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Serie

Leben in der Agglo (IV): Dieses Paar wohnt im 54 Meter hohen Skylounge-Tower in Rorschach: «Die Anonymität hier ist herrlich»

Das Wohnen im Hochhaus hat keinen guten Ruf. Dabei gebe es nichts Schöneres, finden Bewohner eines Skylounge-Towers in Rorschach.
Melissa Müller
Hans und Eva Meier wohnen im höchsten Gebäude von Rorschach. (Bilder: Benjamin Manser)

Hans und Eva Meier wohnen im höchsten Gebäude von Rorschach. (Bilder: Benjamin Manser)

Leben in der «Agglo»

Beim Wort Agglomeration denken wir an Betonwüsten und Stau, aber nicht an unsere Wohngemeinden. Doch ob Landgemeinde wie Muolen oder Kleinstadt wie Gossau: Sie alle liegen im Sog der Stadt St.Gallen und bilden damit eine gemeinsame Agglomeration. In dieser Serie widmet sich die Redaktion Gossau/St.Gallen und Umgebung der «Agglo»: ihrem Verkehr, dem Wandel vom Bauerndorf zur Shoppingmeile und den politischen Grenzen, die sich in ihr immer mehr verwischen.

Sind wir hier in Manhattan? Wer vor den Skylounge-Towers in Rorschach steht, wähnt sich in einer Metropole. «Nicht geschenkt würde ich hier wohnen wollen», sagt eine ältere Dame, die mit ihrem Hund vorbeispaziert. Sie schaut hoch an den 54 Meter hohen Türmen mit insgesamt 220 Wohnungen. In solch anonymen Wohnungen, stellt sich die Dame vor, leben einsame alte Menschen, die allein sterben und erst nach Wochen entdeckt werden.

Doch wie ist es wirklich, das Leben im Hochhaus? Der Eingang des mittleren Baus wirkt gesichtslos: viel Glas, Beton, rund 80 normierte Klingelschilder. Wir fahren mit dem Lift empor und klingeln bei wildfremden Leuten. Im 14. der 16 Stöcke haben wir Glück. «Kommen Sie herein, wollen Sie einen Kaffee?» Eva Meier bittet in ihre Penthousewohnung voller moderner Kunst. Ihr Mann sitzt in einem grasgrünen Designersessel. Auf dem Fenstersims liegt ein Feldstecher, über dem langen Esstisch schwebt eine wolkenförmige Lampe. Die Küchenablage ist aus einem riesigen roten Stein. «Brasilianischer Granit», sagt Hans Meier. Das Spektakulärste ist aber die Rundumsicht: auf den Rorschacherberg, die Alpen, über den Bodensee und bis weit über das deutsche Seeufer hinaus.

Oben eine Bar, unten ein Bistro: Der Turm der Firma Fortimo.

Oben eine Bar, unten ein Bistro: Der Turm der Firma Fortimo.

«Ich freue mich jeden Morgen, wenn ich aus dem Fenster schaue», sagt Eva Meier. Die 67-Jährige entdeckte ihre Traumwohnung an einem «Tag der offenen Tür». Eigentlich ging sie bloss aus Neugier hin, «weil ich mir diese Hochhäuser, über die alle motzen, anschauen wollte.» Denn als die drei Türme 2013 bis 2015 errichtet wurden, empörten sich viele Rorschacherinnen und Rorschacher. «Wie Zähne ragen sie hervor, wenn man vom See her ans Ufer schaut», lästerten böse Zungen. «Die Bauten sprengen den Massstab der Landschaft, wirken arrogant und selbstbezogen», meinte ein Architekt damals. Stadtpräsident Thomas Müller habe sich damit «ein städtebauliches Denkmal» gesetzt, schrieb das Kulturmagazin «Saiten». Denn Hochhäuser sind oft auch ein phallisches Symbol der Macht – man denke an extreme Wolkenkratzer, wie man sie in Dubai antrifft.

Kein Ghetto, sondern ein Daheim für gut Situierte

«All die Leute, welche die Überbauung ‹Stadtwald› schlecht reden, haben keine Ahnung», sagt Hans Meier in seiner Fünfeinhalbzimmerwohnung im 14. Stock. «Wir sind sehr privilegiert – und näher am Himmel.» Der pensionierte Immobilienhändler schwärmt von der Ruhe.

«Und diese Anonymität hier oben. Herrlich!»

An engen nachbarschaftlichen Kontakten ist das kinderlose Ehepaar wenig interessiert. Die Nachbarn treffen sie manchmal auf der Dachterrasse. «Jeder räumt seinen Abfall selber weg, das klappt tipptopp», sagt Eva Meier.

Das Hochhaus sei kein «Ghetto für Alte», es lebten hier vor allem gut Situierte. Chefärzte, Chinesen und Vietnamesen, aber fast keine Kinder. Untersuchungen belegen, dass das Leben im Hochhaus für kleine Kinder eher ungeeignet sei. Sie sollten eher in den unteren Etagen wohnen, damit der Sichtkontakt zu den Eltern gegeben ist, wenn sie draussen spielen.

Früher besassen Hans und Eva Meier ein Einfamilienhaus in Rorschach. «Hier fühle ich mich aber zehn Mal wohler und sicherer», sagt sie. Während ein eigenes Haus einen ständig auf Trab halte, müsse man im Hochhaus weder Schnee schaufeln oder Rasen mähen noch Fenster putzen. Die Fensterputzer kommen zwei Mal im Jahr mit einem Aussenlift an der Fassade vorbei.

Der Blick von der 54 Meter hohen Dachterrasse auf den Bodensee.

Der Blick von der 54 Meter hohen Dachterrasse auf den Bodensee.

Zu viele Velos und Zalando-Päckchen

Wo viele Menschen unter einem Dach wohnen, kommt es aber auch zu Reibereien. «Es gibt immer Leute, die motzen. Und solche, denen die nötige Disziplin fehlt», sagt Hans Meier. Vier Jahre lang habe sich die alte Verwaltung um nichts geschert, weder um eine ordentliche Beschriftung im Haus noch um Reparaturen. Hans und Eva Meier setzten sich für einen Verwaltungswechsel ein. Der neue Ansprechpartner kümmere sich sofort, auch um nervigen Alltagskram.

Zum Beispiel im Veloraum. «Gottfried Stutz, da standen zu viele Velos herum», sagt Hans Meier. Er veranlasste ein Schreiben an alle Bewohner, mit der Bitte, eigene Velos mit Etiketten zu kennzeichnen. Herrenlose Fahrräder ohne Beschriftung wurden aussortiert und nach Rumänien geschickt. «Seither haben wir Platz im Velo­keller.» Meier schlug auch vor, einen zusätzlichen Container für Karton aufzustellen – wegen der vielen Zalando-Päckli. Ein minimales Mass an Organisation sei unverzichtbar.

«Und es braucht einen Leithammel, sonst läuft die Herde falsch.»

Im mittleren Skylounge-Tower seien die Bewohner zufrieden, es gebe kaum Verkäufe und Eigentumswechsel. «Hier wollen wir bleiben, bis wir im Altersheim landen», sagt Eva Meier. Im benachbarten Hochhaus der Firma Fortimo stehen hingegen 17 der 80 Wohnungen leer. Junior-Bewirtschafterin Maja Petkovic führt potenzielle Mieter durchs Haus. Im Erdgeschoss befindet sich eine Bäckerei mit einem Café, auf dem Dach eine Bar. «Wir haben viele Wechsel. Die Konkurrenz auf dem Wohnungsmarkt ist gross, und es wird viel gebaut», sagt Maja Petkovic.

Einige junge Paare hätten sich im Hochhaus niedergelassen sowie Geschäftsleute aus dem Ausland. Denn die Firma bietet auch möblierte Wohnungen an, die ab einem Monat gemietet werden können. So könnte man es ausprobieren, das Wohnen im Hochhaus – und Höhenluft auf Zeit schnuppern.

Im Rahmen der Serie bereits erschienen:

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