«Dieses Schiff gibt mir eine Freiheit, die ich vorher nie hatte»: Der einstige Verdingbub Emil Balmer weiht sein selbst gebautes Boot im Horner Hafen ein

Es ist der besondere Abschluss einer besonderen Geschichte: Emil Balmer hat am Freitagnachmittag seine «Maryann» feierlich getauft. Der 75-Jährige hat sein Boot selbst gebaut.

Linda Müntener
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Emil Balmer (rechts) auf seiner «Maryann». Links von ihm sitzt Taufpatin Marianne.

Emil Balmer (rechts) auf seiner «Maryann». Links von ihm sitzt Taufpatin Marianne.

Bild: Linda Müntener

Als an diesem Freitagnachmittag auf dem Steg des Horner Hafens die Sektkorken knallen, sitzt Emil Balmer auf seinem Boot und schaut zur Hafenmauer, als könnte er noch gar nicht richtig glauben, was hier gerade passiert. Etwa 40 Leute stehen am Ufer und applaudieren ihm. «Bravo, Emil!» Sie alle sind gekommen, um den Abschluss einer besonderen Geschichte zu feiern.

Emil Balmer, 75 Jahre alt, ein ehemaliger Verdingbub, der einen schwierigen Lebensweg hatte, der dennoch nie verbittert wurde und sich vor wenigen Monaten ein eigenes Boot gebaut hat. Sein Lebenstraum, der in Erfüllung ging. An diesem Nachmittag ist Schiffstaufe.

Freunde, Bekannte und Schaulustige verfolgen die Zeremonie.

Freunde, Bekannte und Schaulustige verfolgen die Zeremonie.

Bild: Linda Müntener

Emil Balmers Geschichte, über die erstmals Tagblatt Online im Dezember 2019 berichtete, berührt die Menschen – nicht nur in der Ostschweiz. Nach der Einwasserung des Bootes meldete sich das Schweizer Fernsehen bei Emil Balmer und dessen Beistand Walter Bentivoglio. Der Senior aus Thal erschien im nationalen TV. Mittlerweile hat er sein Boot auch den Behörden erfolgreich vorgeführt und die Zulassung fürs Wasser erhalten. Fehlt nur noch ein Fest.

Ein Fest mit Musik und Zeremonie

An diesem Nachmittag steigt dieses Fest. Zuerst wird im Restaurant Traube am Hafen angestossen. Emil Balmer musiziert mit zwei Freunden in der Gartenwirtschaft an der Handorgel.

Balmers zweite Leidenschaft neben der Schifffahrt: die Musik. An seiner Schiffstaufe musiziert er selber.

Balmers zweite Leidenschaft neben der Schifffahrt: die Musik. An seiner Schiffstaufe musiziert er selber.

Bild: Linda Müntener

Nach und nach treffen die Gäste ein. Es sind Freunde, Bekannte und Schaulustige. Einige kennen Balmer seit Jahren, andere haben aus den Medien von ihm erfahren. «Ein richtiger Seebär», sagt ein Mann und lacht. Emil Balmer ist sichtlich gerührt, dass so viele gekommen sind. «Ich freue mich sehr.»

Dann geht's los. Der Protagonist des Tages wird verkabelt, es geht über den Steg zu seinem Boot, begleitet wird er von einer Freundin, die gleichzeitig die Schiffspatin ist.

Emil Balmer (recchts) und Taufpatin Marianne.

Emil Balmer (recchts) und Taufpatin Marianne.

Bild: Linda Müntener

«Maryann» soll das Schiff heissen. Heute ist sie mit Sonnenblumen, Balmers Lieblingsblumen, feierlich geschmückt. Mit ihren Bullaugen auf der Seite, den rot-weiss karierten Vorhängen und goldenen Laternen fällt «Maryann» auf. Im Innern hat sich der Seemann ein «Räucheröfeli» installiert, in dem er selbst gefangene Fische zubereiten will. Zufrieden sitzt er auf dem Heck und erklärt die Gerätschaften. Selbst als sich der Kameramann und der Moderator in die nur wenige Quadratmeter grosse Kabine zwängen, lässt sich der Senior nicht aus der Ruhe bringen. «Ich fühle mich hier heimelig», sagt er.

«Dieses Boot gibt mir eine Freiheit, die ich vorher nie hatte.»

Emil Balmer hat Wetterglück. Pünktlich zum grossen Moment strahlt die Sonne über dem See. Plötzlich fährt ein weiteres Boot in den Hafen ein.

Auf ihm steht der Rorschacher Bootsfahrschulinhaber Roman Frommenwiler, verkleidet als Pirat, sowie eine «Meerjungfrau» und «Neptun». Nach einer kurzen Ansprache muss Balmer mit Fragen rund um das Schiff beweisen, dass er wasserfest ist. Roman Frommenwiler überreicht ihm eine Urkunde. «Maryann» ist jetzt offiziell getauft. Jubel vom Ufer. Der Pirat hebt sein Glas, schaut zum Seebär und sagt: «Emil, wir sind alle stolz auf dich.»

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