boscardin fest im Griff. Bild: Ralph Ribi (2. Juli 2019)

Die «Packer» haben Lehrabgänger Marco Boscardin fest im Griff. Bild: Ralph Ribi (2. Juli 2019)

Wehrlos wie ein Käfer liegt Marco Boscardin auf dem Rücken, die Arme gefesselt mit Kabelbindern. Rund um ihn stehen seine Arbeitskolleginnen und Kollegen der Druckerei Cavelti. Lehrmeisterin Daniela Herzig ist die erste, die dem 21-Jährigen einen Kübel Wasser über den Kopf schütten darf. «Es war manchmal harzig», blickt sie auf die Lehrzeit zurück. «Umso genüsslicher wasche ich ihn jetzt von seinen Sünden frei.» Dann tunken ihn seine Kumpels in eine Pfütze. «Das ist fast wie Waterboarding», scherzt einer.

Was makaber anmuten mag, ist ein historischer Brauch: die Gautschete. Ein Schriftsetzer- und Buchdruckerbrauch, auf den die Gossauer Firma viel gibt. Normalerweise müssen mehrere Lehrlinge das nasse Ritual nach bestandener Lehrabschlussprüfung über sich ergehen lassen; gestern Nachmittag kam nur Polygraf Marco Boscardin dran. Aus heiterem Himmel wird er im Betrieb gepackt und zum Restaurant Freihof gekarrt. Energisch wehrt er sich gegen seine vier «Packer». Doch es gibt kein Entkommen. «Packt an, Gesellen», ruft Guido Kaiser, Abteilungsleiter Druck. Er ist mit Samtjackett, knielangen Pluderhosen und weissen Strümpfen wie ein Edelmann aus dem Geschichtsbuch gekleidet. «Ein Sturzbad obendrauf, das ist dem Jünger Gutenbergs die allerbeste Tauf».

Triefend steigt Marco Boscardin aus dem Brunnen, das schelmische Grinsen ist ihm nicht vergangen. Nun gibt es Bier, Händeschütteln und Schulterklopfen von allen Seiten. Und weil es der Brauch so will, muss der «ehrbare Jünger der hochedlen Buchdruckerkunst» das Team im Tausch gegen den Gautschbrief auch noch zum Essen einladen – alle 50 Mitarbeitenden. Damit das nicht zum Ruin wird, darf es aber auch Kebab oder ein Grillabend im Wald sein. (mem)

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