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"Die schieben ihre Kinder ab, so hiess es damals": Susanna Gerber über 30 Jahre Tagesbetreuung in St.Gallen

Als sie ihre Stelle antrat, galt noch als Rabenmutter, wer seine Kinder in den Hort gab. Susanna Gerber arbeitet seit drei Jahrzehnten mit Kindern und Eltern und hat den Wandel der Tagesbetreuung in der Stadt St.Gallen wie keine zweite miterlebt.
Roger Berhalter
«Meine Neugier hat nie nachgelassen, bleibt meine Motivation und mein Motor»: Susanna Gerber im Tageshort in der Lachen, den sie 30 Jahre lang geleitet hat. (Bild: Ralph Ribi)

«Meine Neugier hat nie nachgelassen, bleibt meine Motivation und mein Motor»: Susanna Gerber im Tageshort in der Lachen, den sie 30 Jahre lang geleitet hat.
(Bild: Ralph Ribi)

Susanna Gerber, nach drei Jahrzehnten geben Sie die Leitung der Tagesbetreuung am Gerbeweg ab. Was empfinden Sie?

Die vergangenen Wochen waren emotional intensiv. Ich hatte ja schon im Mai mein Büro geräumt und mich von allen verabschiedet. Doch dann konnte mein Nachfolger seine Stelle erst später als geplant antreten, also kam ich wieder zurück, sozusagen als meine eigene Stellvertreterin.

Sie fingen 1989 am Gerbeweg an. Was war damals anders?

Heute haben wir an Spitzentagen fast 70 Kinder und beschäftigen zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Teilpensen. Damals betreuten wir zu dritt 30 Kindern, von der ersten bis zur sechsten Klasse. Es gab noch keine Blockzeiten, also war ein ständiges Kommen und Gehen.

Stimmt es, dass es damals als Schande galt, wenn man seine Kinder in den Hort gab?

Das ist hart ausgedrückt. Aber ja, es war damals nicht üblich, und die Eltern mussten sich dafür rechtfertigen. Anfangs kamen vor allem alleinerziehende Mütter zu uns sowie Eltern, die beide berufstätig waren. Die schieben ihre Kinder ab, so hiess es damals. Dabei waren sie auf die Betreuung angewiesen! Es war früher auch ein Privileg, einen Platz zu haben. Es gab Wartelisten bis zum Sankt Nimmerleinstag.

Heute plant die Stadt bedarfsgerecht: Jedes Kind, dessen Eltern einen Betreuungsplatz suchen, soll auch einen erhalten. Ist das der richtige Weg?

Ja, die Stadt nimmt die gesellschaftliche Entwicklung ernst. Insbesondere die Tatsache, dass es heute verschiedene Familienformen gibt. Familien sollten die Möglichkeit haben, diese Formen auch zu leben. Jedes Modell hat seine Vorteile, es gibt kein Richtig und Falsch. Wichtig ist, dass das Kind im Zentrum steht.

Wie zeigen sich diese Familienformen in der Tagesbetreuung?

Früher kamen nur Kinder von Eltern zu uns, die finanziell auf die Betreuung angewiesen waren. Heute gibt es eine neue Gruppe: Eltern, die sich bewusst für einen Betreuungsplatz entscheiden. Der Vater schaut vielleicht einen Tag zum Kind, die Mutter zwei, und die restlichen zwei Tage der Woche ist das Kind bei uns. Das gab es früher nicht.

Zur Person

Susanna Gerber ist in Zug aufgewachsen. Die Sozialpädagogin lebt seit 1985 in St.Gallen, wo sie fast 30 Jahre lang den Tageshort am Gerbeweg in der Lachen geleitet hat. Die 63-Jährige lebt in einer Partnerschaft, ist zweifache Mutter und vierfache Grossmutter. Bis zu ihrer Pensionierung im September 2019 wird Gerber weiter in der familienergänzenden Betreuung arbeiten und ihre Erfahrung einbringen. Danach freut sie sich auf mehr Zeit mit ihren Enkelinnen und für ihr Hobby: Sie organisiert regelmässig Gruppenreisen in die Mongolei.

Was hat ein Kind davon, wenn es sozusagen freiwillig in die Tagesbetreuung kommt?

Es lernt, wie man sich in einer Gruppe verhält. Schliesslich wachsen die wenigsten Kinder heute noch in Grossfamilien auf. In der Tagesbetreuung lernen sie voneinander, Ältere übernehmen die Verantwortung für Jüngere. Wenn zum Beispiel ein Kind hinfällt, ist sofort ein anderes Kind da, um es zu trösten. Oft sogar noch schneller, als es die Betreuerin könnte.

Sie haben am Gerbeweg schon früh Dinge erprobt, die heute Standard sind. Beispielsweise das Kochen mit Frischprodukten. Warum?

Zu Beginn bekamen wir die Mahlzeiten noch vom St.Galler Kantonsspital angeliefert. Das Essen war gut, aber nicht auf die Kinder abgestimmt. Das wollte ich ändern und stellte eine Köchin ein. Fortan roch es im Hort nach Essen, wenn die Kinder kamen. Wir kochten von Anfang mit Frischprodukten, verwendeten möglichst keine Plastik und produzierten möglichst wenig Abfall. Dies gaben wir den Kindern auch weiter. Das ist für mich Bildung!

Sie waren in St.Gallen der erste Hort, der für die Kinder ein Lager organisierte.

Ja, wir gingen zuerst nur für zwei Tage weg, merkten aber schnell, dass sich ein Lager erst ab einer Woche lohnt. Heute haben fast alle Tagesbetreuungen ihre Lager, sei es im Sommer oder im Herbst. Lager durchzuführen, ist eine verantwortungsvolle und strenge Sache. Der Lohn dafür sind die vertieften Beziehungen im Team und zu den Kindern.

St.Gallen baut die Tagesbetreuung derzeit im Eiltempo aus. Wo hapert es noch?

Im Vergleich zu anderen Städten sind wir grundsätzlich an einem guten Ort. Lange hat sich die Tagesbetreuung nur langsam entwickelt, jetzt geht plötzlich alles sehr schnell. Da muss man manchmal auch nachrüsten, was viel Geduld braucht.

Was werden Sie bis zu Ihrer Pensionierung noch angehen?

Ich werde weiter für die familienergänzende Tagesbetreuung arbeiten. Wir haben einige Projekte am Laufen. Unter anderem sind an den Primarschulen Hof-Kreuzbühl in Winkeln und Hebel-Bach in St. Georgen neue Tagesbetreuungen geplant. Da darf ich meine Erfahrung einbringen und die neuen Teams ein Stück weit begleiten.

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